Europa-Urkunde: Schule, die Brücken baut

Jeder Regierungsbezirk kommt nur ein Mal pro Jahr zum Zug bei dieser Auszeichnung, die von Europaministerin Beate Merk und der Staatskanzlei vergeben werden.

"Alle Schularten stehen im Wettbewerb", sagt Bernhard Grünewald, der Leiter der Kaufmännischen Berufsschule (KBS), am Freitag im Gespräch mit dem Kurier. Und: "Allgemeinbildende Schulen tun sich immer etwas leichter, den europäischen Gedanken zu leben durch den Schüleraustausch.

Dabei ist es gerade für die Berufsschulen wichtig, dass die Schüler an die Tatsache herangeführt werden, dass es heute eigentlich normal ist, sich aufs Arbeiten im Ausland einzustellen."

Internationale Ausrichtung

An der KBS sei die internationale Ausrichtung "eigentlich traditionell", sagt Grünewald. "Israel, Türkei, seit 2008 sind wir in Spanien, ebenso haben wir Verbindungen nach Italien und Tschechien."

Die Auszeichnung mit der Europa-Urkunde bekomme die Schule für zwei Projekte, die ganz gezielt auf die internationale Verknüpfung setzen - und die darauf bauen, "das Bewusstsein der Jugend für die Chancen der europäischen Integration zu wecken und ihr Interesse für Europa zu vertiefen", wie es in der Begründung der Staatskanzlei heißt: Die Ausbildung zum Euroindustriekaufmann. Und die E-Commerce-Initiative der KBS.

Abitur braucht man für die Ausbildung

Der Euroindustriekaufmann hat schon von der Eingangsvoraussetzung her eine hohe Hürde: "Abitur", sagt Grünewald. Wolfgang Martschin, der die Euroindustriekaufleute unterrichtet, sagt, man fahre an der KBS "verstärkt die Euro-Schiene mit Spanisch".

Aus gutem Grund: Neben Englisch - in der Sprache legen die Schüler zusätzlich die Prüfung zum Fremdsprachenkorrespondenten ab - werde Spanisch immer wichtiger. "Unternehmen, die Niederlassungen in Mexiko oder Spanien haben, schätzen das sehr", sagt Martschin. "Die Schüler sind aber auch in Englisch top. Über Abitur-Niveau."

Aktuell ist eine Gruppe zum dreiwöchigen Austausch in Andalusien. "Die Schüler leben dort in Wohngemeinschaften, müssen sich selber versorgen, machen Praktika in Betrieben", sagt Martschin. "Die kommen ganz anders zurück, haben positive Erlebnisse, haben eine ganz andere Körpersprache, wenn sie wieder da sind." Weil sie in Andalusien mit Spanisch weiterkommen müssen, Englisch "wird dort nicht viel gesprochen. Deutsch sowieso nicht".

Bundesweit eine von zwei Projektschulen

Die E-Commerce-Initiative hebt die KBS in Bayreuth von allen bayerischen Berufsschulen ab. Bundesweit ist die KBS eine von zwei Projektschulen, deren strategische Partnerschaften mit Berufsschulen im Ausland gefördert werden.

Die Ausbildung zum Einzelhandels- oder Großhandelskaufmann bekommt an der Berufsschule in Bayreuth die Komponente E-Commerce, "die offiziell erst zum Schuljahr 2018/19 kommen wird, wir haben den E-Commerce-Kaufmann schon", sagt Grünewald.

"Unser Ziel ist es, dass sich unsere Groß- und Einzelhandelskaufleute auch mit dem Thema Online-Handel beschäftigen", sagt Lehrer Martin Kolb. Augen öffnen fürs Marketing, für die Gestaltung von Online-Shops. Ein Blick, der weit über den Tellerrand des Lehrplans hinaus geht.

Nach Tschechien und Italien

"Wir machen das zum einen über unser Plus-Programm, indem wir den allgemeinbildenden Unterricht durch entsprechende Module ersetzen", sagt Kolb. Für die Schüler, die entsprechende Leistungsbereitschaft haben und beispielsweise Abitur mitbringen.

Zum anderen gibt es strategische Partnerschaften in dem Bereich mit zwei Schulen: Eine in Dobruska in Tschechien, eine in Brixen in Südtirol.

Mit den Schulen gibt es nicht nur projektbezogenen Austausch und gegenseitige Aufenthalte. "Die Idee dahinter ist, Unterrichtsmaterial zu entwickeln, das wir dann für andere Schulen zur Verfügung stellen. Wir treffen uns mit den Schulen in Tschechien und Italien und spielen die Unterrichtssituation mit dem Material, das wir entwickelt haben, vor Ort durch", sagt Kolb. Projektsprache in dem Fall: Englisch.

Eine Ausbildung für die leistungsbereiten Schüler

Grünewald sagt, die Auszeichnung mit der Europa-Urkunde sei für ihn ein wichtiges Element. "Was aber viel wichtiger wäre: Wenn der Nutzen für die Schüler in den Vordergrund geschoben werden würde. Das Wort Berufsschule ist heute immer noch mit einem gewissen Naserümpfen verbunden", sagt der Schulleiter.

"Viele Eltern wissen heute immer noch nicht, welcher Anspruch in der Ausbildung steckt. Wir sind eine Schule, die gerade für Leute, die leistungsbereit sind, eine echte Alternative zum Studium bieten kann", sagt Grünewald.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06