Ein Krimi, kein Schocker

Am Ende sitzt auf der Bühne des Theaters Hof einer, der möglicherweise zu lang in den Abgrund geblickt hat; der sogar den Antichrist erkannt und Abgründiges auch in sich selber entdeckt hat. Es kann allerdings auch sein, dass er einfach von Europa überfordert ist, seinen irrsinnigen Zusammenhängen, die nun wirklich kein Mensch mehr durchschaut.

Die Rede ist von „Three Kingdoms“ von Simon Stephens und von seiner Hauptfigur, dem Briten Ignatius Stone. Der beschäftigt sich in seiner europäischen Mission nicht mit Brexit und anderen bürokratischen Herausforderungen, sondern mit grenzenloser Kriminalität. Denn in London wird eine Tasche angeschwemmt, darin der Kopf einer Prostituierten. Die Frau, so zeigt sich, hat bei ihrer Enthauptung noch gelebt. Stone und sein Partner nehmen die Ermittlungen auf und kommen einem Mädchenhändlerring auf die Spur. Ihre Nachforschungen werden sie nicht nur in die Unterwelt von London, sondern auch nach Deutschland und Estland führen. Auch in anderer Hinsicht überschreitet Stone Grenzen. Und es verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Traum...

Der Albtraum ist die Botschaft

Seine Erstaufführung erlebte das stück 2011 in der Inszenierung von Sebastian Nübling. So viel Europa wie damals war selten im Theater, Schauspieler aus London und Tallin spielten gemeinsam mit Akteuren der Kammerspiele – und jeder in seiner Muttersprache. Man verirrte sich mit Stone in einem babylonischen Sprachgewirr und hatte am Ende einer surrealen Reise – „Apocalypse Now“ lässt grüßen – das Grauen gesehen. „Three Kingdoms“ als eine Anspielung auf China vor 1800 Jahren, als sich Kriegsherren in endlosen Kriegen bekämpften, als feudales Gegenbild zum Entwurf eines aufgeklärten Europa. Verstehen war da nicht mehr wichtig, der Albtraum war die Botschaft.

Behnke hatte noch vor einigen Jahren in Tübingen wenigstens Estnisch zugelassen. In Hof wird jedoch ausschließlich Deutsch gesprochen. Und weil die Hofer Verantwortlichen die Sprache ebenso wie das Vorgehen der Gangster als einigermaßen drastisch ansehen, muss man 18 sein, um das Stück zu sehen. Dabei ist der härteste Spruch – „fickt wie eine tote Kuh“ – ein Graus eher für die Elterngeneration denn für die nächsten im Glied.

Das Stück ist sozusagen als Schocker losgesprungen und als ziemlich normaler Krimi gelandet.

Krimi-Nacherzählung

„Three Kingdoms“ wirkt über weite Strecken wie die Nacherzählung eines Mankell-Buchs (vielleicht "Die Hunde von Riga"?) , allerdings ohne die gesellschaftliche Dimension des schwedischen Meisters. Auch, weil Behnke, Schauspieldirektor in Münster, auf die schlichteren Mittel des Theaters setzt. Die Ermittler (Dominique Bals als Stone, Ralf Hocke als sein Kollege) sind guter und böser Cop mit komischem Potenzial, so wie man das sattsam aus Film und Fernsehen kennt. Kommen Gefühle ins Spiel, wird’s zuverlässig laut, auch dann, wenn etwa die Begegnung zwischen Stone und Susanna nach leiseren Tönen verlangte. Man spricht und spielt überdeutlich, das Stück wirkt auf einmal holzschnittartig. Manche Dialoge klingen auf einmal bestürzend banal, die meisten Figuren bleiben Klischee. Da kann man's den Schauspielern kaum verdenken, dass sie manchmal wirken, als würden sie sich nach drastischen Wörtern am liebsten den Mund ausspülen. Insgesamt ist dieser Abend über weite Strecken zu brav.

Die Hölle, das sind die Kollegen

Zu loben ist der Mut, ein solches Stück auf den Spielplan zu setzen. Eine dermaßen desillusionierte und brutale Bestandaufnahme eines Traums ist selten für ein Stadttheater.

Für Bühne und Kostüme zeichnet Frank Albert verantwortlich. Die Bühne, eine oberflächlich schlicht gestaltete Rampe mit Podesten, entpuppt sich in den stärkeren Momenten des Abends als vielseitiges Spielfeld und wunderbare Projektionsfläche fürs Kopfkino. Vor allem im dritten Teil, der in Tallinn spielt, funktioniert das. Ganz am Ende hat man eine Idee davon, wie sich das Ende Europas anfühlt. Da ist dann Dominique Bals glaubhaft am Ende seiner Reise ins Herz der Finsternis angekommen: Ein zerrissener Mensch, der seiner selbst nicht mehr sicher ist, der nicht schlafen kann, weil er Furcht davor hat, die Augen zu schließen. „Sonst steht das Innere deines Kopfes in Flammen“ hat ihm schließlich einer gesagt, der’s wissen muss: der deutsche Polizist Dresner (Jörn Bregenzer), der sich als Antichrist entpuppt, als er „brüllende Löwe“ des Petrusbriefs, gegen den allein Wachsamkeit und Nüchternheit hilft.

Da wird das Stück endlich mehr als ein Krimi, es wird – das Wort zum Zustand Europas: Wir stecken in Teufels Küche.

INFO: Nächste Aufführungen am Mittwoch, 5., Freitag, 7., Sonntag, 23. April

Nicht bewertet

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