Daniel Barenboim wird 75

Bisweilen vernimmt man in Aufführungen unter Daniel Barenboims Leitung ein eigentümliches Geräusch. Es ist, als ob der Dirigent die lodernde Glut der Musik mithilfe seines Atems aufs Neue zu befeuern sucht. Meist erklingen an jenen Passagen pneumatischer Impulsgebung die Streicher. Dunkel timbriert. Mit vollem Bogenstrich. Man kann hören, dass Daniel Barenboim mit vollem Körpereinsatz dirigiert. Und erleben, wie der Funke auf seine Orchestermusiker überspringt.

Zehn Opern in 14 Tagen

In den vergangenen Jahren, der Renovierungsphase der Staatsoper unter den Linden in Berlin, musste Barenboim mit seinem Ensemble ins bereits stillgelegte Schillertheater ausweichen. Hier spielte die Musik in der Hauptstadt. Hier zelebrierte Daniel Barenboim insbesondere auch die Werke Richard Wagners. Wem die Sitze im Bayreuther Festspielhaus zu hart, die Temperaturen im Sommer zu heiß und die Wartezeiten für Eintrittskarten zu lange waren, der fand bei Barenboim in Berlin mehr als Ersatz. Seine Festtage zu Ostern wurden zu einer ernsten Konkurrenz für Bayreuth. Im Jahr 2002 spielte die Berliner Staatsoper die zehn Hauptwerke Richard Wagners innerhalb von 14 Tagen. Zumeist konnte sich Barenboim auf die erste Riege der Wagner-Sänger verlassen. René Pape zählt dort seit Jahren zur Stammbesetzung.

Barenboim, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, wurde 1942 in Buenos Aires geboren und wuchs ab 1952 in Israel auf. Im Alter von fünf Jahren erhält er Klavierunterricht von seiner Mutter. Später studiert er bei seinem Vater. Als Siebenjähriger gibt er sein erstes öffentliches Konzert in Buenos Aires. Mit elf Jahren nimmt er Dirigierunterricht. 1967 steht er zum ersten Mal als Dirigent auf einer Bühne, sechs Jahre später leitet er seine erste Opernaufführung: Mozarts „Don Giovanni“ beim Edinburgh Festival.

Ein Klangbild von betörender Zartheit

Sein Debüt in Bayreuth gab Barenboim im Jahr 1981 mit „Tristan und Isolde“ in der Neuinszenierung von Jean-Pierre Ponnelle. In Berichten über die Produktion ist die Rede von einem lyrischen „Tristan“ und einem Klangbild von betörender Zartheit. Die Interpretation galt als impressionistisch angehaucht, entsprechend der Inszenierung von Ponnelle.

Barenboim, dessen musikalischer Assistent damals Christian Thielemann war, sollte die Geschichte der Bayreuther Festspiele 18 Jahre lang prägen. In diese Zeit fallen Produktionen wie „Parsifal“ von Götz Friedrich, der „Ring“ von Harry Kupfer, „Tristan und Isolde“ von Heiner Müller und „Die Meistersinger von Nürnberg“ in einer Inszenierung von Wolfgang Wagner. Es war die Zeit, in der Waltraud Meiers Weltkarriere begann. Unter Barenboim sang sie in Bayreuth die Isolde.

Indes wird man Barenboim nicht gerecht, indem man allein auf seine Taten als Dirigent und Pianist verweist (das gesamte „Wohltemperierte Klavier“ von Bach spielt er auswendig).

Orchester als Friedensprojekt

„Musik zu einem wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens zu machen, war immer eine Herzensangelegenheit von mir“, sagte er einst bei einer Vorlesung in London, als er an seinen verstorbenen Freund, den palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said erinnerte. Die beiden hatten 1999 das West-Eastern Divan Orchestra als ein Friedensprojekt für junge Musiker aus Israel und Palästina gegründet. Freilich stellt sich die Realität bisweilen den Utopien der Künstler in den Weg. Das West-Eastern Divan Orchestra ist schon seit längerer Zeit nicht mehr in arabischen Ländern aufgetreten. Für Schlagzeilen auch außerhalb der Feuilletons sorgte Barenboim im Jahr 2001, als er Musik von Richard Wagner in Israel aufführt und damit einen Eklat auslöste. Holocaust-Überlebende verbinden Wagners Musik mit dem Konzentrationslager von Auschwitz. Barenboim musste sich Beschimpfungen wie „Faschist“ oder „eine Schande“ gefallen lassen. Er entgegnete: „Wagner war antisemitisch, seine Musik nicht.“ So verteidigte der Dirigent die Aufführung des Vorspiels zu „Tristan und Isolde“.

Verteidigungsreden wird es an diesem Mittwoch keiner bedürfen. An seinem 75. Geburtstag wird Daniel Barenboim am Flügel in der Berliner Philharmonie Platz nehmen und mit seiner Staatskapelle unter der Leitung von Zubin Mehta Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 spielen. Man darf mit grenzenlosem Jubel rechnen.

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