Judenhass bei Holocaust-Gedenken

Der 32-Jährige aus dem Landkreis Bayreuth fuhr gegen 16.15 Uhr mit dem Auto am Nordring bei der Personengruppe an dem Gedenkstein für die Häftlinge im Außenlager Bayreuth des Konzentrationslagers Flossenbürg vorbei. Ein Teilnehmer der Gedenkfeier berichtet: „Er hat das Fenster runtergekurbelt und was gegen das Gedenken geschrien. Genau gehört habe ich es nicht. Ich habe nur mitgekriegt, dass er sein Auto abgewürgt hat.“

Peter Weintritt, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Lehrer, war ebenfalls vor Ort: „Ich habe die Worte nicht genau gehört. Ich wollte mir durch solche Leute mein Gedenken nicht stören lassen. Aber eines ist klar: Das war eindeutig feindselig.“ Weintritt, der im Geschichtsunterricht jungen Leuten immer wieder die Ungeheuerlichkeit des Judenmordes durch die Nazis nahezubringen versucht, sagt: „Man merkt, dass in der gesellschaftlichen Diskussion Tabus gefallen sind. Vor zehn Jahren wäre so etwas nicht denkbar gewesen.“

Wohl eher eine Spontantat

Leo Rauh, der Sprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, der gerade seine Gedenkrede hielt, sagt: "Was er genau gebrüllt hat, habe ich nicht verstanden. Ich habe meinen Vortrag auch nur ganz kurz unterbrochen." Rauh ist, wie andere Teilnehmer an dem Gedenken, überzeugt: "Das war keine gezielte Provokation, sondern eine Spontantat - was es vielleicht sogar schlimmer macht."

Was hat der mutmaßlich rechtsgerichtete Autofahrer nun genau gebrüllt? Polizeisprecherin Anne Höfer erklärte auf Anfrage, sie wolle den genauen Wortlaut der Beschimpfungen nicht wiedergeben. Der Verdacht der Volksverhetzung werde noch geprüft, erwiesen sei wohl der Tatbestand der Beleidigung.

Mittelfinger gezeigt

Auch Peter Igl, der hiesige Verdi-Gewerkschaftsfunktionär, kann nicht zur näheren Aufklärung beitragen: „Ich habe es nicht genau gehört. Aber man hat gespürt, dass es ein feindseliger Protest war und eine Störung des Gedenkens.“

Mehr wissen junge Leute der Bayreuther Antifaschisten und der linken Gewerkschaftsjugend. Einige versuchten den Störer zur Rede zu stellen. Stella Prott von der Gewerkschaftsjugend berichtet auf Anfrage, ihre Kollegen hätten dies berichtet: Der Autofahrer habe den Mittelfinger gezeigt und „Scheiß-Judenfreunde“ gerufen. Die 23-jährige Studentin sagt: „Einerseits war ich erleichtert, dass das offenbar keine Gruppe von Leuten war, die gezielt auf uns los ist. Der Mann ist ja dann in den Baumarkt zum Einkaufen gegangen. Andererseits zeigt der Vorfall, wie die Haltung vieler mittlerweile ist. Ich finde es unheimlich und eindrücklich, dass solch ein rechtsgerichteter Gefühlsausbruch so spontan erfolgt.“

Prott berichtet, dass einer ihrer Freunde dem Störer hinterher sei und ihn zur Rede stellen wollte: Der jedoch sei nicht auf den Dialog eingegangen. „Ich finde das sehr schade. Mich würde interessieren, was solche Leute denken.“

 

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