Wohnzimmer-Dialoge Studenten laden daheim zur Diskussion ein

Wohnzimmer-Dialog: Student Balduin Eilmes (links, stehend) in der Diskussion mit seinen Kommilitonen. Foto: Ralf Münch

BAYREUTH. Warum reden Bayreuther und Studenten so wenig miteinander? Den Dialog vom Campus in die Stadt verlegen, das wollen Hannah Imhoff und Balduin Eilmes.

An einem Wochentag, abends kurz vor 20 Uhr, herrscht im Inneren eines Mietshauses in der Oswald-Merz-Straße viel Betrieb. Immer wieder läutet es an der Eingangstür. Getränkekästen werden von winterlich dick eingemummelten Menschen durchs Treppenhaus nach oben geschleppt.

Gesprächsforum hat Premiere

Denn heute ist eine Premiere im ersten Stock: Studenten öffnen ihre Wohnung für ein neues Gesprächsforum, das sich Hannah Imhoff und Balduin Eilmes ausgedacht haben. Die beiden studieren an der Universität Bayreuth Philosophie und Ökonomie. Wie ihre Kommilitonen vorher sind sie als Studieneinsteiger in diesem Jahr für die Organisation der Bayreuther Dialoge zuständig. Ein Debattenforum, das jährlich hochinteressante Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nach Bayreuth lockt. Ging es im Vorjahr um um Identität, soll im Oktober 2019 der Wertewandel im Mittelpunkt stehen.

Aber noch etwas soll sich ändern: Das Gespräch über gesellschaftlich relevante Themen soll andauern. "Wir überlegen, wie sich die Dialoge nachhaltiger gestalten lassen", sagt der 20 Jahre alte Balduin Eilmes. "Unser Konzept soll der Startpunkt dafür sein, dass Menschen zusammenkommen und sich austauschen." Wer am Campus studiere und arbeite, habe oft wenig Berührungspunkte mit den Bayreuther Bürgern. Das wollen Balduin und Hannah in Zukunft möglichst ändern.

Studenten unter sich

Im Flur und in den Zimmern der Wohnung tummeln sich aber vor allem junge studierende Männer und Frauen. Kleine Snacks stehen wie bei einer WG-Party bereit. Das Wohnzimmer füllt sich schnell. Bald sind die rote Couch und sonstige Sitzplätze besetzt. Einer fehlt, der über ,,Gründe für die Nachhaltigkeitsprobleme in Demokratien" einen Impulsvortrag halten soll. Dabei handelt es sich um Martin Leske, Professor für Institutionenökonomie am Lehrstuhl Volkswirtschaftslehre V. Er hatte per Mail zugesagt, an den ersten Wohnzimmer-Dialogen teilzunehmen.

Hauptsache: Miteinander reden

"Wir finden es unheimlich wichtig, miteinander zu reden", sagt die 21-jährige Hannah Imhoff. Der Gesprächsstoff könne aus Philosophie, Wirtschaft oder einem anderen Gebiet kommen wie der Biologie, der Politik oder den Medien: Bienensterben, der Rechtsruck in vielen Ländern, Big Data und vieles mehr. Im Idealfall würden die Dialoge eines Tages im Wohnzimmer eines Bayreuthers stattfinden. Auf andere Meinungen einzugehen, über seine Standpunkte neu nachzudenken, Gegenargumente anzuhören und gelten zu lassen, dafür sollen die privaten Dialoge in familiärer Atmosphäre dasein. Selbst der Professor sei in diesem Fall nur einer von vielen, der seine Ansichten darlege. Zwar wissenschaftlich fundiert, jedoch nicht zwingend allgemeingültig.

Demokratie heißt: Jeder soll teilhaben können

Ob sich "normale" Bayreuther trauen würden, in einem durchaus etwas elitär anmutenden Zirkel mitzudiskutieren? Es käme auf den Versuch an. "In einer Demokratie ist jeder gleich wichtig", sagt Balduin Eilmes. "Jeder soll teilhaben und darf mitreden. Je verschiedener die Meinungen, desto größer ist das Potenzial."

Die Studenten bekommen für das Angebot keine Leistungspunkte, sie machen keine Studie und schreiben keine Arbeit darüber. "Keiner benotet uns. Wir machen das komplett freiwillig, einfach weil es uns wichtig ist", sagt Hannah Imhoff. "Wir möchten mit den Wohnzimmer-Dialogen eine Schnittstelle zwischen den Studenten und der Bevölkerung schaffen, denn die Schnittstelle ist in Bayreuth gerade gar nicht vorhanden, was ich wirklich schade finde", erklärt Gastgeber Balduin.

Professor hat Verspätung

Weil der Professor erst viel später eintrifft als gedacht, muss der 20-Jährige einspringen. Die Kunst der Improvisation ist alles: Er trägt einige Fakten über Künstliche Intelligenz vor und bittet dann zur Diskussion in Kleingruppen. Die Teilnehmer tragen ihre Namen auf einem an die Brust gehefteten Klebestreifen.

Unterhaltung auf Augenhöhe

Am Ende ist man sich einig: Die Wohnzimmer-Dialoge sind etwas Besonderes. Menschen aus der Bayreuther Bevölkerung zu treffen, dieses Ziel wurde nicht erreicht. Paula (20) hält das Format für "richtig, richtig spannend". Ben (20) findet: „Bessere Unterhaltung auf Augenhöhe ist gar nicht möglich. Alle waren unglaublich nahbar. Die Wohnzimmer-Dialoge war nicht ausschließlich eine Begegnung von Meinungen, sondern mehr eine Begegnung von Menschen.“ Und Anton (19) meint: „Am Anfang war es fast schade, dass der Professor doch noch gekommen ist, weil wir so sehr in der Diskussion waren. Man hatte das Gefühl, man bräuchte den Professor gar nicht."

Und was hält der Prof von der ungewöhnlichen Dialoge-Plattform: "Das Format ist sehr gut und trägt. Die Atmosphäre lädt zum Diskutieren ein. Hierarchien und Barrieren werden aufgrund der recht intimen Umgebung abgebaut." Dann dürfte wohl eine Wiederholung nicht mehr lange auf sich warten lassen.

 

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