Weihnachtsstress "Wir sind auch keine Unschuldsengel"

KULMBACH. Dem Kitsch und Kommerz zum Trotz können Advent und Weihnachten besinnlich sein. Der Kulmbacher Dekan Hans Roppelt gibt im Interview Tipps dazu.

Weihnachten heißt jetzt X-mas und der Christbaum folgerichtig X-mas-Tree. Der Handel lässt alle Jahre wieder seine Produktflut auf die Kunden los. In den Regalen liegen schon seit vielen Wochen Süßwaren und Dekorationsideen, die auf das Fest einstimmen sollen.

Die Vorfreude ist tierisch. Dank aufblasbarer Rentiere und den Santa-Claus-Kostümen und Adventskalendern, die es längst auch für Hunde gibt. Im Radio und im Supermarkt dudeln dieselben Songs in der Endlosschleife. Nicht nur mit der stillen Zeit ist es vorbei, auch die Dunkelheit muss weichen. Dank funkelnder LEDs ist dem Lichterzauber in und am Haus kein Limit mehr gesetzt. Nur die Grenzen des guten Geschmacks sind offenbar längst überschritten.

Hans Roppelt nimmt die Entwicklung mit Humor. Denn Kulmbachs katholischer Dekan weiß, wie er gegensteuern kann.

Herr Roppelt, droht uns jetzt die totale Verramschung und die Verkitschung der Vorweihnachtszeit?

Hans Roppelt: Ach sehen Sie, ich bin da im Laufe der Jahre ziemlich schmerzfrei geworden. Wer sein Haus und den Garten von Mitte November an so hell wie Las Vegas leuchten lassen will, der kann das ruhig machen. Das muss jeder selbst wissen.

Aber schaut der tiefere Sinn von Advent und Weihnachten nicht irgendwie anders aus?

Hans Roppelt: Einiges hat mit Weihnachten nichts mehr zu tun. Aber dagegen zu schimpfen und zu polemisieren bringt trotzdem nichts. Die meisten Leute meinen es ja gut.

Wie viel Kommerz lässt sich noch verkraften?

Hans Roppelt: Mir ist schon klar, dass Weihnachten für viele ein Riesengeschäft ist. Es gibt ein Angebot, weil die Nachfrage hoch ist. Wobei ich sagen muss, dass wir von der Kirche auch keine Unschuldsengel sind. Wir verkaufen auch Selbstgebasteltes am Adventsmarkt.

Nervt Sie so ein Weihnachtsrummel?

Hans Roppelt: Ich gehe mit Vergnügen über den Kulmbacher Adventsmarkt und genieße dort Lebkuchen und Glühwein. Besonders gefällt mir, was die evangelischen Kollegen von der Diakonie in der Villa neben unserer Pfarrkirche machen.

Wie wird der Advent schön?

Hans Roppelt: Wir versuchen, in der Kirche entsprechend gute Angebote und Impulse zu bringen. Unsere besinnlichen Gottesdienste im Advent werden von Jahr zu Jahr besser angenommen. Da machen wir das elektrische Licht aus und zünden Wachskerzen an. Musikgruppen singen wunderschöne Adventslieder, die es ja auch gibt. Es geht ums Warten. Wir wollen uns darauf einstellen, dass Gott uns nahe ist und unser Leben begleitet.

Für manche ist der Advent eine eher hektische Zeit. Sie steuern dagegen und senken den Stresspegel?

Hans Roppelt: Ja, das schönste Kompliment kam von einer Besucherin des Gottesdienstes. Sie hat gesagt, dass sie endlich mal zur Ruhe gekommen ist. Eine ruhige Zeit verbringen wir auch an den Adventsnachmittagen mit jungen Menschen und mit Senioren. Wenn wir uns in den kirchlichen Gruppen treffen, dann haben wir bei aller Besinnlichkeit aber auch unsere Gaudi. Die Weihnachtsgottesdienste sind hervorragend besucht. Wir feiern, dass der allmächtige Gott als kleines Kind zu uns gekommen ist. Geboren in ärmlichsten Verhältnissen in einem Stall. Wenn am Ende des Gottesdienstes das Licht aus ist, nur die Christbaumbeleuchtung brennt und "Stille Nacht" gesungen wird, dann bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut.

Kommt bei Ihnen gar kein Stress auf, wenn Sie im Advent und an Weihnachten so viel zu tun haben?

Hans Roppelt: Ganz ohne Stress geht es eben nicht. Das ganze Leben ist voll davon. Manche sagen, sie sind sogar im Urlaub gestresst. Ich versuche, jetzt schon für Weihnachten vorzuarbeiten. Derzeit sitze ich an den Texten für den Pfarrbrief und für Einladungen. Auch für geplante Ansprachen erarbeite ich ein Gerüst.

Also sollte man rechtzeitig planen? Der Weihnachtstermin müsste ja mittlerweile gut bekannt sein.

Hans Roppelt: Wir versuchen zum Beispiel, unsere Christbäume in der Kirche rechtzeitig aufzustellen. Wenn der Heilige Abend heuer an einem Montag ist, können wir nicht erst am Sonntagnachmittag damit anfangen. Aber die Zeitachse hat sich insgesamt ziemlich verschoben.

Inwiefern? Ist Weihnachten nicht mehr am 24. Dezember?

Hans Roppelt: Aus theologischer Sicht ist es der 25. Dezember. Aber für viele Menschen sind der 24. und 25. Dezember vom Empfinden her der Abschluss der Weihnachtszeit. Dann geht es schon wieder auf Neujahr und Fasching zu.

Der Advent wird also zum vorgezogenen Weihnachten?

Hans Roppelt: Dazu gibt es eine wahre Geschichte. Sie ist einem Kollegen von mir passiert. Eine Frau ist kurz vor Heiligabend an der Kirche vorbeigegangen und hat beobachtet, wie dort die Christbäume aufgestellt werden. Ihr Kommentar: Jetzt wo alles fast vorbei ist, fangen die damit an, Weihnachten zu feiern. 

 

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