Ein Leben für die Bergwacht

„Ich werde der Bergwacht immer erhalten bleiben“, sagt Roland Haber. Seit 1973 ist er dabei, die meisten Mitglieder – und da schließt er auch sich mit ein – sterben als Bergwachtler. Schon der Vater war Bereitschaftsleiter, der junge Roland Haber verbrachte den Großteil seiner Jugend auf der Hütte der Bergwacht. „Wenn jemand aus einer Fußballerfamilie kommt, wird er Fußballer“, so Haber. Bei ihm war eben der Weg als Bergwachtler vorgezeichnet. Auch seine Tochter war dabei, bis sie nach München gezogen ist.

Viele Einsätze sind in Erinnerung geblieben

Haber hat in seiner Zeit bei der Bereitschaft viel erlebt. Zahlreiche Einsätze sind ihm in Erinnerung geblieben. Wie viele das waren, kann er nicht sagen. Aber Bereitschaftsleiter René Brendel weiß Bescheid. Seit 2004 werden die Einsätze elektronisch erfasst, davor wurden sie nur in Papierform erfasst und archiviert. „Der Roland hat bis zum heutigen Tag 232 erfasste Einsätze erlebt und abgearbeitet. Man kann also davon ausgehen, dass es in Summe rund 550 Einsätze seit seinem Eintritt in die Bergwacht waren und etwa 750 Einsatzstunden“, so Brendel.

Im Wald erhängt

Einer der letzten Einsätze war ein Kletterunfall bei Köttweinsdorf. Ein Junge war mit seinem Vater unterwegs. Der Junge nahm das Seil zwischen die Zähne, um nachzufassen, und rutschte ab. „Da waren die Zähne weg“, kommentiert Haber nüchtern. Schlimmer sei es, wenn jemand stirbt. Zwei Tage vor Weihnachten musste die Bergwacht ausrücken. Ein Mädchen hatte sich im Wald erhängt. „Gerade in so einer emotionsbeladenen Zeit haben wir sehr viele solcher Geschichten.“

In einer Felsspalte gelegen

Einmal hat Haber einen Bekannten aus einem Nachbarort reanimiert, der am Ende verstarb. „Das prägt schon ein bisschen.“ Berührt hat ihn auch, als ein junges Paar bei Stierberg klettern war. Der Mann wurde schwer verletzt, seine Freundin betete die ganze Zeit laut. „Der ist dann wirklich gestorben“, sagt Haber. Eine psychologische Betreuung hat Haber aber noch nie in Anspruch genommen. „Ich bin nicht so emotional“, sagt er und zuckt die Schultern. Und so kann er alles sehen, aber nicht alles riechen. Vor vielen Jahren hatte sich ein Mann umgebracht, er war im Sommer für längere Zeit in einer Felsspalte gelegen. „Der hat ordentlich gerochen, da konnte ich nicht hin.“ Zum Glück gebe es andere Bergwachtler, die mit solchen Gerüchen kein Problem hätten. Dem einen liege eben eher die Notfallmedizin, dem anderen die Technik, der Dritte sei eher naturschutzaffin. Haber ist Technikverantwortlicher bei der Bergwacht Pottenstein. „Ich muss in der Notfallmedizin nicht immer an erster Stelle sein, da gibt es andere, die das machen.“ Jeder gucke sich beim Einsatz seinen Platz aus. Der laufe strukturiert ab, schon während der Anfahrt wird ein Plan gemacht.

Adrenalin geht hoch

Roland Haber hat am Tag des Redaktionsbesuchs Bereitschaft. Er ist zu Hause in seiner Werkstatt, jederzeit könnte ein Alarm eingehen. „Wenn ein Einsatz kommt, geht das Adrenalin grundsätzlich ein bisschen hoch.“ Der Einsatzleiter muss sich innerhalb von drei Minuten bei der Leitstelle melden. Dort gibt er Bescheid, welche Ausrüstung er braucht, zum Beispiel ein Suchfahrzeug für die Suche von Vermissten. Die Arbeit der Bergwacht hat sich über die Jahrzehnte verändert. Früher sei der Fokus auf dem Naturschutz gelegen, „wir haben Landschaftspflege gemacht, Markierungen angebracht und Wanderwege gepflegt“, so Haber. Es gab keine Funkgeräte, keine Meldeempfänger. „Es waren sehr wenig Rettungseinsätze.“ Sportkletterer gab es damals kaum, erst mit großen Namen wie Wolfgang Güllich oder Kurt Albert wurde die Sportart in den 1980er Jahren prominent.

Gestürzte Mountainbiker

Früher seien außerdem bei Unfällen im Forst die Feuerwehren alarmiert worden. Der Tourismus hat zugenommen, weshalb die Bergwacht öfter ausrückt. Mehr gestürzte Mountainbiker, mehr Gleitschirmunfälle, Höhlenrettungen, mehr verunglückte Kletterer.

„Manchmal kommt ein Einsatz total ungelegen, zum Beispiel wenn man von der Firma (er arbeitet bei KSB in Pegnitz, Anmerkung der Redaktion) nicht weg kann. Aber letztendlich ist es der Ansporn, Leuten zu helfen“, sagt der Pottensteiner. „Es liegt doch in jedem Menschen, dass man helfen möchte.“ Das sei bei Feuerwehr, DLRG und Rotem Kreuz nicht anders.

Ausrüstung hat sich verbessert

Über die Jahre hat sich die Ausrüstung der Bergwacht verbessert. „Gleitschirmbaumrettungen gab es früher nicht.“ Die Ehrenamtlichen bastelten sich ihre Steigeisen, um Bäume zu erklimmen und Verunglückte zu bergen, noch selbst und kraxelten auf eigene Faust nach oben. „Jetzt ist es ein offizielles Ausbildungsthema.“

Roland Haber ist über 20 Jahre lang Gleitschirm geflogen. Bis er abstürzte. 80 Meter tief. Sein Schirm klappte zusammen, er sah den Steilhang immer näher kommen und dachte dabei: „Wenn das ohne Rollstuhl abgeht, lässt du das sein.“ Er landete in einer Böschung, brach sich zwei Rippen und flog nie wieder. Angst vor der Höhe hat er seitdem nicht. Im Gegenteil. Er liebt es, mit dem Hubschrauber in die Luft zu gehen. Beim letzten Flug schon dachte er, dass es wirklich sein letzter ist. „Aber wenn du außen auf der Kufe stehst, ist das schon eine geile Geschichte.“

Belastung für die anderen steigt

Heute feiert Roland Haber seinen 60. Geburtstag. „Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich sag’, eigentlich muss ich nicht mehr überall dabei sein.“ Deshalb denkt er darüber nach, die Einsatzleitung abzugeben.

Noch ist seine Entscheidung nicht gefallen. Es ist auch keine leichte, denn wenn er sich zurückzieht, steigt die Belastung für die anderen Pottensteiner Einsatzleiter.

„Kann ich das den anderen zumuten? Das hindert mich gerade“, sagt Haber. Kameradschaft wird bei der Bergwacht nämlich ganz groß geschrieben.

Nicht bewertet

Anzeige

Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Montag, 13. November 2017 - 11:06