Franz Aenderl: Der vergessene Genosse

Als Aenderl 1919 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird, ist er 36 Jahre alt. Ihn drängt es, in einer Zeit revolutionären Umbruchs einzuwirken auf das Geschehen. Seine Vorkriegstätigkeit als Versicherungskaufmann nimmt er nicht wieder auf. Er stößt zur USPD, die mit einem Rätesystem nach sowjetischem Vorbild liebäugelt, und wird ihr hauptamtlicher Parteisekretär in Regensburg. In Zeitungsbeiträgen, die er verfasst, sieht er die Weltrevolution heraufziehen und träumt von einem „internationalen Bündnis des Proletariats gegen den Kapitalismus“.

Im Juni 1918 erhält Aenderl Heimaturlaub, um der 31-jährigen Katharina Grampp aus Metzdorf das Jawort zu geben. Kennengelernt hatten sich die beiden 1913 während der Wagner-Festspiele im Künstlertreff „Eule“. Danach geht er zurück an die Front. Ein Jahr später kommt ihre Tochter Luise Antonie zur Welt.

Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft 1919 führen sie eine Wochenendehe zwischen Kulmbach und Regensburg: einmal kommt er in die Mainstadt (Reichelstraße 3), einmal besucht sie ihn in der Donaustadt.

Der weitere politische Werdegang Aenderls ist so turbulent wie die Nachkriegsjahre selbst: 1920 wechselt er mit weiteren USPD-Mitglieder zur KPD und zieht in den Bayerischen Landtag ein. 1924 tritt er in die SPD ein und vertritt sie bis 1931 im Landtag.

Mann des Wortes

Was ihn von den meisten Mitstreitern unterscheidet, ist sein Rede- und Schreibtalent. Aenderl ist ein Mann des Wortes. In den Debatten des Landtags läuft er zur Hochform auf. Aenderl ist kämpferisch, scharfzüngig, mitunter gallig-aufbrausend. Die Monarchisten im Landtag reizt er 1923 bis aufs Blut, indem er das Haus Wittelsbach als „Erb-übel“ bezeichnet. Massiv greift er auch die Rechten an. Hitlers Münchner Statthalter, Generalkommissar Gustav von Kahr, überzieht er mit beißendem Spott: „Kleinere Geister als jetzt haben noch nie in Bayern regiert“. Für die zunehmend erstarkenden Nazis wird er zum Hassobjekt.

Obwohl Aenderl, der seit 1931 fest in Kulmbach wohnt und als Versicherungsvertreter arbeitet, politisch kaum mehr in Erscheinung getreten ist, steht er nach dem „Rathaussturm“ am 9. März 1933 auf der Abschussliste ganz vorne. Zusammen mit bekannten SPDlern, KPD-Mitgliedern und den jüdischen Familienvorständen (insgesamt 28 Mann) wird er im Stadtgefängnis in „Schutzhaft“ genommen und wiederholt verhört. Erst Mitte April kommt er wieder frei.

Von Mitbürgern bespitzelt

Die gleiche Schikane erleidet er zwei Wochen später in Bamberg: Am 22. Mai wird er von der Gestapo verhaftet, da er seine Versicherungsvertretung genutzt haben soll, Kontakte zu früheren Genossen herzustellen. Seine Entlassung und die Rückkehr zu seiner Familie nach Kulmbach am 1. Juni ist mit der Auflage verbunden, als Tagelöhner zu arbeiten. Nicht nur die Polizei oberserviert ihn, auch manche Kulmbacher geben sich als Spitzel her, wie die Polizeiprotokolle im Stadtarchiv zeigen. Am 3. November 1933 zum Beispiel ergeht „von einer ungenannt bleiben wollenden Frau“ der Hinweis, Aenderl habe sich in Mangersreuth nach dem Briefkasten erkundigt: „Aenderl ging hierauf auf den Briefkasten zu und warf zwei Briefe hinein.“

In Aenderl reift der Entschluss, ins Ausland zu gehen, auch, um seine Familie vor weiteren Nachstellungen zu schützen. Als ihm im August 1934 zugesteckt wird, die Gestapo werde die Wohnung durchsuchen und ihn womöglich in ein Konzentrationslager bringen, ergreift er die Flucht. Ohne Gepäck und ohne Papiere setzt er sich in die Tschechoslowakei ab. Seine Frau Katharina muss erleben, wie ihre Wohnung in der Reichelstraße durchwühlt, Möbel, Bilder und Wertgegenstände abtransportiert werden.

Geheime Lebenszeichen

Die Zeit danach ist für beide die Hölle: Seine Frau weiß nicht, wo er sich aufhält, wie es ihm geht – erst später wird sie ab und an geheime Lebenszeichen erhalten. Für Aenderl selbst beginnt eine Odyssee über Polen und Dänemark nach England. In seinem fünfjährigen Exil in London hält er sich notdürftig durch Zeitungsbeiträge und Radiosendungen für die BBC über Wasser. Intensiven Kontakt hat er mit emigrierten Linken, doch auch mit ausgeprägten bayerischen Föderalisten. Sie sind es, die sein Denken in den letzten Lebensjahren prägen.

Auf Wunsch des bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner kehrt Aenderl am 18. März 1946 nach Deutschland zurück. Hoegner, Emigrant wie er, würdigt ihn in seiner Regierungserklärung als Vorbild für Mannesmut. Doch als Aenderl einen SPD-Bezirkstag besucht, ist er tief enttäuscht: man kennt ihn nicht, schätzt ihn nicht. In einem Brief an Hoegner am 1. Oktober („Lieber Willy“) sieht er sich nur noch als „Fremdkörper in Bayern“. Zwei Monate später tritt er in die „Bayernpartei“ ein.

Seine letzten Lebensjahre sind von Rückschlägen geprägt: Als Redakteur bei der „Mittelbayerischen Zeitung“ in Regensburg fasst er zunächst Mut, doch dann stellt sich eine schwere Krankheit ein. Todkrank kommt er 1947 in seine Wahlheimat Kulmbach. Auch seine Frau Katharina ist schwer erkrankt. Sie stirbt im Februar 1951. Ein halbes Jahr später erliegt Aenderl einer schweren Krebserkrankung. Getreue hat er nur noch wenige. Die SPD schneidet ihn als Abtrünnigen, auch der Kulmbacher Oberbürgermeister Georg Hagen bleibt auf Distanz. Einzig Hoegner hält zu ihm. Begraben liegt er an der Seite seiner Frau auf dem Kulmbacher Friedhof.

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