Cellistin Anja Lechner Schöne Musik, die uns Freiheit gibt

Blindes Verständnis: Anja Lechner am Cello und François Couturier am Klavier. Am Sonntag, 25. November, sind sie in Bayreuth zu erleben. Foto: Nadia Romanini/red

BAYREUTH. Eine begnadete Cellistin mit riesiger Bandbreite - das ist Anja Lechner. Zusammen mit François Couturier bildet sie das Duo Moderato Cantabile. Und dieses Duo ist am Sonntag, 25. November, mit einem ungewöhnlichen Programm in der Konzertreihe der Kulturfreunde im Zentrum zu erleben. Wir sprachen mit ihr über Atmen in der Musik, einen Reisenden, der seine Mitbringsel einem Komponisten vorsang und die langsame Wiederentdeckung des Federico Mompou.

Man soll von einem Videoclip nicht allzu weit schließen, aber – das Zusammenspiel wirkt innig, wie blindes Verständnis. Ihr musikalisches Verhältnis zu François Couturier - wie würden Sie das beschreiben? 

Anja Lechner: Ich kenne ihn seit 15 Jahren. Wir haben im Tarkovsky Quartet angefangen, zusammen zu spielen. Und irgendwann haben wir entschieden, dass wir auch im Duo zusammenspielen wollen, weil das die flexiblere Art ist, aufeinander einzugehen - eben, weil man nur zu zweit ist.  Durch unsere lange gemeinsame Arbeit kannten wir die gegenseitigen musikalischen Vorlieben, deshalb fiel es uns nicht schwer, ein gemeinsames Programm zusammenzustellen. Wir müssen uns beim Spielen tatsächlich überhaupt nicht anschauen – es geht ja ums Zuhören. Wenn man wie wir gerne miteinander musiziert, sich vertraut und sich freut über das, was man vom andern hört, stellt sich das ein. Wir spielen zwar blind, aber wir atmen miteinander, das ist ganz wichtig. Es ist ein ständiges Wechselspiel.

Wenn Sie die Stücke nach gemeinsamen Vorlieben aussuchen, lassen Sie mich raten – geht es auch danach, wie viel Spielraum für Improvisation ein Werk zulässt?

Lechner: Deswegen spielen wir miteinander. François Couturier kommt noch viel mehr aus dem Improvisationsbereich als ich, weil er aus dem Jazz kommt, auch wenn er den schon lange nicht mehr spielt. Ich bin klassisch ausgebildet, habe aber mit 16 das erste Mal versucht zu improvisieren. Ich wollte diesen Weg neben dem klassischen Repertoire dann auch weiter verfolgen. Ich habe seitdem mit vielen improvisierenden Musikern gespielt, aber neben dem argentinischen Bandeon-Meister Dino Saluzzi ist die Zusammenarbeit mit François Couturier sicher die fruchtbarste.

Anja Lechner und François Couturier: Ein paar Impressionen. Quelle: Youtube

Ihr Spektrum ist atemberaubend breit, von klassischer Musik über Tango bis hin zu orientalischer Musik …

Lechner: Ja. aber wenn Sie das hören, dann werden Sie merken, dass das alles nicht so weit auseinanderliegt. Wir spielen beide eine Musik, die uns naheliegt. Das was wir machen, klingt nach uns. Es ist einfach Musik. Ich habe ein Problem mit den Klassifizierungen. Musik ist Musik, dazu braucht man nur offene Ohren. Dann können sich andere Menschen ausdenken, wohin genau das nun gehört. Ich frage nicht nach Jazz oder Tango, ich frage, spricht es mich an, berührt es mich, gestattet es Freiräume? Und in diesem Fall: Passt es zu Cello und Klavier?

Ich kenne ein paar Werke von Federico Mompou. Wären Sie verstimmt, wenn Ihnen jemand, also zum Beispiel ich, gestehen würde, noch von keinem Komponisten sonst Ihres Bayreuther Programms etwas gehört zu haben?

Lechner (lacht): Nein, da wäre ich überhaupt nicht verstimmt. Es sind in dem Sinne auch keine „richtigen“ Komponisten, nicht im klassischen Sinne jedenfalls. Außer im Falle von Mompou, der ein großes Klavierwerk hinterlassen hat, das leider immer noch weitgehend unbekannt ist. Schon vor 20 Jahren war ich begeistert von seiner Musik, und ich habe auf den Moment gewartet, dass auch ich etwas aus seiner Musik machen könnte. Es war dann erst mit Couturier möglich, seine Melodien auch mit dem Cello zu spielen, da wir unsere eigenen Arrangements erfunden haben. 20 Jahre lang hatte ich darauf gewartet. Es ist schöne Musik, die uns diese Freiheit gibt. 

Es findet sich auf dem Programm auch ein Georges I. Gurdjieff.

Lechner: Das ist kein Komponist, sondern ein philosophischer, spiritueller Lehrer, der auf seinen 20 Jahre währenden Reisen in den Mittleren und vorderen Orient viel Musik gehört hat, und diese Musik Jahre später seinem Schüler, dem Komponisten Thomas de Hartmann vorgesungen hat, und der hat das dann in die uns bekannte Form gebracht. Zum großen Teil handelte es sich um Lieder, Hymnen und Tänze, die nie aufgeschrieben worden waren. Wir haben da einen Riesenschatz aus Musiken aus verschiedenen Ländern. Da haben wir zum Beispiel Musik aus Armenien, die wurde ursprünglich mit ganz anderen Instrumenten wie dem Duduk, Kanon oder mit Oud gespielt. Jetzt existiert diese Musik in einer Klavierpartitur. Sie ist damit natürlich auch nicht mehr original.

Sie geben viele Konzerte, spielen in diversen Projekten. Woher nehmen Sie die Zeit, ungewöhnliche Musik zu entdecken?

Lechner: Ich entdecke ständig, weil ich ständig Musik höre, auch auf Reisen. Ich tausche mich ständig mit Musikern aus. Ich schaue nicht, dass ich was finde, sondern es begegnet mir. Wenn einer so neugierig  ist wie ich, dann begegnet ihm mehr, weil er seine Ohren und Augen extrem weit offen hat. Und dann ist die Frage: Hat das was mit mir zu tun, berührt es mich, muss ich das spielen, und in welcher Form kann das funktionieren? Und dann warte ich nur noch auf den richtigen Moment.

Der scheint für Federico Mompou gekommen. Man hat den Eindruck, er wird wiederentdeckt.

Lechner: Der große Pianist Arturo Benedetti Michelangeli hat am Ende seiner Konzerte als Zugabe oft ein Stück von Mompou gespielt. Er hat es mit großer Hingabe und Innigkeit gespielt. Das hat mich sehr berührt, vielleicht auch bestätigt.

 

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