Das irre, noisemäßige Bayreuth-Festival

Auf unserer Festival-Tour quer durch Deutschland kamen wir nach einem durchfeierten Wacken-Festival und eigentlich bereits auf dem Weg gen Mallorca in Bayreuth an. Mal schauen, was hier so geht, dachte man sich. "The Bayreuth-Festival" las ich in meiner Lonely-Planet-App. No way! Was ein Timing. Nie gehört, aber das nehmen wir auch noch mit, das war uns sofort klar.

 

 

Erster Eindruck: Kaum Zelte, außer ein paar hinterm Bahnhof, die meisten Besucher hatten sich offensichtlich via Airbnb bei den Locals eingenistet. Die Stimmung auf dem Gelände selber hielt sich doch sehr in Grenzen. Kein Becks, dafür Weißwein und Brezel. Ernsthaft, Leute? Zum Glück hatten wir vorgesorgt mit einem Fertiggrill, als wir uns jedoch in einem Blumenbeet abseits der Halle ein paar Cervelats und eine Ladung Bratmaxe grillen wollten, wurden wir auch sofort wieder von ein paar uniformierten Sittenwächtern davongejagt, was schon ziemlich faschomäßig war. Weak!

Klientel: Sehr edgy, sehr ironisch. Meine Gummistiefel kamen beispielsweise gar nicht an, ein Kumpel durfte nicht einmal seinen Wikingerhelm auflassen. Danke, internationaler Terrorismus. Überhaupt ist Bayreuth stark verhipstert, will heißen: Die meisten Besucher trugen Anzüge und Perücken in weiß und silber und bewegten sich wie im Thriller-Video von Michael Jackson. Ekelhaft, aber schon auch sehr geil.

 

Zum Nachlesen:

 

Line-Up: Auf den ersten Blick erst einmal enttäuschend. Nur ein einziger Act, der sich dann aber durchaus lohnte: Parsifal. Geiler Name, gute Band. Den Stil konnte ich bis zum Schluß nur schwer in Worte fassen, Parsifal paßten in keine Schublade. Letztlich aber eine Art Noise-Band mit Post-Alternative-Crossover-Elementen und dicken Klassiksamples, irre Kombi. Die vorderen Reihen gingen dann auch gleich gut ab. Manch einer rannte fast durchgehend über die Bühne und röhrte, während einige Girls fast den ganzen Abend über kreischten, daß ich dachte, mir zerspringt gleich die Bong.

Gelände: Abgefahren. Eine Art Prunk-Goth Tempel, aber mit jeder Menge goldenem Zierrat, sehr vintage, bißchen Steam-Punk, bißchen gay, aber nie zu kitschig. Einfach vom Allerfeinsten. Nachteil: Nirgendwo Dixiklos. Keine Ahnung wie die das hier anstellten, aber nach zweieinhalb Stunden mußte ich laufen lassen. Schien aber auch klar zu gehen, der ältere Mann neben mir tat es mir kurz darauf gleich und lächelte peacig zu mir herüber.

 

 

Fazit: Mal was anderes, dafür aber auch sehr überlaufen. Da wir weder Adelstitel noch Wehrmacht-Vergangenheit nachweisen konnten, mußten wir uns zudem mit den billigen Plätzen am hintersten Ende ganz im Eck (1900 Euro, Fußlehne kostet extra) begnügen. Vor mir stand durchgehend eine Säule, die den Spaß ein wenig trübte. Dann die Geigen, mein Gott!

Überhaupt erinnerte das ganze stellenweise dann doch verdächtig an das "S&M"-Debakel von Metallica 1999, aber geschenkt. Trotz allem eine gelungene Veranstaltung. Sein Essen sollte man sich aber auf jeden Fall selbst mitbringen. Schuuulz!

 

Der Autor Fabian Lichter ist 29 Jahre alt, wohnt und arbeitet in Frankfurt als Redakteur beim Satiremagazin "Titanic" und ist dort zuständig für die Rubrik „Korrekt – Das Forum für Mensch und Meinung“. 

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