Bierlaster verliert Ladung

Die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks in Kulmbach sind längst schon routiniert darin, inmitten eines stinkenden Biertümpels Kästen aufzusammeln und Glasscherben zu kehren, die sich über Hunderte Quadratmeter auf der Fahrbahn verteilt haben.

Immer wieder machen sich die Männer in ihren schweren Sicherheitsstiefeln, beladen mit zerborstenen Flaschen, auf den Weg zu dem blauen Radlader des THW, füllen die Schaufel.

Bierkurven haben Durst

Die Helfer kennen die Arbeit an dieser Stelle inzwischen gut, haben sogar schon einen Namen für die Autobahnauffahrt zur A 70 bei Unterbrücklein: „Die Bierkurven“ nennen die Männer diese Stelle, die fast den Anschein erweckt, als hätte sie alle paar Monate so richtig „Durst“.

Egal wie: Innerhalb weniger Wochen haben die „Bierkurven“ nun schon wieder ihren Tribut gefordert. Diesmal war es die andere Auffahrt. Am 31. Juli erst ist ein fast identischer Unfall auf der anderen Einfahrt passiert.
 
Scheint beinahe so, als hätte der „Durst“ der einen Kurve die andere animiert. Die Helfer an der Unfallstelle unterdrücken trotz der schweren Arbeit, die sie dort leisten müssen, ihren Humor nicht. Sie unterhalten sich, wieso das immer wieder passiert, während sie ihre Arbeit machen. Einer bringt es schließlich auf den Punkt: „Das ist einfach die normale Deppenquote, wie sie in jeder Familie vorkommt.“

Das Herz blutet

So ganz von ungefähr kommt dieser trockene Humor nicht. Immer wieder verlieren auf dieser Autobahnauffahrt Lastwagen, die von der Kulmbacher Brauerei kommen, ihre Ladung. Immer wieder muss dann die Auffahrt gesperrt werden. Immer wieder müssen die Helfer des THW Kästen aus dem Weg räumen, Scherben schaufeln, kehren.
 
Immer wieder atmen sie dabei diesen Geruch. Bier riecht gut im Glas, aber nicht, wenn Tausende Liter sich über eine Straße ergießen und dort abstehen. Trotzdem blutet so manchem ein wenig das Herz, wenn auch noch intakte Flaschen, diesmal von Mönchshof in der Schaufel des Radladers landen, dort zerbersten. Es ist zu wenig Zeit, um die ganzen Flaschen auszusortieren. Der Verkehr muss schnell wieder fließen. Alles kommt alles weg.

Auch die Polizisten, die an der Unfallstelle im Einsatz sind, machen sich natürlich Gedanken, warum sie immer wieder aus ganz ähnlichen Gründen an diesen Ort ausrücken müssen. In der Kulmbacher Brauerei, sagt einer der Beamten, sei man sich der Gefahr, die an der Auffahrt lauert, besonders bewusst. Die Brauerei weise deshalb jeden Lkw-Fahrer, der mit seiner Ladung das Unternehmen verlässt, auf diese Gefahren hin.

Bekanntschaft mit der Physik

„Den Leuten wird gesagt, dass sie für die Sicherung ihrer Ladung verantwortlich sind, und es wird ihnen gesagt, dass sie an dieser Auffahrt nur Schritttempo fahren dürfen.“ Hunderte Lkw-Fahrer befolgen diese Anweisungen. Doch immer wieder ist einer dabei, der einfach zu schnell ist.
 
Michael Möschel, Chef der Verkehrsakademie Bayern in Kulmbach, schult seit vielen Jahren Lkw-Fahrer in seinem Unternehmen. Möschel kennt die Problematik. Wer mit einer Ladung voller Bier zu schnell in eine dieser Kurven fährt, macht auf ganz besonders praktische Weise Bekanntschaft mit der Physik.
 
