Weihnachtsvorlesung Katrin Göring-Eckardt: "Es ist genug Heimat für alle da"

Weihnachtsvorlesung an der Universität Bayreuth mit Katrin Göring - Eckardt Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die GrünenThema Das Prinzip Heimat über Zugehörigkeit und SolidaritätFotograf Peter Kolb

BAYREUTH. Vor ihr war die Reihe der Redner hauptsächlich eine männliche: Joachim Gauck, Norbert Lammert, Wolfgang Thierse, Christian Wulff, Siegmar Gabriel. "Deshalb herzlichen Dank, dass auch einmal eine Frau eingeladen worden ist", sagte Katrin Göring-Eckardt zu Beginn der in diesem Jahr von ihr gehaltenen Weihnachtsvorlesung an der Universität Bayreuth.

Der Audimax, größter Hörsaal der Uni, war gut gefüllt am Dienstagabend. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin lockte viele Zuhörer an. Die Spitzenkandidatin der Grünen für die letzten beiden Bundestagswahlkämpfe ist schließlich auch durch ihre Auftritte im Fernsehen weithin bekannt. Die gebürtige Thüringerin engagierte sich in der ehemaligen DDR in der Demokratiebewegung und in kirchlichen Kreisen. Ihr Engagement für die Evangelische Kirche Deutschland verschaffte ihr große Popularität. Von 2009 bis 2013 war sie Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche. Sie brachte sich im Präsidiumsvorstand des Evangelischen Kirchentags ein und gehört dem Präsidium nach wie vor an.

Kirchliches Engagement

Über ihre kirchliche Tätigkeit lernte sie den Bayreuther Professor Eckhard Nagel kennen. Der Geschäftsführer des Instituts für Medizinmanagement war es, der Katrin Göring-Eckardt für 2018 zur Weihnachtsvorlesung einlud. In der heutigen Zeit scheine der Respekt vor dem Leben teils verloren zu gehen, sagte Nagel eingangs mit Hinweis auf die chinesischen Forscher, denen ein Eingriff ins menschliche Genom gelungen sein soll. Was vielen heute fehle sei Orientierung, mahnte Nagel. Europaverdrossenheit und demokratische Rückschritte würden die Gesellschaft destabilisieren. Alles aktuelle Diskussionen, doch die Wahl der Studenten sei auf ein anderes Thema gefallen: Heimat.

Was bedeutet Heimat?

Und dem widmete sich die 52-jährige Bundestagsabgeordnete in ihrer Rede, genauer dem "Prinzip Heimat", das sie mit Zugehörigkeit und Solidarität verband. Der Begriff Heimat sei "heiß umkämpft" und nicht nur in Bayern, sondern auch im Bund in einem Ministerium verankert. Der Begriff Heimat sei für die meisten mit einem Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit verbunden. "Heimat ist ein Ort, an dem man die Zuversicht hat, dass es hier genau richtig ist, wie es ist."

Heimat als Sehnsuchtsort

Heimat sei der Ort der Kindheit und nicht unbedingt der Ort, an dem man sich gerade aufhalte. Der Mensch fühle sich nicht zuletzt über Speisen mit seiner Heimat verbunden. Zugleich sei Heimat ein Ort der Sehnsucht, "den es so gar nicht gibt", führte Göring-Eckardt aus. Im Sinne von "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" sei der Heimatbegriff zwiespältig. Doch jenseits der persönlichen Erfahrung sei gerade in der Politik eine Heimatdebatte im Gange. "Wir sollten den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen", sagte Göring-Eckardt. Denn sie würden damit nicht Zugehörigkeit, sondern Ausgrenzung meinen. Für diese Aussage erhielt die Grünen-Politikerin spontanen Applaus.

Heimat bedeute für sie Mitgefühl und Solidarität oder Nächstenliebe im christlichen Sinne. "Die Wahrnehmung des Begriffs ist zutiefst individuell", sagte Göring-Eckardt. Heimat könne für Geborgenheit stehen, aber auch für Einengung und Abgrenzung gegen Fremde. "Heimat ist kein eindeutiger, kein einfacher Wohlfühlbegriff."

Sogar Asterix kam als eines der Zitate vor, auf die sich Göring-Eckhardt stützte: "Viele meiner Freunde sind Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier." Sei Heimat heute ein "toxischer Begriff", weil ihn die extreme Rechte so gerne als Kampfbegriff führe? Oder sei er eine Idee von etwas, das es zu erhalten gebe?

Heimat ist keine Idylle

Heimat sei weder Idylle noch Utopie, stellte Göring-Eckhardt fest. "Heimat ist dort, wo es mir nicht egal ist, wie es ist." Aber es gehe nicht nur um Zugehörigkeit, sondern vor allem um Zusammenhalt. Ob "einer von hier" sei, dürfe nicht das entscheidende Kriterium sein. Die Heimat des anderen sei immer eine andere als die eigene. Doch dies gelte es einer vielfältigen Gesellschaft auszuhalten. "Es ist genug Heimat für alle da." Die Würde des Menschen, wie sie das Grundgesetz garantiert, sei nicht verhandelbar. Der Rechtsstaat sei dazu da, die Unterschiede zu gestalten. Das Recht auf Teilhabe zu sichern wie das Zusammenwirken von Stadt und Land, Bund und Ländern sei seine Aufgabe.

