"Kein Opernmäuschen": Lance Ryan

Sie sind Veganer. Das erwartet man gar nicht von einem Helden wie Siegfried, der sich doch normalerweise sein Mittagessen im Wald selber jagt.

Lance Ryan: Stimmt. Aber genau betrachtet ist das ein Lebensstil, den man annimmt, keine Frage des Charakters. Das betrifft zunächst mal nur die Ernährung. Mich hat dann allerdings auch die ethische Frage immer stärker interessiert. Es ist etwas, das man tun kann, um die Welt zu verbessern. Vegane Ernährung ist besser für die Umwelt, man verursacht viel weniger Kohlendioxid. Übrigens gibt es auch viele Sportler, die sich vegan ernährt haben, etwa Carl Lewis. Es ist nicht so kompliziert, sich vegan zu ernähren, gerade in Deutschland. Auch in Bayreuth gibt es ein Restaurant, in dem ich vegan essen kann. Ich habe vor sieben Jahren damit angefangen, und ich fühle mich wohl.

Sind Sie damit ein moderner Held?

Ryan: Nein, ich versuche, Verantwortung anzunehmen. Man liest, wir befänden uns gerade im Anthropozän, in der Epoche des Menschen. Und wir haben so viel Macht, so viele Möglichkeiten, diese Welt zu gestalten. Ich glaube, es liegt in unserem Interesse, dass wir uns um die Erde kümmern. Das wird niemand sonst für uns übernehmen.

Ansonsten könnte die Angelegenheit für uns ja auch wie die Götterdämmerung für Walhall ausgehen.

Ryan: Wir haben so viele Tausende Jahre gegen die Natur gekämpft, um zu überleben. Kämpfen müssen wir nun eigentlich nicht mehr, wir wissen doch an sich, wie das geht, gerade wir hier im Abendland. Besonders in dieser Friedenszeit können wir uns auch mal andere Tugenden vorstellen als Menschen früherer Epochen, und wir wissen, dass die Freude der höchste Wert des Menschen ist. Ich habe keine Kinder, aber ich denke an meine Nichten, und da weiß ich, es ist besser, wenn ich mein Leben einfach verantwortlicher führe.

Von den großen Themen zu den kleinen Widrigkeiten: Wie sehr haben Sie die Buhs in Bayreuth getroffen?

Ryan: Hm, ich bin ein bisschen traurig, man denkt sich, schade. Aber ich nehme das nicht persönlich. Mir ist wichtig, dass es meine Kollegen, Frank und Kirill (Frank Castorf, Regisseur des „Rings“, Kirill Petrenko, der Dirigent. Anm. der Red.) gut finden. So was gehört zur Arbeit. Hugo Wolf hatte Probleme, Mozart hatte Probleme, und sogar Enrico Caruso ist mal ausgebuht worden. Also, was bedeutet das? Das Publikum ist nicht zufrieden, na ja, das tut mir leid, aber ich bin nicht dafür verantwortlich. Das ist nicht meine Produktion, ich bin nicht der Dirigent, ich bin nur ein Darsteller. Ich gehe da hin, ich mache meine Arbeit, und was passiert, passiert.

Gegenüber der dpa sprachen Sie von Wut, die Sie spürten, vor der sie Angst hatten...

Ryan: Ich meinte eigentlich, dass, wenn eine Gruppe ein Feindbild ausmacht, und diese Gruppe konzentriert ihre Unzufriedenheit, ihre negative Kraft auf dieses Feindbild, dann kann das ein wenig Angst machen. Ich nehme das nicht persönlich, wie gesagt, aber die Haltung, die dahinter steckt... puuh, das ist schon sehr kräftig. Wenn jemand sich mittags in der Stadt so verhalten würde – ich glaube, da würde mancher die Polizei rufen. Ich glaube nun nicht, dass mich da jemand umbringen möchte, mir geht’s auch gar nicht um mich. Aber dass sich die Leute verlieren, dass sie ganz vergessen, welche Macht sie da haben, das kann einem schon Angst machen.

Ist das Publikum hier speziell?

Ryan: Ich glaube schon. Es gibt hier fast diese Idee von einem Tempel.

Es soll Leute geben, die glauben, dass Wagner mehr sei als Musik, nämlich Religion.

