Festspiel-Inszenierungen: Alles wird gut

Diese Festspielzeit ist eine besondere. Nicht, weil sie außergewöhnlich gut oder besonders schlecht wäre, pauschalen Urteilen ist da sowieso nicht zu trauen. Auch nicht, weil (wie neulich an dieser Stelle beschrieben) auffällig viele Zuschauer ihr Bayreuth-Debüt geben, während Stammgäste wegbleiben.

Und natürlich auch nicht wegen der Bühnenpanne am Premierentag, die schon wieder fast vergessen ist.

Sondern wegen eines Satzes. Ein Satz, der in Bayreuth geboren und aufgewachsen ist und der dieses Jahr richtig Karriere macht. Kaum eine Pausenunterhaltung kommt ohne ihn aus, er bricht das Eis, lässt den, der ihn ausspricht, kenntnisreich und erfahren erscheinen, und notfalls kann man zähe Gespräche damit auch konfliktfrei beenden.

Der Chéreau-Effekt

In Bayreuth, so lautet der Satz, lehnt das Publikum neue Produktionen anfangs ja immer ab; später werden sie dann Kult. Es ist der Chéreau-Effekt, benannt nach dem Regisseur des Bayreuther „Jahrhundert-Rings“ von 1976, bei dem diese Entwicklung besonders eindrucksvoll und öffentlichkeitswirksam verlief. Vom Buh zum Bravo in wenigen Jahren.

Und seit Chéreau passierte das immer wieder. Mit „Tristan und Isolde“ von Heiner Müller, mit Schlingensiefs „Parsifal“, mit dem Neuenfels- „Lohengrin“.

Der Abend war also besser als gedacht

Es ist ein zauberhafter Satz. Er verwischt die Grenzen zwischen Gut und Schlecht, indem er zweierlei vorgibt. Erstens: Auch die besten Aufführungen werden nicht sofort als solche erkannt, wenn man also in einer schlechten Aufführung sitzt, könnte es sein, dass man in Wahrheit in einer sehr guten Aufführung sitzt, nur merkt man’s eben nicht, zumindest nicht sofort.

Und zweitens: Sollte es sich tatsächlich um eine schlechte Aufführung handeln, wird sie eines Tages trotzdem in eine gute Aufführung umgedeutet werden. Schlechte Aufführungen, das sagt dieser Satz, finden in Wahrheit überhaupt nicht statt.

Er macht es leicht, Zweifel an der künstlerischen Qualität von Inszenierungen wegzulächeln. Er ermöglicht, aufrührerische Mäzene bei der Mitgliederversammlung der „Gesellschaft der Freunde“ zu besänftigen, die sich um die Zukunft der Festspiele sorgen. Und er hilft, sich selbst über einen Abend hinwegzutrösten, den man sich anders erhofft hatte. Könnte ja sein, dass es großartig war, und man hat’s nicht gemerkt. Könnte ja sein, dass man in ein paar Jahren froh ist, dabei gewesen zu sein.

Bei der Musik ist gut noch gut

Dass es deutlich mehr Fälle gibt, bei denen der Chéreau-Effekt nicht eingetreten ist, scheint dem Satz, um den es hier geht, nichts anhaben zu können. Etliche „Tannhäuser“ sind darunter, fast alle „Meistersinger“, auch ein paar „Ringe“. Aber fast kein „Holländer“, kaum ein „Lohengrin“, dafür einige „Parsifale“, natürlich kann diese Aufzählung nur lückenhaft sein.

Dass die vermeintlich steigende Beliebtheit daran liegen könnte, dass die Zuschauer im zweiten Jahr schon wissen, worauf sie sich einlassen, und im Zweifel gar nicht erst kommen, während im ersten Jahr zwar vielleicht nicht alles, aber doch vieles offen ist – das tut dem Ruhm des Chéreau-Effekts keinen Abbruch.

Übrigens wird der Satz ja auch nur auf das angewendet, was man sehen kann. Bei der Musik, bei Dirigenten und Sängern, ist gut noch gut und schlecht noch schlecht, früher, jetzt und für alle Zeit.

In Wahrheit ist der Chéreau-Effekt natürlich ganz einfach zu erklären – sein Reiz liegt in der Einfachheit, denn endgültige, wirklich endgültige Aussagen über die Frage zu treffen, was Erfolg im Musiktheater eigentlich ist, ist noch unmöglicher als heute eine „Ring“-Deutung zu finden, die sofort die ungeteilte Zustimmung von Fachwelt und Publikum findet (egal, wie groß die Schnittmenge zwischen diesen beiden Gruppen ist).

Für Bayreuth, wen würde das wundern, ist das natürlich nur sehr begrenzt anwendbar.

Erinnerungen an den Hagelsturm

„Wagnerianer sind Lemminge“, schrieb der Kollege Georg Diez vor zehn Jahren in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Sie treten in Scharen auf, schieben sich den Hügel hoch und stürzen sich gemeinsam in einen Abgrund, den nur sie kennen. Unten warten der trunkene Tod, ein wenig Erlösung und sehr viel Musik.“

Der Text, den Diez so beginnen lässt, erschien am Premierentag des „Parsifal“ in der Inszenierung von Christoph Schlingensief, genau zehn Jahre ist das jetzt her, und gestern jährte sich Schlingensiefs Todestag zum vierten Mal. Die Zeit vergeht, auch in Bayreuth. „Dann rappeln sie sich wieder auf“, schreibt Diez weiter über die Wagnerianer, „klopfen sich den Staub von den Kleidern, schreien ein bisschen Buh, denn der Meister mit der Mütze hätte das auf der Bühne alles ganz anders inszeniert, verlassen müde und zufrieden das Parkett und fahren wieder nach Hause.“ So werde es auch an diesem Abend sein, hieß es weiter. „Sie werden Buh rufen, weil sie denken, da habe sie einer ärgern wollen.“

„Aber später, so funktioniert das mit dem Gedächtnis, werden sie sich alle wieder gern erinnern an diesen wüsten Sommer 2004, als Schlingensief und Wolfgang Wagner nur noch per Anwalt kommunizierten, als Schlingensief alles hinzuschmeißen drohte; als es um Videos ging und die Drehbühne, als täglich neue Gerüchte aus der Angstanstalt Bayreuth in den Zeitungen standen, als zwei Tage vor der Premiere sogar die Autobahn bei Bayreuth gesperrt werden musste, um den Hagel wegzuräumen, der einen halben Meter hoch lag, all das schien da vom Himmel gekommen zu sein, was sich an Drohungen und Beschimpfungen und Verwünschungen aufgestaut hatte.“ Alle werden sich daran erinnern, schrieb Diez vor zehn Jahren, und manche sogar gern.

So kann man das stehen lassen.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06