Wer führt, sollte auch dienen können

Die Benediktsregel ist fast 1500 Jahre alt. Was können Unternehmer und Führungskräfte aus ihr lernen? Anselm Bilgri, ein Wanderer zwischen zwei Welten, weiß die Antwort.

Anselm Bilgri spricht leise, ohne große Gesten. Doch die Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Kirche lauschen beim Neujahrsempfang der IHK für Oberfranken Bayreuth aufmerksam seinen Worten. Seine Botschaften sind klar, mitunter unbequem und regen gerade deshalb zum Nachdenken an.

Führen als Dienst verstehen

Chefs sollten sich nicht ständig auf sich und ihre Position fokussieren, sondern Führen als Dienst verstehen. „Führungskräfte haben die Aufgabe, eine Kultur des Dienens in einem Unternehmen zu etablieren, indem sie ein Vorbild sind“, fordert Bilgri. Und: Sie müssten alles tun, damit die untere Ebene ihre Aufgaben erfüllen könne. Die Mitarbeiter sollten selbstständig arbeiten können und dürften die Führungskraft erst dann in Anspruch nehmen, wenn sie ohne sie nicht mehr weiterkämen. 

Der 64-Jährige, der 1980 vom damaligen Kardinal und späteren Papst Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, ist ein Wanderer wischen zwei Welten. Er war Wirtschaftsleiter (Cellerar) der Benediktinerabtei St. Bonifaz und Prior im Kloster Andechs, ehe er das nach ihm benannte Zentrum für Unternehmenskultur gründete. Heute ist er Buchautor, Coach, Mediator, Vortragsredner und immer noch ein gefragter Gesprächspartner für die Medien.

Werteorientierte Unternehmensführung

An diesem Tag spricht er über werteorientierte Unternehmensführung und über die Ordensregel des heiligen Benedikt als Richtschnur für eine solche. Die 73 Kapitel umfassende Anleitung sei zwar kein „Bestseller“, aber angesichts ihrer fast 1500 Jahre alten Historie immerhin ein „Longseller“, witzelt Bilgri. 

Der Wille zum Dienen ist eine dieser Haltungen, die Benedikt von Nursia gefordert hat. Auch in der Wirtschaft sei sie hilfreich, weil sie Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern ausdrücke, betont der Referent. Zu Unrecht werde demütigen Menschen oft unterstellt, sie seien meinungsschwach oder hätten kein Rückgrat.  

Hören, Annehmen, Tun

Bilgri nennt einen Dreiklang, der Benedikt wichtig gewesen sei: Hören, Annehmen, Tun. Das Annehmen sei aber nur dann möglich, wenn zwischen der Führungskraft und dem Mitarbeiter ein grundsätzliches Vertrauen herrsche. Offenheit und Lernbereitschaft seien ebenfalls wichtige Faktoren. Chefs sollten ihren Mitarbeitern, sowohl den älteren als auch den jüngeren, zuhören und Feedback verlangen. „Wer fragt, der führt“, hebt der 64-Jährige hervor. Besonders von der Erfahrung der Älteren könne man profitieren, den Sturm und Drang der Jungen brauche man, um Grenzen zu verschieben und Neues zu denken. 

Discretio ist eine weitere Handlungsanweisung. Dabei geht es aber nicht um Diskretion, um Verschwiegenheit. Die Benediktiner sehen darin vielmehr die Fähigkeit zur Unterscheidung. Ihr Ordensgründer nannte sie gar die Mutter aller Tugenden.

Was heißt das übertragen auf die Wirtschaftswelt? Führungskräfte dürfen ihre Mitarbeiter nicht über einen Kamm scheren, sondern müssen sie entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und ihres Charakters führen. Nach Ansicht Bilgris muss daher gelten: „Jedem das Seine“ statt „Allen das Gleiche“. Arbeitsgruppen sollten ihm zufolge nicht mehr als rund zehn Mitglieder haben. „Dann kann noch jeder mit jedem kommunizieren und die Führungskraft auf jeden Einzelnen eingehen.“  

Abschließend rät der Redner Unternehmern und Führungskräften zur „heiteren Gelassenheit“. Humor und Loslassen-Können seien wichtig. Besonders Chefs neigten dazu, sich von den vielen Problemen aufzehren zu lassen. Ständige Schuldzuweisungen seien nicht hilfreich. Entscheidend sei es, dass Fehler erkannt werden und aus ihnen gelernt wird.

Bilgri plädiert für Toleranz: Nicht ständig mäkeln, sondern Mitmenschen so nehmen, wie sie sind. Insgesamt ist Bilgri überzeugt, dass eine werteorientierte Unternehmenskultur einen Wettbewerbsvorteil darstellt und daher mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird.

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading