Zu Fuß vom hohen Norden durch die Fränkische Schweiz nach Kärnten Mit Hund und Esel auf Wanderschaft

Barbara Becker ist mit ihrem Hund und ihrer Eselin auf Wanderschaft vom hohen Norden nach Kärnten. Foto: Münch

Es regnet. Barbara Becker packt dennoch ihre Sachen auf ihren Esel, der in Weidenloh auf einer Wiese steht und tropfnass ist. Kleidung, Schlafzeug, einen mobilen Zaun und Hundefutter. Das macht sie jeden Tag, jeden Morgen, bei jedem Wetter. Sie hat bereits einen langen Weg hinter sich und einen noch längeren vor sich. „In diesem Jahr werde ich 50. Und da dachte ich einfach, ich erfülle mir jetzt einen Traum“, sagt sie. Und in diesem Traum geht es um einen rund 1400 Kilometer langen Weg.

Im Juni ist sie von ihrem Heimatort Brodersby an der Schlei in Schleswig Holstein aufgebrochen, mit ihrer 15 Jahre alten Eselstute Wanda und ihrem acht Jahre alten Golden Retriever Eddie. In Österreich, in Kärnten soll ihre Reise schließlich enden. Dort wo ihre Mutter herkommt, und dort, wo sie sich auch verbunden fühlt. Bereits vergangenes Jahr hatte Becker eine zweiwöchige Tour mit dem Esel gemacht – zu ihren Schwiegereltern nach Uelzen. Rund 350 Kilometer waren das. „Mir geht es gesundheitlich gut, den Tieren auch, familiär passt alles. Und dann kann man auch aufbrechen“, erklärt die Reisende.

Per Smartphone ist sie mit ihrer Familie, ihrem Ehemann und ihren drei erwachsenen Kindern in Kontakt, die dadurch „innerlich mitgehen“, wie sie sagt. Und alle drei Wochen bekommt sie auch Besuch von ihrem Mann. „Er sagte zu mir, dass meine Sehnsucht nach einer langen Strecke mein Ding sein sollte. Außerdem ist es, glaube ich, ein größeres Erlebnis, so was auch alleine zu machen. Ich denke, dass man dann den Weg noch intensiver erlebt“, fügt sie hinzu.

Auf Luxus verzichtet Barbara Becker in dieser Zeit – geht ja auch nicht anders. Und wenn an einem Tag genug gelaufen wurde, fragt sie in einer Ortschaft Menschen auf der Straße nach einer Übernachtungsmöglichkeit für sich und ihre beiden Tiere. „Als ich in Weidenloh ankam, sah ich einen Mann auf der Straße und habe ihn angesprochen“, erklärt sie. Dieser Mann heißt Schaffer und hat selber Ferienwohnungen. Georg Schaffer: „Als ich sie sah, dachte ich gleich: Aha, hier kommt eine Wanderreiterin. Ich hatte sie dann sofort zum Übernachten eingeladen. Ich überlegte mir, wie dankbar ich an ihrer Stelle wäre. Man sollte nie vergessen, dass man selber auch mal Hilfe brauchen kann.“ Es passiert aber auch immer wieder, dass es Absagen gibt und Becker kann auch davon erzählen: „Es muss einem klar sein, wenn man fremde Menschen, die einen gar nicht kennen, fragt, dass man dann auch ein Nein zu hören bekommen kann. Das ist aber weiter nicht schlimm und das kann ich auch verstehen. Bisher habe ich für uns immer einen Platz gefunden.“

Inzwischen hat sie auch gelernt, die Langsamkeit zu entdecken. Wo sie am Anfang am Tag etwa 25 bis 30 Kilometer waren, sind es jetzt etwa 15, maximal 20, die sie zurücklegt. Denn sie hatte gemerkt, dass es keinen Sinn macht zu schnell zu sein. Das hatte keinem der Reisegruppe gut getan. Und die Eselin hatte sich von dem 40 Kilogramm schweren Gepäck den Rücken aufgescheuert. Ein Tipp von einem Freund brachte schließlich die nötige Erleichterung für das Tier: Mit einer Schere schnitt sie einfach ein großes Loch in die Satteldecke. Jetzt passt es wieder. Der Esel ist wieder gesundheitlich tipp-top in Form, ist stark und kräftig. Auch wenn man den Eindruck haben könnte, dass Wanda etwas traurig guckt, als sie pudelnass auf der Koppel bei Schaffer steht – vorausgesetzt ein Esel hat überhaupt eine Mimik. Vielleicht deswegen, weil sie ihre gewohnte Umgebung, Hunderte Kilometer weit entfernt, vermisst, oder ihre drei Eselkumpel. Denn die bisher weit Gereiste auf zwei Beinen hat eine Eselkoppel mit vier dieser „Grauen“. Bei Eddie verhält es sich allerdings anders. Dem hat die bisherige Strecke etwas zugesetzt. Becker: „Mir ist die Gesundheit der Tiere sehr wichtig. Und ich habe gemerkt, dass er nicht mehr will. Ihm tun auch die Pfoten etwas weh. Deshalb wird mein Mann, wenn er mich das nächste Mal besucht, Eddie wieder mit nach Hause nehmen.“

Barbara Becker hat eine Homepage, auf der sie die lange Reise des ungewöhnlichen Trios dokumentiert. Sie schreibt unter anderem von Stille. Vom Schnauben ihrer Eselin. Von fantastischer Landschaft. Von uriger, ursprünglicher Gegend – vom Angekommen sein in Bayern. Beziehungsweise, wie sie später aufgeklärt wird, vom angekommen sein in Franken. Sie erzählt aber auch: „Auf unserer Reise war es auch schon anders. Als wir an Wolfsburg vorbei gelaufen sind, da waren über uns, unter uns, neben uns nur Autos. Lärm, Hektik, Verkehr. Für keinen von uns war das gut. Nachdem wir das hinter uns hatten, hatte ich beschlossen, dass wir auf dem weiteren Weg um Städte einen großen Bogen machen. Lieber hundert Kilometer mehr laufen, als dass wir uns so etwas noch einmal antun müssten.“

Es regnet immer noch. Neun Uhr am Morgen ist es. Becker hat ihre Sachen jetzt gepackt. Sie hat in der Hand einen Wanderplan und auch ein Navigationsgerät. Sie nimmt den Esel an die Zügel, den Hund an die Leine und läuft wieder los. Dorfbewohner, die sie hier innerhalb von zwei Tagen kennengelernt hat, stehen mit Fotoapparaten in der Hand am Straßenrand und verabschieden sich von ihr. Wanda und Eddie folgen ihr, ohne zu murren. Erst einmal durch Weidenloh – ein paar Stunden später sind sie schon wieder woanders. Ein paar Kilometer, die Wanda und Barbara bald nur als Duo zurücklegen, sind es ja noch. Bis zur Heimat ihrer Mutter in Österreich. Und wenn sie dort angekommen ist, irgendwann im September, dann wird die Frau aus dem hohen Norden dort auch Anfang Oktober Geburtstag feiern. „Wir schaffen das auf jeden Fall. Schon alleine deshalb, weil ich, noch bevor wir weggelaufen sind, in Kärnten ein Lokal für die Feier gebucht habe. Dann kommen meine Familie und Freunde auch nach“, freut sich die Reisende schon. Und eines ist sicher: Den Heimweg muss sich Wanda nicht mehr antun. Dann geht es im Auto und im Anhänger wieder in heimische Gefilde.

Info: Unter www.eselkoppel.de kann man die aktuellen Berichte, die Barbara Becker von ihrer Reise postet, nachlesen.

 

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