Wenn die Last zu groß wird Viele Studenten leiden unter psychischen Problemen

Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpa

BAYREUTH. Jeder sechste Student hat die Diagnose einer psychischen Erkrankung. Hochgerechnet auf Bayreuth wären das 2400 junge Menschen. Experten schätzen, dass die Grauziffer noch höher liegt, etwa jeder vierte Studierende betroffen ist. Die Gründe sind vielfältig, der Beratungsbedarf steigt.

 „Wenn man sich ein Bein bricht, besuchen einen Freunde und Bekannte im Krankenhaus. Bei einer psychischen Erkrankung ist das anders“, sagt Arbeitspsychologe Stefan Korn. „Probleme mit dem Selbstwertgefühl oder Depressionen werden oft tot geschwiegen.“ 

Der 33-Jährige ist am Dienstagvormittag aus Leipzig nach Bayreuth gekommen. Er ist Hauptredner beim Forum „Psychisch fit studieren“, das die Universität zusammen mit dem Verein „Irrsinnig menschlich“ veranstaltet. Knapp 40 junge Leute sitzen in Hörsaal 24 der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, um sich mit den Tücken des menschlichen Daseins zu befassen.

„Ein Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Und irgendwann muss jeder auch sterben. Der erste Schritt ist, dass man das akzeptiert“, sagt Korn. Und er weiß, wovon er spricht, da er selbst schon depressive Phasen in seinem Leben hatte.

Und Korn ist beileibe kein Einzelfall. Gerade unter den Studierenden ist die Quote derer, die unter den Anforderungen des Lebens ächzen, besonders groß. Neben Todesfällen oder Trennungen, die jeden treffen können, kommen weitere potenzielle Stressfaktoren hinzu: Prüfungsängste, Einsamkeit, finanzielle Sorgen oder die neue Umgebung.

„Viele Studenten leben erstmals alleine und oft auch in einer für sie neuen Stadt“, sagt Florian Hammon. „Irgendwann wird ihnen die Last zu groß.“ Der Diplom-Psychologe hilft jungen Leuten an der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks. 2017 hat er mit seiner Kollegin 1144 Einzelberatungsgespräche geführt. 658 Studenten kamen zum ersten Mal. 2018 werden die noch nicht ausgewerteten Zahlen wohl noch höher liegen. Hammon: „Die Nachfrage nach Beratung steigt stetig an.“ 

Zum einen liege dies an der wachsenden Bekanntheit von Beratungsstellen. Zum anderen gebe es auch mehr Betroffene, weil die Studenten immer jünger würden. Hammon: „Mit 17 oder 18 hat man noch nicht so gut über seine Lebensziele nachdenken können.“

Auch Referent Stefan Korn bestätigt, dass Jüngere besonders anfällig seien. „75 Prozent aller Erkrankungen beginnen vor dem 24. Lebensjahr.“ Oft dauere es lange, bis die Symptome erkannt werden. „Im Schnitt vergehen acht bis zehn Jahre vom ersten Auftreten bis zur Behandlung.“

Korn nennt Warnsignale, die zeigen, wann der Grad an ertragbarer Verletzlichkeit übertroffen ist: schrumpfendes Selbstbewusstsein, Wut und Launen, dauernde Müdigkeit, sinkende Leistungsfähigkeit. „Man muss dann mehr dafür tun, um seinen Alltag zu meistern.“ Helfen könnten vermeintlich banale Dinge: abschalten, gute Gesellschaft, gesundes Essen oder Sport.

Was ihrer Psyche gut tut, erforscht Elisabeth Kucinski seit Jahren. Die 26-jährige Leipzigerin erzählt im Hörsaal ihre ergreifende Geschichte – von ihrer Schul- und Studienzeit mit Depression und dem allmählichen Lernen, damit umzugehen. Oft hatte sie zwei Tage, in denen sie besonders traurig war. Danach war es wieder vorbei. „Deshalb habe ich auch lange nichts unternommen.“ 

Irgendwann entschied sie sich für professionelle Hilfe. Die Diagnose einer leichten Depression und eine Therapie haben geholfen. „Ich habe mein Studium trotz Depression erfolgreich beendet“, sagt Kucinski stolz. Sie will mit ihrer Offenheit zeigen: Eine psychische Erkrankung und ein Studienabschluss schließen sich nicht aus. 


Hier erhalten Studenten Hilfe

Psychologische Beratung Studentenwerk Oberfranken: Die Diplom-Psychologen Barbara Grüninger-Frost und Florian Hammon beraten kostenfrei und anonym. Sie sehen sich als erste Anlaufstelle, bieten Einzelgespräche und Kurse an, zeigen Lösungen auf oder vermitteln weiter – zu Fachberatern oder Therapeuten. Auf ihrer Homepage kann man sich einen freien Beratungstermin auswählen.

Beauftragter für behinderte und chronisch kranke Studierende (becks): Ulf Vierke und sein Team bieten ebenfalls Hilfe bei psychischen Problemen an. Die offene Sprechstunde ist dienstags von 10 bis 11 Uhr in Raum 2.57 des Studentenwerks. Ihr Büro ist im Iwalewahaus in der Innenstadt. Kontakt unter anderem per E-Mail unter becks@uni–bayreuth.de.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading