In Bayreuth werden Lehrer für Stenografie ausgebildet

Hauptberuflich ist er Professor für Elektrische Energieerzeugung und –verteilung an der FH Aachen, sein liebstes Hobby aber ist die Kurzschrift in vielen Variationen und Systemen. In den Räumen des Schreibmaschinenmuseums in St. Georgen kümmert er sich unter anderem um die Ausbildung von neuen Kurzschriftlehrern und löst Probleme, die aus der ganzen Welt an ihn und seine Mitstreiter herangetragen werden.

Besonders bei historischen Sachverhalten ist sein Wissen Gold wert, wenn potenziell wichtige stenografische Dokumente in Nachlässen entdeckt werden. Drei besonders interessante Fälle in letzter Zeit waren die Studienaufzeichnungen von Max Ernst, die Notizbücher vom Kölner Kardinal Karl Joseph Schulte aus den 1930er Jahren und ein Brief von Ernst Röhms Schwester Eleonore aus dem Jahr 1933. Diese Dokumente waren kurzschriftlich verfasst, allerdings nicht in der deutschen Einheitskurzschrift, die seit 1924 gilt. „Insgesamt gab es bestimmt ein paar Hundert Kurzschriftsysteme, von denen sehr viele nur gering verbreitet waren. In solchen Fällen ist unsere Büchersammlung in Bayreuth natürlich sehr hilfreich, weil hier die alten Lehrbücher für viele Kurzschriftsysteme zu finden sind.“

Gerichtsverhandlungen und Parlamentssitzungen

Doch nicht nur für historische Belange ist die Kurzschrift von großem Nutzen. In Gerichtsverhandlungen und Parlamentssitzungen dürfen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine Film- und Tonaufnahmen angefertigt werden, deshalb gibt es Gerichts- und Parlamentsstenografen. Matthias Kuhn ist ein solcher, auch wenn sein beruflicher Weg zunächst in eine andere Richtung führte. „Ich habe Informatik studiert, aber schon zu Schulzeiten mit Steno angefangen, weil es mich einfach fasziniert hat. Wir trugen regelrechte Wettkämpfe aus, und die Effizienz der Kurzschrift gefällt mir besonders.“

Wenn Matthias Kuhn mit seinen Kollegen die Debatten im Bundestag mitstenografiert, läuft das nach einem genauen Rundlauf-Plan ab. Jeweils zwei Stenografen sitzen für fünf Minuten im Sitzungssaal und stenografieren mit, anschließend haben sie eine halbe Stunde Zeit, in der sie ihr Material diktieren und in einen druckreifen Text verwandeln. Danach kehren sie in den Saal zurück und es geht in die nächste Runde. Das Manuskript kann von den Abgeordneten gegengelesen werden. Korrekturen werden nur dann vorgenommen, wenn sie den Sinn der Äußerungen nicht verändern. Noch am gleichen Tag wird das Material in Druck gegeben und als Protokoll veröffentlicht. In Landtagen läuft das Ganze mit weniger Zeitdruck ab, weil die Protokolle nicht ganz so zeitnah benötigt werden.

Die „Forschungs- und Ausbildungsstätte für Kurzschrift und Textverarbeitung in Bayreuth e.V.“ ist deutschlandweit die einzige Ausbildungsstätte für Kurzschriftlehrer und hat interessanterweise in den letzten Jahren vermehrt Zulauf von Menschen aller Altersstufen aus dem gesamten Bundesgebiet. Tanja Ohlenburg aus Hannover ist eine der Anwärterinnen. Mit Reiner Kreßmann geht sie am Tag vor der staatlichen Abschlussprüfung noch einmal die Feinheiten durch. Man merkt den beiden die Faszination für ihr Hobby an. Die Schüler erhalten ein Jahr lang Fernunterricht über Internet und müssen für zwei Wochen in Bayreuth anwesend sein.

Vielfältige Motivationen

Die Motivationen, sich als Kurzschriftlehrer ausbilden zu lassen, sind vielfältig. Häufig erfüllen sich Menschen einen Lebenstraum, und vor allem nach der Pensionierung ist hierfür genug Zeit vorhanden. Parlamentsstenografen regen die Ausbildung an, weil sie sich Kollegen oder auch Nachfolger heranziehen möchten, und Studenten erkennen immer öfter den Nutzen der Kurzschrift für ihr Universitäts-Studium.

Boris Neubauer, Vorsitzender des Vereins Forschungs- und Ausbildungsstätte für Kurzschrift und Textverarbeitung, wundert es nicht, dass in der heutigen Zeit vermehrt Menschen Steno lernen möchten. „Das Image von Kurzschrift hat sich sehr gewandelt, früher hatte man dabei die Sekretärinnen beim Diktat vor Augen, heute ist es eher eine coole Geheimschrift. Wir nutzen Steno zum Beispiel für Passwörter und Notizen für Prüfungsfragen.“ Den Hauptgrund für die Weiterführung sieht er darin, dass die Kurzschrift nur dann wirklich am Leben erhalten werden kann, wenn man Leute ausbildet, die sie nutzen. Der bayerische Staat ist zwar der Ansicht, dass Stenografie als Schulfach nicht mehr notwendig ist, die Abschlussprüfung in Bayreuth ist allerdings trotzdem unter staatlicher Aufsicht.

Ab und zu kommen dabei auch skurrile Geschichten zutage. Boris Neubauer bittet seine Studenten aus der ganzen Welt oft, in ihrem Heimatland nach Stenobüchern in ihrer Muttersprache zu suchen, da er sie gern in die Sammlung der Forschungsstelle aufnehmen möchte. „Ein Student aus Venezuela fragte in den großen Buchhandlungen und Bibliotheken seines Landes nach Stenografiebüchern und bekam daraufhin zur Antwort: Lehrbücher haben wir nicht, aber wenn Sie das unterrichten könnten, hätten wir sofort viele Schüler für Sie!“

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