Ryan: Man muss sich klarmachen, dass Bayreuth der Punkt ist, an dem es um das Kunstwerk der Zukunft gehen sollte, dass es kein Museum ist. Was Wagner eigentlich darstellen wollte, sind ewige Fragen der Menschheit, gültig in jeder Epoche, es geht um Liebe, Macht. Man kann das hier darstellen, in China, in Afrika, egal. Ob Bayreuth dennoch ein spiritueller Ort ist? Nun, ich bin kein spiritueller Mensch. Religion ist für mich ein Instrument der Kultur, aufgekommen in der Zeit, als die Menschen sesshaft wurden. Davor war Kultur die Ausnahme. Die Ideen von Kultur und Religion haben etwas zu tun mit der unglaublichen Vorstellungskraft der Menschen. Etwas genießen zu können, das kann der Mensch. Ich würde da aber nicht von Spiritualität sprechen wollen. Der Ursprung der Menschen ist sehr gewalttätig, man brauchte Ordnungssysteme, um diese Gewalt einzudämmen. Wir sollten so weit sein, uns nun mehr in der Kultur einzurichten. Uns mit Fragen beschäftigen, wer wir sind, warum wir leben, wie unser Verhältnis zueinander ist, was unsere Verantwortung ist. Das ist rein menschlich. Ich darf diese Fragen nicht an etwas über mir oder jenseits delegieren. Hier in Bayreuth finden gewaltige Dinge statt, aber ich sollte mich fragen warum. Nicht einfach nur freuen und staunen, sondern sich fragen. Wagner stellte diese Archetypen auf die Bühne, um zu sagen: Schau her, Mensch, so bist du. Frage dich, kannst du dich verbessern, oder steuerst du auf Flut und Feuer zu? Eine rein menschliche Frage, so war es von Wagner gemeint.

Ihr letzte Interview schlug Wellen. Hat man Sie das in Bayreuth spüren lassen?

Ryan: Ein paar Leute haben etwas erwähnt, und da dachte ich mir, vielleicht sollte ich erst einmal schauen, was da stand. Das was ich sagen wollte, konnte ich da gar nicht lesen. Ich war traurig, hab’s aber akzeptiert und mir gesagt: Deine Interessen sind nicht die Interessen der ganzen Welt. Ich weiß schon, dass etwas, das ich ganz interessant finde, andere ganz langweilig finden. Nun, und da spürt nun man diese starke negative Energie über den Graben hinweg. Das ist merkwürdig. Da steht einer, der denkt und fühlt wie andere Menschen auch, aber das interessiert gerade niemanden. Das ist etwas traurig, ja.

Fehlt es an Respekt vor Leuten auf und hinter der Bühne?

Ryan: Ein bisschen schon. Es ist eine Frage des Ernstgenommenwerdens. Die Leute arbeiten hart, sie ringen um die Produktion. Ich habe das Gefühl, das Publikum wollte sagen: Diese Art von Theater geht nicht. Nicht in Bayreuth. Doch es hat ja funktioniert. Wenn die Leute höflich geklatscht hätten, dann hätten sie damit zu verstehen gegeben: Diese Provokation hat nicht funktioniert, wir sind über dieses Theater hinaus, es hat überhaupt keinen Wert. Frank wollte provozieren, und er hat es geschafft. Frank wollte zeigen, dass seine Art von Theater noch immer die Menschen trifft. Manche Zuschauer wissen das nicht, sonst würden sie nicht mit so einer Wut reagieren. Es geht aber nicht nur darum, dass es die Leute schön finden. Es geht um wichtige Fragen.

Trotzdem: Das kann schon mal wehtun. Klopfen einem die Kollegen tröstend auf die Schulter, Frank Castorf etwa?

Ryan: Frank hat mich schon gestützt, auch Kirill. Die beiden wissen, dass ich es ernst meine, dass ich mich wirklich reinhänge. Wenn ich mir Probleme mache darüber, was die Leute denken – dann bin ich im falschen Beruf. Ich lege meine Ehre ein, um das umzusetzen, was der Regisseur will. Ich komme hierher um zu singen, danach gehe ich nach Hause. Ich habe mein Leben, meine Meinung, die nicht zur Arbeit gehören. Ich halte das auseinander. Ich bin kein Opernmäuschen. Wie viele Bravos oder Buhs ich bekomme, das interessiert mich nicht. Ich bin hier, weil es um wichtige Fragen geht, auch um eine einmalige künstlerische Gelegenheit.

