Köln: Kunst statt Krawall

Es waren Bilder, die im In- und Ausland für Entsetzen sorgten: Chaos, Hunderte enthemmte Männer, inmitten von Gruppen explodierende Böller, massive Übergriffe auf Frauen, eine überforderte Polizei. Die Silvesternacht vergangenes Jahr in Köln brannte sich als Horrornacht  ins Gedächtnis ein.

Geists Mission

Philipp Geist weiß, wo er vergangenes Silvester war. Und er weiß, wo er am kommenden Silvester sein wird. Vor einem Jahr war er „in Berlin, zu Hause, mit Freunden“. In wenigen Tagen, am 31. Dezember, wird er an der Kölner Domplatte sein. Mit einer großen Mission: Er soll Licht dorthin bringen, wo vor einem Jahr der Schrecken herrschte. Geist bleibt ruhig, er freut sich auf die Aufgabe, die ihn selbst noch ein bisschen stärker ins Rampenlicht schieben wird. „Es ist die richtige Reaktion auf ein schlimmes Ereignis. Man setzt nicht nur einfach auf helles Licht, nach dem Motto, Hauptsache, wir erkennen alles, sondern sucht eine kreative Lösung, eine, die zur Kommunikation einlädt. Angst ist keine gute Reaktion.“

So will Köln diesmal für Schlagzeilen sorgen: mit einem positiven Impuls statt der Einrichtung eines Hochsicherheitsareals (überwacht wird das Gelände übrigens trotzdem).

Kommunikation übers Licht

Philipp Geist weiß, wie man Menschen miteinander ins Gespräch bringt, und das weltweit. Er hat die Christus-Statue in Rio de Janeiro angeleuchtet, Theatertinerkirche und Frauenkirche in München, den Königspalast von Bangkok. In Bayreuth projizierte er seine Bilder an den zwölf Stockwerke hohen Rathausturm.  Begriffe und Bildzitate wie Feuer, Ring und Schwert tauchten in der Installation auf, immer wieder auch der markante Kopf des Meisters. Da hallte geisterhafte Musik, wieder mit Zitaten Wagners, wie verweht über den Luitpoldplatz, an 40 Abenden, von neun bis Mitternacht. Geist ließ den Rathausturm mit seiner Lichtinstallation verschmelzen und den an sich hässlichen Bau in einem neuen Licht dastehen. Und er holte Leben auf den Luitpoldplatz: Viele Bayreuther genossen den Anblick bei einem Kaltgetränk an einem der Stände dort.

Gast in Teheran

Sogar in Teheran führte der Oberbayer und Wahlberliner seine Kunst schon vor. Für die Fassade  des Azadi-Tower gestaltete er eine Lichtinstallation mit dem Titel „Gate of Words“, als Gesamtkunstwerk, das künstlerisch, mit Worten und abstrakten Bildkompositionen, die Themen Freiheit, Frieden, Raum und Zeit ins Zentrum der iranischen Hauptstadt stellte. „Ein großartiges Erlebnis“, sagt Geist, der von überwältigenden Erfahrungen mit der Feingeistigkeit und der Kultur der Iraner erzählen kann. Zensur der Mullahs? „Nein, dann hätte ich es nicht gemacht.“

Zur Zeit wird dort der Raum

Und nun soll er die bösen Geister der Erinnerung von der Domplatte in Köln bannen. Er spüre keinen Druck, sagt er, eher freudige Spannung. 17 große Projektoren stellt er in diesen Stunden auf, sie sollen auf die Domplatte Worte projizieren, „ein chaotisch angeordneter Wortteppich, verzerrt, gedreht, auf dem Boden verwoben“, sagt er. Für Bewegung sorgen hauptsächlich die Besucher, die die Begriffe auf ihre Körper projiziert wahrnehmen. „Die Bürger bewegen sich im Strom der Zeichen, sie driften über die  Lichtbilder.“ Künstlicher Nebel soll die Projektionen dreidimensional erfahrbar machen, „Nebel, der im nächsten Augenblick vom Wind zerstäubt wird und Zeit erfahrbar macht“.

Viel hängt ab von Silvester

Projektionen wirft er auch auf die Fassaden des Domforums und des Römisch-Germanischen Museums. Der Dom selbst bleibt außen vor. „Der bleibt so beleuchtet, wie er immer beleuchtet wird“, sagt Geist.

Eine gewisse Anspannung erlebt er zur Zeit, „es gibt eine Menge zu koordinieren“, sagt Geist. Feiern wird er an Silvester selbst nicht. „Ich sitze natürlich am Domplatz“, sagt er. Für Ausgelassenheit wird er da kaum Zeit haben, er setzt auf Prioritäten. „Ich hole die Feier wohl erst nach, wenn mein Projekt vorbei ist.“

Für Köln und den Künstler hängt von diesen Silvesterfeiern viel ab.    

 

 

 

 

 

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