Der Club der alt gewordenen Dichter

Am Sonntag waren keine protestierenden Studenten aus Erlangen gekommen, um die Autoren mit provokanten Sprüchen aufzuschrecken. Es lief alles gesittet ab. Die einzige, die sich aufregte, war die Organisatorin Karla Fohrbeck. Denn zu Beginn konnte man die Erinnerungen der damaligen Zeitzeugen nur im kleinen Saal des Gasthauses hören. Viele Interessierte machten deshalb wieder kehrt. Doch wenig später waren Mikrofon und Lautsprecher installiert und alles war in Ordnung.

Höllerer war ein guter Freund

An die Art des Protestes im Jahr 1967 kann sich F.C. Delius noch gut erinnern. Als die Studenten „lieber tot als Höllerer“ skandierten, war für ihn die Grenze erreicht. Höllerer sei ein guter Freund gewesen, der in Sulzbach-Rosenberg geboren wurde. Sein umfangreicher Nachlass bildete den Grundstock für das Literaturarchiv in der Stadt. Delius kündigte an, dass er an seinem neuen Roman schreibt. Eine amüsante Episode hatte Barbara Frischmuth im Gepäck. Die damals 26-jährige Autorin war überrascht, dass sie zu dem Treffen der Gruppe 47 eingeladen wurde.

Boogie Woogie mit Fritz J. Raddatz

Sie kann sich nicht mehr an alles erinnern, aber: „Zum Abschluss habe ich Boogie Woogie mit Fritz J. Raddatz getanzt.“ Der spätere ZEIT-Feuilletonchef war damals Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter bei Rowohlt. In der Pulvermühle wurde auch der Film über die Tagung im Jahr 1967 gezeigt, den Henric L. Wuermeling für das Bayerische Fernsehen gedreht hat. Der Filmemacher war auch vor Ort und beschrieb seine „prägenden Erinnerungen“ an das Schriftstellertreffen.

Comics und Kaugummi

Das Thema Erinnerungen stand auch im Mittelpunkt der Lesung von Hans Magnus Enzensberger, der am 11. November 88 Jahre alt wird. Er überraschte die zahlreichen Zuhörer auf dem Burggelände mit Auszügen aus einem Privatdruck, von dem nur 100 Exemplare „für die Familie, Freunde und Verwandte“ gibt. Darin hat der Autor unter anderem Episoden aus seiner Jugendzeit aufgeschrieben. In Waischenfeld las er vor, was er über die letzten Kriegstage notiert hatte. Es wäre nicht Enzensberger, wenn nicht auch hier eine leichte ironische Distanz feststellbar gewesen wäre. Überaus gelungen die Beschreibung, wie er zum ersten Mal mit Comics und Kaugummi konfrontiert wurde.

Heitere Note

Der Büchner-Preisträger trug auch einige Gedichte vor. Nicht ohne die „armen“ Schüler zu erwähnen, die seine und die Werke anderer Dichter interpretieren müssen. In den Gedichten, so leicht und alltäglich sie angelegt waren, wurde eines aber immer wieder deutlich: Enzensberger verdrängt nicht den sich immer näher kommenden Tod, im Gegenteil: Dem unerbittlichen Schicksal gewinnt er oft sogar eine heitere Note ab. Bei dieser Lesung wurde mehr gelacht als an manch anderen Veranstaltungsorten. Nicht vergessen werden soll an dieser Stelle auch die interessante Podiumsdiskussion im Fraunhofer Forschungscampus zum Thema „Literatur und Demokratie“.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06