Weltwirtschaft Der freie Handel ist zunehmend gefährdet

Bernhard Herz. Foto: red

BAYREUTH. Es gibt Tendenzen, die der deutschen Wirtschaft Sorgen bereiten. Ein Gespräch mit dem Bayreuther Ökonomen Bernhard Herz über Handelskonflikte, Populismus und Nationalismus. 

Herr Professor Herz, die deutsche und gerade die oberfränkische Wirtschaft sind stark exportorientiert. Was bedeutet der Handelsstreit zwischen den Wirtschaftsgiganten USA und China für Sie?

Bernhard Herz: Momentan ist noch unklar, welche konkreten Folgen der Handelsstreit für unsere Wirtschaft hat. Die entscheidende Frage ist, ob die Auseinandersetzung mit China für US-Präsident Donald Trump nur Mittel zum Zweck ist oder ob er generell eine protektionistische Handelspolitik betreiben möchte. Denkbar wäre, dass die USA etwa darauf abzielen, den Druck auf die Chinesen bei wichtigen Punkten wie einer stärkeren Marktöffnung oder einem besseren Schutz von Urheberrechten zu erhöhen. Sollten sie damit erfolgreich sein, dann würden davon gerade auch starke Exportländer wie Deutschland profitieren. Ganz anders sähe es hingegen aus, wenn der Streit sich zuspitzen sollte und womöglich nur der Auftakt für eine weitere Abschottungspolitik der USA sein würde. Das würde unsere Wirtschaft spürbar treffen. 

Nationalismus à la Trump ist längst auch in Europa salonfähig, wie der Brexit und die Parolen von Politikern wie Matteo Salvini, Viktor Orbán & Co. zeigen. Besorgt Sie das – gerade auch als Ökonom? 

Herz: Absolut! Das ist ein Weckruf, den wir keinesfalls ignorieren dürfen. Freihandel führt in der Gesamtbetrachtung zu mehr Wohlstand bei den Partnern. Das ist unter Ökonomen weitestgehend Konsens seit David Ricardo vor 200 Jahren seine Theorie des komparativen Kostenvorteils veröffentlichte. Wir müssen aber ein größeres Augenmerk darauf legen, wie die Wohlstandsgewinne verteilt werden. Es ist die Aufgabe von Politik, Verlierer der Globalisierung aufzufangen. Dabei geht es nicht nur um die materielle Komponente. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung spielt Weiterqualifizierung eine zentrale Rolle, damit Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, fit für neue Jobs gemacht werden. Das ist sehr wichtig, um Populisten von der rechten wie der linken Seite das Wasser abzugraben. 

Sind Zölle denn überhaupt ein geeignetes Mittel für ein Land, um sein Handelsbilanzdefizit zu verringern? 

Herz: Nein. Zölle schaden nicht nur dem, gegen den sie verhängt werden. Sie verteuern ausländische Waren und verringern den Wohlstand der eigenen Bevölkerung. Das kann nicht das Ziel von Handelspolitik sein. Schauen wir uns die USA als Beispiel an. Die Amerikaner sparen seit vielen Jahren wenig und geben ihr Geld lieber für Konsum aus. Besonders ausländische Waren sind bei ihnen sehr gefragt. Verglichen mit den riesigen Importen fallen die Exporte der USA niedrig aus. Wenn die Vereinigten Staaten ihr enormes Handelsbilanzdefizit abbauen wollen, dann wäre es sinnvoll, dass die Amerikaner freiwillig, also nicht erzwungen durch Zölle, weniger konsumieren und mehr sparen. Sinkende Importe würden zu einer ausgeglicheneren Handelsbilanz führen.  

Aber was passiert mit der Weltwirtschaft, wenn die USA ihre Rolle als gigantischer globaler Nachfrager nicht mehr in diesem Maß ausfüllen wollen oder können? 

Herz: Spannende Frage. Zum einen glaube ich, dass die Nachfrage aus den USA nicht von heute auf morgen dramatisch wegbrechen wird. Das wäre ein längerer Prozess. Zum anderen sehe ich durchaus Staaten, die als Ersatz fungieren könnten. Ich denke da an aufstrebende Schwellenländer in Asien. Gerade die hochwertigen Produkte der deutschen Wirtschaft werden dort weiterhin und sogar verstärkt gefragt sein. Ich denke, dass unsere exportstarke Wirtschaft auch eine sukzessiv sinkende Nachfrage aus den USA verkraften und kompensieren könnte.  

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich die USA und China einigen? 

Herz: Ich glaube, dass die beiden Länder einen Kompromiss finden werden. Eine Eskalation des Streits würde beiden Seiten schwer schaden.  

Der Finanzriese Blackrock spekuliert sogar darauf, dass es am Ende niedrigere Zölle geben könnte. Was meinen Sie? 

Herz: Das ist vorstellbar. Wenn der Handelsstreit – wie bereits erwähnt – für Trump ein Mittel sein sollte, um China zu einer stärkeren Marktöffnung zu drängen, dann könnten im Erfolgsfall tatsächlich niedrigere Zölle das Ergebnis sein.


Zur Person: Bernhard Herz ist seit 1996 Inhaber des VWL-Lehrstuhls Geld und Internationale Wirtschaft an der Universität Bayreuth. Als Gastwissenschaftler forschte er unter anderem an den US-amerikanischen Universitäten Stanford und Berkeley. Auslandserfahrung sammelte er auch durch Stationen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und bei der US-amerikanischen Notenbank Fed. Bernhard Herz, der an der Uni Tübingen studierte, promovierte und habilitierte, ist unter anderem Mitherausgeber der Schriftenreihe „Integration Europas und Ordnung der Weltwirtschaft“. 

 

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