Moderne Lkw sind gebaut, so viel Ladung wie möglich zu transportieren. Bis zu drei Paletten Bier können in den Laderäumen übereinandergestapelt werden. Das legt den Schwerpunkt höher. Umso höher der liegt, umso langsamer muss sich ein solches Fahrzeug in Kurven bewegen, um eine Havarie zu vermeiden. „Im Klartext heißt das: Der muss einfach langsamer fahren, dann neigt sich der Aufbau nicht so sehr zur Seite“, bringt es Möschel auf den Punkt.

Ist die Ampel schuld?

Der Kulmbacher Verkehrsexperte weiß auch, dass selbst eine noch so gute Ladungssicherung den Kollaps nicht verhindern kann, wenn der Lkw-Fahrer diese Kurven zu schnell nimmt. „Täglich fahren dort Dutzende Bierlaster, denen nichts passiert, nur alle paar Wochen oder Monate ist einer dabei, wo es schiefgeht.“ Der ist dann einfach zu schnell, macht Bekanntschaft mit der Fliehkraft. „Die Ladung will zum Kurvenausgang.“ In Fällen wie dem von gestern erreicht die Ladung auch ihr Ziel. Das Ergebnis ist dann nicht zu übersehen.

In Brücklein spekulieren die Leute, ob nicht auch die Ampel, die dort den Verkehr regelt, einen zumindest „psychischen“ Einfluss auf die unglückseligen Brummifahrer hat, die dort spektakuläre Unfallbilder liefern. Die Grünphasen für die Linksabbieger, die von Kulmbach auf die Autobahn fahren wollen, seien ziemlich kurz. Die Leute spekulieren, ob nicht diese kurzen Schaltphasen die Lkw-Fahrer veranlassen, die Kurven schneller anzugehen als sie das eigentlich sollten.
 
Was immer es auch ist, das diese spektakulären Unfälle immer wieder auslöst: Wer einen verursacht, ist mit 120 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg dabei. Da ist die Polizei ganz pragmatisch.
5 (1 vote)

Anzeige

Kommentare

Man sollte da ein Schild mit Geschwindigkeitsbeschränkung für Bierkutscher aufstellen.
Um das "Kulmbacher" ist es aber nicht Schade.
oder es braucht eine Sonderschulung (auch DBL genannt = Durch-Blick-Lehrgang) für die Fahren der Brauereien und Getränkehändler
Bei Bedarf jährlich zu wiederholen
Das trifft auf alle Flüssigkeiten zu, sofern sie in der Lage sind zu fließen. Was lernen wir daraus? Nur noch randvolle Fässer transportieren. Oder wie früher mit der Pferdekutsche.
Die Auffahrt zur A 70 in Unterbrücklein führt zur A 9. Dann kann man zwischen Richtung Berlin und Richtung München wählen.
Dieser Kommentar bezieht sich auf den Fototext.
@Kiepfer
Falsch. Die Auffahrt zur A 70 in Unterbrücklein führt lediglich zur A 70!!! Wohin auch sonst? Die A 70 ist es, die einen dann weiter zur A 9 führt. Nimmt man allerdings die andere Auffahrt zur A 70 in Unterbrücklein , kann diese auch Richtung Bamberg führen.

Wenn schon pingelig, dann bitte auch richtig.
Wir korrigieren ja gerne was, wenn Sie Recht haben, Herr Kiepfer. Allerdings geht es in diesem Fall nur darum, in der Bildunterschrift die Auffahrt eindeutig zu identifizieren. Und da ist der Hinweis "Richtung Berlin" ganz klar und völlig ausreichend.
Es ist die Auffahrt Richtung A 9!
Ich empfinde es als Frechheit und sehr unprofessionell in dem Bericht von Deppenquote zu reden. Derjenige der die LKW-Fahrer als Deppen bezeichnet, hat sicherlich noch nie 40 Tonnen bewegt und hat keine Ahnung davon, was LKW-Fahrer tagtäglich zu leisten haben. Der Kurier sollte von solchen Ausdrücken in objektiven Berichten Abstand nehmen.
Das war ein Zitat eines Helfers.
Ein toller Helfer, der dem, der den Schaden hat auch noch in die Pfanne haut! Und der Kurier muss nicht alles übernehmen, was irgend jemand an der Unfallstelle von sich gibt.