Hofs Filmchef: "Festival der Entdeckungen"

Herr Schaumann, Sie sind alles andere als ein Neuling im Filmgeschäft.Wo setzen Sie die Schwerpunkte bei Ihrem neuen Job in Hof? Und nach welchen Kriterien wählen Sie Filme aus?

Thorsten Schaumann: Die Internationalen Hofer Filmtage sind und bleiben das Festival der Neuentdeckungen. Das gilt für den Spiel-, Dokumentar- als auch für den Kurzfilm. Ich finde es wichtig, dass wir als Home of Films (HoF) für alle Filmemacher eine Atmosphäre bieten, in der sie sich wohlfühlen, und die Filme eine optimale Aufmerksamkeit bekommen. Das sollen Filme sein, die emotional bewegen – und dies unabhängig vom Genre.

Starke Frauen sind ein Trend im Film

Sehen Sie bestimmte Entwicklungen bei den Filmen, die für den Wettbewerb in Hof eingereicht werden?

Schaumann: Obwohl in Hof natürlich immer einige Filme von einer Jury ein wenig stärker durch einen Preis hervorgehoben werden, ist das ja kein richtiger Wettbewerb. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn alle Filme, die bei den Filmtagen laufen, sind ein gleichwertiger Bestandteil des HoF. Und da gibt es in der Tat ähnliche Entwicklungen beziehungsweise Themen, die die Filmemacher aufnehmen. Oft sind es starke Frauen, die ihre Unabhängigkeit leben und verteidigen und gleichzeitig Filme, die sich mit sozialpolitischen Inhalten beschäftigen.

Laut einer Studie der MaLisa-Stiftung sind gerade Frauen im deutschen Fernsehen und in heimischen Kinoproduktionen deutlich unterrepräsentiert.Woran liegt‘s?

Schaumann: Das ist eine spannende Frage, die ich leider nicht beantworten kann. Aber ich durfte immer mit tollen Filmemacherinnen in Regie als auch in Produktion, wie Caroline Link, Doris Dörrie, Vanessa Jopp, Molly von Fürstenberg, um nur einige zu nennen, zusammenarbeiten, was eine Antwort nicht gerade erleichtert.

"Ich hoffe, dass Heinz von oben zuschaut"

Der 2016 plötzlich verstorbene Festivalchef Heinz Badewitz hat die Hofer Filmtage mit gegründet, geprägt und zu einem auch im Ausland hoch geachteten Festival ausgerichtet. Ist die Omnipräsenz des Badewitzschen Geistes in Hof eine Belastung für Sie?

Schaumann: Nein, im Gegenteil. Ohne Heinz würde es HoF ja gar nicht geben, und er hätte bestimmt gewollt, dass es weitergeht.Von daher hoffe ich, dass er von oben runter schaut und sich mit uns freut, dass HoF weiterhin in Bewegung ist und bewegt.

Doris Dörrie, Caroline Link und Veronika Ferres, Wim Wenders, Werner Herzog, Lars Eidinger… Die 50. Filmtage im vergangenen Jahr waren eine Jubiläumsveranstaltung, wie man sie sich vom Promi-Auflauf her nur wünschen kann.Wie schwer ist es, im „Jahr danach“, die Erwartungen des Publikums auch in Sachen Stars und Sternchen zu erfüllen?

Schaumann: Die Antwort kann ich Ihnen erst nach dem Festival geben. Wir haben auf alle Fälle auch in diesem Jahr ein tolles Programm, und da sind sowieso Bekannte und, ganz wichtig, die Stars von morgen mit dabei.

Mikis Theodorakis kommt nach Hof

Können Sie uns trotzdem bereits ein paar Namen verraten?

Schaumann: Der große griechische Komponist Mikis Theodorakis, inzwischen 92 Jahre alt, kommt nach Hof. Er begleitet den Dokumentarfilm „Dance Fight Love Die“ von Asteris Kutulas über ihn selbst. Zugesagt haben bereits die Schauspielerinnen Ulrike Folkerts, Anke Sievenich, Johanna Wokalek und Elzemarieke de Vos. Zu erleben sein werden Regisseur Kais Wessel und Zoltan Paul, Kameramann Jörg Schmidt Reitwein und die Schauspieler Sascha Gersak, Alex Brendemühl, außerdem Shootingstar Franz Rogowski. Der Schlagerkomponist Christian Bruhn wird kommen und den Doku-Film von Marie Reich über ihn begleiten. Tony Gatlif, dem wir die diesjährige Retrospektive widmen, wird in Hof weilen und viele, viele mehr – nicht zu vergessen zahlreiche Newcomer, in die wir große Hoffnungen setzen.

Mit HoF PLUS führen Sie eine neue Kategorie in die Filmtage ein. Erklären Sie doch bitte mal, was genau dahintersteckt.

