Inklusionspreis: Führungen für Behinderte

Die Stimmung ist gelöst, der Regen über dem Landesgartenschau-Gelände hat gerade aufgehört. Alle warten auf das Konzert von Michael Fitz. Fitz kommt auch auf die Bühne. Doch er ist nicht allein. Irene von der Weth vom Paritätischen Oberfranken steht neben ihm, übersetzt, was er sagt, in Gebärdensprache. Ein erster Brückenschlag in die Welt der Sehenden und Hörenden in die Welt derer, die nicht hören. Ein Zeichen: alles normal. Jeder ist dabei. Genau darum geht es in diesem Moment, sollte es in jedem Moment gehen. Teilhabe jedes Menschen an jeder Veranstaltung.

Ein Film als Augenöffner

Michael Fitz ist Schirmherr für den Inklusionspreis der Luise-Kiesselbach-Stiftung. Dieser Preis ging am Samstag nach Bayreuth. Mit 2500 Euro ist der Preis dotiert. Geld, das schon so gut wie verplant ist, wie Gudrun Gärtner vom Sozialdienst für Hörgeschädigte in Oberfranken sagt. Für Hol- und Bringdienst, für die Finanzierung von Gebärdendolmetschern. Fitz sagt, ihm hätte ein Filmdreh vor neun Jahren die Augen geöffnet. "Ich habe den Vater einer schwerbehinderten Tochter gespielt. So bin ich mit dem Thema in Berührung gekommen und habe festgestellt, dass viele behinderte Menschen in einer Parallelwelt leben. Das hat mich gepackt."

Parallelwelt auflösen, nicht über Inklusion reden

Es gehe darum, die Parallelwelt aufzulösen, sagt Margit Berndl, die Chefin der Luise-Kiesselbach-Stiftung. Dazu gebe es die Forderung nach Inklusion, "wobei Inklusion schon sehr inflationär verwendet wird . Man muss den Perspektivwechsel vorantreiben. Mit der Fragestellung: Was können wir als Gesellschaft tun, damit Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich dabeisein können", sagt Berndl. Deshalb werde der Preis zum zweiten Mal nach 2013 vergeben und gehe erstmals nach Bayreuth. "An ein Projekt, das genau das tut." Im Kunstmuseum setze der Kunsthistoriker Philipp Schramm "beispielhaft und exemplarisch in die Praxis um", was in anderen Teilen der Gesellschaft nicht lange nicht angekommen ist: "Die selbstverständliche Teilhabe aller Menschen an ganz normaler Kunst-Führung." 

Kulturelles Bildung als wichtiges Ziel

Kulturelle Bildung, wie sie Schramm und seine Helfer vermitteln, sei ein wichtiges Ziel, sagt Berndl. "Es gibt keine Sonderführung, alle gehören dazu." Menschen mit Sehbehinderung, Menschen mit Hörbehinderung, "oder Taubblinde, die ja sehr eingesperrt sind in ihre Welt. Gerade für sie ist das eine wichtige Öffnung". Bei Kunst inklusiv können blinde Menschen Skulpturen ertasten, taubblinden Menschen wird die Beschreibung der Kunst in die Hand geschrieben, "in die Hand gelormt", wie Irene von der Weth sagt. Alles ganz selbstverständlich? Nicht ganz. Die Dolmetscher dafür zahlt der Paritätische bislang, das Preisgeld von 2500 Euro verschafft da ein bisschen Luft. Und: Von der Weth hofft, dass das beispielgebende Projekt Schule macht. Von Bayreuth aus ins Land geht.

Alles ganz normal

Michael Fitz setzt da noch eins drauf: Als erstes Lied seines Konzerts auf der Seebühne, die ihm wegen der Größe durchaus Respekt einflößte, wie er sagt, spielt er "Hinter meiner Stirn", übersetzt von Gudrun Gärtner in Gebärdensprache. Ein liebenswertes Lied, in dem Fitz darüber erzählt, wie durcheinander doch so vieles läuft. Alles ganz normal. 

Hier finden Sie einen Artikel über das Projekt Kunst inklusiv

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