Die Angst der Mittelschicht

Das Bühnenbild ist reduziert: vier Stühle und ein Vorhang aus Gummi, durch Schlitze werden ab dem 11. Februar die Mitglieder des Heimatchores ihre Köpfe stecken und gesanglich begleiten, was das Volk davon hält.

Und zwar hiervon: Die vier Erwachsenen – vegane Gutmenschen mit Hang zum Milchschaumkaffee – kennen sich, mögen sich und fair gehandeltes Obst. Ihre unterdrückten Ressentiments kriechen an die Oberfläche und kollidieren mit der Angst der Mittelschicht, als es plötzlich klopft und ein Fremder Einlass begehrt und Hilfe benötigt.

Beginn als Komödie, Ende mit Katastrophe

„Hier hat Philipp Löhle einen Kunstgriff angewendet“, erzählt Regisseurin Birgit Franz. Denn: Der Fremde ist nie zu sehen, das Quartett kennt auch seinen Namen nicht. Und dennoch dient er als Projektionsfläche: für die – auch sexuellen – Wünsche der Frauen oder die Eifersüchteleien ihrer Ehemänner.

Was als Komödie beginnt, endet in einer Katastrophe mit Toten, begleitet vom „Heimatchor“, der daherkommt wie die besorgten Bürger einer Pegida-Demonstration, eine Gruppe der Wohlanständigen und braven Mülltrennern. Bis Ende März ist „Wir sind keine Barbaren!“ in der Studiobühne zu sehen. In dem schwarzhumorigen Stück in Zeiten der Flüchtlingsdebatten spielen Frank Ammon (zuletzt zu sehen in „Der Name der Rose“), Heike Hartmann („Zweifel“), Claudia Iberle („Iphigenie“) und Lukas Stühle („Tschick“).

Weitere Vorstellungen gibt es am 18., 22. und 25. Februar sowie am 10., 14., 16., 22., 25. und 31. März jeweils um 20 Uhr sowie am 19. Februar um 17 Uhr.

Nicht bewertet

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Kommentare

Eine Katastrophe ist es wahrlich, dass (soweit ich das aufgrund des Artikels beurteilen mag) in jenem Theaterstück Aspekte der Sexualökonomie als wichtige Projektionsinhalte dargestellt werden.

Und zwar nicht von Seiten der jungen, oft allein zu uns kommenden Männer - aaaehh... Entschuldigung! Ich meinte hier natürlich den (bestimmt asexuellen?!) Fremden -, die man beharrlich als "Flüchtlinge" bezeichnet (Fast 70% jener Personen sind männlich, darunter mehr als 70% jünger als 30 Jahre / Quelle: Handelsblatt.com) - denn natürlich haben diese Personen grundsätzlich absolut nachvollziehbare, menschliche Bedürfnisse!

Sondern von Seiten der "Gutmenschen"-Frauen und (indirekt / passiv) deren Ehemännern! Also von verheirateten Personen, die man in einer romantischen Paarbeziehung vermuten und diesen somit ein signifikantes Maß an sexueller Sättigung zuschreiben könnte - wobei dieses Cliche des Eheglücks ja spätestens seit den Desperate Housewives widerlegt zu sein scheint.

"Es ist als Flüchtling schwer, eine Freundin zu bekommen“ hatte noch Ende 2016 der pakistanische Flüchtling Asif M. vor Gericht zu Protokoll gegeben (Vorwurf: Eine Vergewaltigung und fünf weitere sexuelle Übergriffe auf Frauen / Quelle: Welt.de).

Wenn man den vorliegenden Artikel liest, ist man geneigt, dem guten Asif zuzurufen: "Alde Waafn! Wenn Du wüsstest, wie es hinter der abweisenden Fassaden Deiner Opfer aussieht - selbst bei denjenigen, die einen Partner haben. Ich kenne da ein Theaterstück ... "

Man kann nur hoffen, dass diese, sich aufdrängende Schlussfolgerung nicht im Sinne der Verantwortlichen dieser "Komödie" und der darüber erfolgten Berichterstattung des Kuriers ist...
Nach der Uraufführung des Stückes 2014 in Mannheim hieß es in der FAZ am 20.06.2014 noch so:
"Barbara kocht, natürlich vegan, und findet den armen Menschen furchtbar süß. Wenn sie ihn als „pars pro toto“ bei sich aufnimmt, dann nur, weil sie nicht unempfänglich für Fremden-Augen wie „Gletscherseen in der Nacht“ und postkoloniale Sozialromantik ist und als vernachlässigte Frau eines tolpatschigen Heimwerkers von einem naturgewaltigen „Gotteshammer“ träumt: „Wenn ich Bobo sehe, kann ich das Unglück fast berühren.“ Ihr Mann Mario, bei (Regisseur) Thorsten Danner ein winselndes Dickerchen im Schutzanzug, entwickelt als Sound-Designer Motorengeräusche für Elektroautos, aber im Bett ist der brüllende Tiger schon lange nur noch ein leise schnurrender Kater....Die Männer unterhalten sich über Flachbildschirme, die Frauen über steingefiltertes Wasser und Yoga und tauschen sich wie kichernde Mädchen beim Junggesellinnenabschied über die sagenhafte Potenz der Afrikaner aus."

Genau so sieht sie aus, die Mittelschicht hierzulande. O.m.G.
Ressentiments, wohin man schaut. Nur kriechen sie nicht aus den Protagonisten heraus, wie oben behauptet, sie sind hier stückimmanent. Oder eher genreimmanent.

FAZ weiter: "Der Chor der Ausländerfeinde, der das Geschwätz der aufgeklärten Ausländerfeinde mit Merkel-Rauten und einem groß geschriebenen WIR konterkariert und verstärkt, ist der Clou des Stücks: „Alle wollen haben, was WIR haben / WIR können nicht noch mehr abgeben / WIR lieben Kontrolle / WIR sind hier / Alles, was recht ist, gehört uns.“
Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es da aktuell eher eine Adaption zu bestaunen gibt?

Es ist nicht nur für mich erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit sich der Selbsthass der Deutschen kultiviert hat. Da kann man nur hoffen, dass so mancher Deutschkurs nicht allzu schnell Erfolge zeitigt. Was müssen die bloß über uns denken...
Stücke, die auch nur in Ansätzen die Realität in diesem Land widerspiegeln, dürfen eh nicht aufgeführt werden. Traurig, so weit ist es in diesem Land gekommen!