Schaumann: HoF PLUS ist unser Rahmenprogramm, mit dem wir aktuelle Themen der Filmbranche aufnehmen. Da diskutiert der Bundesverband Schauspiel unter dem Motto „Keine Gage, dafür leckeres Catering“ über die Unterfinanzierung bei Hochschul- und Debütfilmen. An unserem quasi Digital-Tag stellt sich die neue Abruf-Plattform Indie-Switch vor und die weltweit bekannte Firma Arri Media entführt unter anderem an zwei Ausprobier-Stationen in virtuelle Welten. Bei dem Panel „Jäger des verlorenen Zuschauers“ wird Alfred Holighaus, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), eine hochkarätige Rundemoderieren, die über neue Wege zum Zuschauer spricht. Und dann gibt es wieder die Club-Gespräche mit den Filmemachern. Die meisten Veranstaltungen sind offen, ich bitte um Verständnis, dass das aus Kapazitätsgründen leider nicht für alle gilt. Von daher lade ich Interessierte ein, mit dabei zu sein. Unsere Webseite informiert im Detail über das wie, wo, wann und für wen.

Stichwort „Kino im Wandel“: Es gibt weltweit Festivalfilme, die es trotz ihrer Qualität weder ins Kino noch ins Fernsehen schaffen. Bildet Streaming via Netflix und Co. somit zukünftig eine Alternative?

Schauman: Das ist eine spannende Entwicklung. Da treten auf einmal komplett neue Marktteilnehmer als Produzenten auf. Da muss man aber genau unterscheiden. Ich finde es schwierig, wenn Festivalfilme direkt in Abodienste wie Netflix gehen. Bei den niedrigen monatlichen Preisen, die ich als Abonnent im Vergleich zu einer Kinokarte zahle, werden Filme total entwertet. Im Vergleich dazu finde ich es aber o.k., wenn ein Film nach seiner Festivalpremiere in einem Onlineshop für einen gescheiten, fast Kinoticketpreis, digital ausgeliehen werden kann. Das ist auf alle Fälle besser als wenn er nach dem Festival unter Umständen gar nicht mehr zu sehen ist. Ein Beispiel dazu haben wir übrigens dieses Jahr in Hof: Der Dokumentarfilm „It’s not yet dark“ wird ab dem 29. Oktober online als digitale Kopie zu leihen sein.

"Eine Reise in eine andere Welt"

Und ganz allgemein: Wie stehen Sie zu der auch die Kinowelt extrem verändernden Digitalisierung – was ist gut, was schlecht daran?

Schaumann: Die Digitalisierung findet auf alle Fälle statt, und besser ist es, wenn wir mit dieser Entwicklung pro-aktiv umgehen. Zum Glück sind wir keine Dinosaurier und in Hof sowieso nicht. Mit HoF PLUS holen wir eben genau dieses Thema auch mit zu den Filmtagen.

Welche Rolle werden eigentlich Filmfestivals in diesem Zukunftsszenario spielen?

Schaumann: Festivals zeigen eine nach jeweils vorgegebenen Kriterien kuratierte Auswahl von Filmen. Sie sind quasi das Schaufenster, aus dem sich der Zuschauer das greift, was ihn am meisten interessiert. Diese Vorauswahl durch das Festival ist entscheidend, gerade in einer digitalen Zukunft, wo es ja ein stetig wachsendes Angebot gibt, das immer schwieriger zu durchdringen ist. Im Speziellen spielen da auch die Hofer Filmtage, als eines der ältesten und bekanntesten Festivals in Deutschland, eine wichtige Rolle. Gerade durch den Bekanntheitsgrad weiß der Zuschauer um die Qualität eines Filmes, wenn dieser das „Gütesiegel“ HoF hat und wird sich dann eher dafür entscheiden, eben diesen Film zu sehen.

Und wie halten Sie es ganz persönlich mit dem Kino in seiner traditionellen Ausrichtung? Ist es für Sie unverzichtbar?

Schaumann: Unbedingt. Ich finde Kino großartig und kann es immer kaum erwarten, wenn das Licht im Saal ausgeht und die Reise in eine andere Welt beginnt. ⋌

INFO: Bei den Filmtagen laufen bis 29. Oktober 127 Filme. Das Programm am heutigen Mittwoch beginn um 11.30 Uhr mit dem Club-Gespräch. Die ersten Filme laufen um 12.15 Uhr, als da wären: „West of Jordan River“ (Casino), „Rien ne va plus“ und „Das Deutsche Kind“ (City), „A la recherche des Femmes“ (Cinema). Und wieder kommen interessante Schauspieler und Filmleute nach Hof: Johanna Wokalek kommt zur Premiere des Films „Freiheit/Freedom“ Samstag, 21.30 Uhr, ins Central Kino, auch Regisseur Jan Speckenbach wird anwesend sein. Ulrike Folkerts kommt zur Premiere des Tatorts „Waldlust“ zusammen mit Regisseur Axel Ranisch am Samstag, 20 Uhr, ins Scala. Newcomer Franz Rogowski („Victoria“, „Happy End“, „Fikkefuchs“), Heiko Pinkowski und Regisseur Daniel Wild kommen zur Premiere von“Lux – Krieger des Lichts“ am Donnerstag, 20.30 Uhr ins Scala-Kino.

Nicht bewertet

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