Sie wollten mal Rocksänger werden, habe ich gehört.

Ryan: Nicht Sänger, Gitarrist. Ja, das war mal ein Traum für drei, vier Jahre. Ich spiele heute noch. In meiner Freizeit singe ich nicht, da spiele ich Gitarre. Oder ich lese, oder ich wandere in den Bergen. Singen, das ist Beruf. Ich habe diese Fähigkeit mit 18, 19 Jahren entdeckt und mich gefragt, was ich damit anfangen kann. Ich interessierte mich sehr für Musik, wusste da aber schon, dass ich kein toller Gitarrist bin. Also habe ich mich gefragt, was ich mit meiner Stimme anfangen kann. Und es ist mir gelungen. Ich habe diese unglaubliche Gelegenheit, mit tollen Künstlern zusammenzuarbeiten. So was will doch jeder. Der Lebensstil mit dem vielen Reisen ist nicht ideal, das war toll, als ich jung war. Aber jetzt... Aber ich kann nicht meckern. Ich habe auch viel Freizeit. Ich spiele Gitarre und lese.

Was lesen Sie im Moment?

Ryan: „Before the Dawn“, von Nicholas Wade, über die Ursprünge und Entwicklung der Menschheit. Und „Our Mathematical Universe“ von Max Tegmark, über Physik und Quantenmechanik, über Paralleluniversen. Das ist besser als „Star Trek“. Es braucht so viel Intelligenz, so viel Zeit und Kraft, um das zu erforschen, um zu erklären, was ein schwarzes Loch ist. Forscher wie Max Tegmark gehen von Formel zu Formel und erschließen uns so das Universum – das ist doch fabelhaft.

⋌Das Gespräch führte Michael Weiser

Nicht bewertet

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Kommentare

So so, es geht also nur ums provozieren. Wenn die Zuschauer etwas schön finden, dann ist es schon mal nichts. Insofern war der Ring dann wohl ein "Erfolg", zumindest aus der Sicht des Regisseurs.
Es darf aber ruhig davon ausgegangen werden, dass vor dem Vorhang wohl mehr Leute sitzen, welche vom Thema durchaus Ahnung haben, als ein Großteil derer, die auf und hinter der Bühne sind. Und wenn diese dann ihr Missfallen über eine mittelmäßige sängerische Leistung kundtun, bestätigen sie nur das, was Herr Thielemann auch anspricht. Dass nämlich bei den Sängern noch "Luft nach oben" sei. Für die Besetzung des Siegfried trifft dies sicher zu. Dass Herr Ryan sich einerseits persönlich ärgert, andererseits aber so tut, als rührte es ihn nicht, spricht schon von einer besonderen Ambivalenz. Er kassiert die Buhs nicht nur für die eigene "Leistung", sondern gleichsam pars pro toto auch für die sinnfreie, inhaltsleere und von Beliebigkeit strotzende Regie.
Und diese ist eben keine nach vorne gerichtete Interpretation. Sondern vielmehr der rückwärts gerichtete Versuch, Sowjet- bzw. DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten und endet eben genau so wie diese beiden Systeme, nämlich im Chaos.
Das vielgeschmähte Stadttheater, im hintersten Winkel der Republik hat derlei "Regie" allerdings schon lange hinter sich. Und ein B. Brecht, welcher immer als Kronzeuge für derlei "Stückezerstörung" in Anspruch genommen wird, würde sich ob derlei Schwachsinn im Grabe umdrehen.
Einen Vorteil hat dies Inszenierung jedoch:
Auf Grund ihrer Beliebigkeit könnte sie auch für andere Opern dienen. sie wäre in einer Zauberflöte, einem Freischütz oder Rosenkavalier nicht weniger fehl am Platze.
Was liegt also näher, als sie für die nächsten Meistersinger, Parsifal, Tannhäuser usw. zu verwenden? Dies böte dem ohnehin finanziell klammen Festspielhaus durchaus ein gewaltiges Einsparpotenzial.
Montag, 13. November 2017 - 11:06