Die Transformation im Osten habe bei vielen Verlustängste erzeugt, sagte sie und erinnerte an die Erfahrungen der Ostdeutschen. Letztlich gehe es stets um Zusammenhalt und Integration. Heimat sei immer wieder neu zu verhandeln. "Für mich sind Ökologie und Heimat eng miteinander verzahnt", sagte Göring-Eckhardt. "Klimaschutz ist zugleich Heimatschutz." Denn der Gedanke des Bewahrens der Natur mache den Kern der grünen Bewegung aus.


Fünf Fragen an Katrin Göring-Eckardt

Frau Göring-Eckardt, Sie sprachen über Heimat. Sie selbst sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Was bedeutet der Begriff für Sie ganz persönlich?

Katrin Göring-Eckardt: Für mich bedeutet Heimat Zuversicht und Zugehörigkeit. Mir ist aber auch bewusst, dass Heimat etwas zutiefst Persönliches ist und der Begriff auch einem ständigen Wandel unterliegt. Der eigentliche Wert liegt in der Debatte um Heimat, im Ringen darum, wie sich Zusammenhalt und Gestaltbarkeit der eigenen Umwelt vereinbaren lassen.

Wie zuhause fühlen Sie sich in der Bundesrepublik? Spüren Sie noch Unterschiede im Hinblick auf Ihre westdeutschen Fraktionskollegen?

Göring-Eckardt: Gerade das Verhältnis von Ost zu West beschäftigt mich sehr. Wir sollten mehr miteinander reden darüber, was wir in den 30 Jahren geschafft haben, wo es Probleme gegeben hat und wie es den Menschen dabei geht. Es gibt heute im Osten schöne Städte und gute Straßen, aber gerade im ländlichen Raum ist noch viel zu tun: Langsames Internet, fehlende Ärzte oder Hebammen und der Bus, der nur zweimal am Tag kommt. Von gleichen Lebensverhältnissen sind wir oft weit weg. Das wollen wir angehen – damit niemand abgehängt ist.

Die Grünen haben zuletzt sehr gute Wahlergebnisse erzielt und befinden sich auf dem besten Weg, eine Volkspartei zu werden. Ist grüne Politik damit zum Mainstream geworden?

Göring-Eckardt: Das Konzept der „Volkspartei“ hat sich überlebt. Das ist eine Idee aus dem letzten Jahrhundert. Wir haben Werte, wir haben klare Konzepte und wir machen Politik für die Menschen. Uns geht es um die großen Zukunftsfragen, zum Beispiel um den radikalen Kampf gegen die Klimakrise, eine Landwirtschaft, die gesund ist für Mensch und Tier, sowie eine soziale Politik, die nicht länger hinnimmt, dass jedes fünfte Kind in Armut lebt und Menschen von ihrer Rente nicht leben können. Da gibt es noch viel zu tun.

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des jüngsten UN-Klimagipfels? Ist das EU-Ziel realistisch, den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2030 um 37,5 Prozent zu senken?

Göring-Eckardt: Erst einmal ist es erfreulich, dass es auf dem UN-Klimagipfel überhaupt zu einer Einigung gekommen ist. Aber die war vor allem technischer Natur. Der Prozess wurde gerettet, das Klima aber noch lange nicht. Mit welchen Maßnahmen die Klimakrise verhindert werden soll, ist weiterhin offen. Das ist zu wenig! Die Bundesregierung muss jetzt endlich liefern mit einem sozial verträglichen Kohleausstieg, einer nachhaltigen Landwirtschaft und einer echten Verkehrswende. Doch statt zu handeln, steht sie beim Klimaschutz auf der Bremse. Auch bei den CO2-Grenzwerten für Pkw wollte sie wieder Gesetze verwässern – für die Autoindustrie und gegen das Klima. Gut, dass die Bundesregierung sich hier nicht durchsetzen konnte.

Zu guter Letzt: Was gehört für Sie zu einem gelungen Weihnachten und wie werden Sie die Weihnachtstage verbringen?

Göring-Eckardt: Weihnachten ist für mich die Zeit der Besinnlichkeit. Also sich den Raum zu nehmen, sich auf das zu besinnen, wofür wir dankbar sein können und was uns lieb ist: Das Licht, das in die Welt kommt, die Wärme, die zwischen Menschen entsteht, das Geborgensein, das es mitten in der Stille gibt. Und so suche ich mir an Weihnachten genau solche Inseln, wo mir das Innehalten möglich ist: in der Kirche oder zusammen mit der Familie und Freunden.

 

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