Forensik ade: Klaus Leipzigers Abschied

Es war kein Arbeitsplatz wie andere. Denn die forensische Psychiatrie sei „noch immer mit Vorurteilen belastet“, sagte Bezirkstagspräsident Günter Denzler und erinnerte an die angstgetriebene Diskussion um die angebliche Gefahr, die von Patienten ausgehen könnte, als vergangenes Jahr eine Schule auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses gebaut werden sollte.

Dies führt Denzler darauf zurück, dass beim Thema „Psychiatrie sachliche Argumente immer noch eine untergeordnete Rolle spielen“. Dass die Forensik kein Arbeitsplatz wie jeder andere ist, hat nicht nur Chefarzt Leipziger, sondern auch seine Familie gerade in den letzten vier Jahren seiner Arbeitszeit erfahren. Auch durch persönliche „Anfeindungen“, wie Denzler sagte.

Beschimpft, beleidigt, bedroht

Leipziger wurde beschimpft, beleidigt und bedroht, dass er unter Polizeischutz stand. Noch im vergangenen Jahr stand einer der ermittelten Täter deswegen vor einem Bayreuther Richter. Menschen, die durch seine Arbeit zu Feinden geworden waren, unterstellten ihm – zu unrecht, weder ein Abitur gemacht zu haben noch einen Doktor-Titel zu Recht zu tragen und gingen damit an die Öffentlichkeit.

Dies sei eine „Folge des Terrors“ Leipziger gegenüber, und eine von „Ignoranz und Dummheit“ seiner Feinde gewesen, sagte Chefarzt Michael Schüler. Er sprach nur ansatzweise den Namen des Patienten aus, der beispielhaft für die härtesten Anfeindungen stand. „Herr M.“ , der Deutschland bekanntester Psychiatrie-Patient werden sollte.

Zu wenig Unterstützung?

Nur Leipziger selbst nannte Gustl Mollaths vollständigen Namen und erinnerte sich an die Zeit als eine der „Skandalisierung“. Allerdings, und das ein kaum verhohlener Tadel, habe er damals auch öffentliche Unterstützung aus Reihen der Justiz und des Bezirks vermisst. Dass diese „schweren Attacken“ gegen Leipziger überhaupt geritten worden seien, sei ein Zeichen dafür, dass die meisten keine Ahnung von der Arbeit in der Forensik hätten. Dies sagte Herbert Steinböck, der Leiter der Forensik des Isar-Amper-Klinikums in München.

Bezirkstagspräsident Denzler: „Der Fokus der Öffentlichkeit liegt meist dann auf der Forensik, wenn negative Schlagzeilen zu berichten sind.“ Celia Wenk-Wolff, Geschäftsführerin des Bayerischen Bezirketages München, sagte: „Sie sind wirklich nicht immer gut behandelt worden.“

Gewalttäter, Kinderschänder

Es waren eben auch oft die für die Öffentlichkeit interessanten Fälle, die auf Leipzigers Arbeitsplatz landeten. Gewalttäter, Kinderschänder, Täter, die mit psychischen Krankheiten geschlagen waren.

Richter, Staatsanwälte, Oberstaatsanwälte und Generalstaatsanwalt Thomas Janovsky, Polizeipräsident Reinhard Kunkel – die Liste der Gäste zeigt, in welch spannendem Umfeld Leipzigers Arbeitsplatz war.

Die Presse sei allerdings „zunehmend kritisch“ bei den Verfahren vor Gericht dabei, sagte Clemens Lückemann, Präsident des Oberlandesgerichtes Bamberg. Vor allem wenn es um die Frage der Schuldfähigkeit von Tätern gehe und darum, Gefahrprognosen zu erstellen. Lückemann sprach, auch ohne das Verfahren näher zu nennen, von „schweren Stürmen“, denen Leipziger standgehalten habe. Und bedankte sich „voller Hochachtung“ für die Zusammenarbeit mit der Justiz.

Viel Arbeit hinter den Kulissen

Aber es war nicht nur die Kriminal-Arbeit im Fokus der Öffentlichkeit, Leipziger arbeitet auch hinter den Kulissen. Er startete in Bayern einen Modellversuch, aus dem eine feste Einrichtung wurde: Die Regelversorgung mit forensischen Ambulanzen, eine Anlaufstelle für aus der Forensik entlassene Patienten, um die Rückfallquote zu minimieren. Außerdem war Leipziger lange Vorstand im bundesweiten Arbeitskreis Forensik, wo er auf die Gesetzgebung Einfluss nahm.

Und er ist seit fast 20 Jahren aktiv für den Bayreuther Verein „Kontakte“, der sich um psychisch kranke, auch forensische Patienten kümmert, etwa 200 Wohnplätze für diese bereitstellt und sie wieder in die Gesellschaft integrieren will. Und er hat eine bundesweite beachtete Fachtagung nach Bayreuth für Forensik geholt.

Wie geht es weiter?

Und was will Klaus Leipziger, jetzt Ex-Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie, der Pfarrerssohn, der sich mit „emotionaler Betroffenheit“ bei vielen Weggefährten bedankte, der sich schon als Abiturient für psychisch Kranke engagiert hat, später Facharzt wurde, promovierte, insgesamt 36 Jahre am BKH gearbeitet hat und für sein Werk stehende Ovationen Ovationen bekam, jetzt tun?

„Im überschaubaren Umfang noch ärztlich tätig sein.“

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Kommentare

Zitat: „Sie sind wirklich nicht immer gut behandelt worden.“
Ist denn Herr Mollath von Herrn Leipziger gut behandelt worden?
Wenn sich nicht Außenstehende um den Fall gekümmert hätten, säße Mollath höchstwahrscheinlich immer noch in der geschlossenen Abteilung, obwohl er vom Gericht nicht mit lebenslänglich verurteilt wurde. Außerdem wären keine Konsequenzen gezogen worden, damit heute so etwas nicht mehr geschehen kann. Hätte auch Klaus Leipziger nicht seinen Anteil dazu beigetragen können oder müssen?