Was die Beatmungskommission heraus fand und worüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird Atemnot am Klinikum

Die beiden Chefärzte Harald Rupprecht (links) und Claus Steppert stellten den Abschlussbericht der Beatmungskommission vor. Foto: Wittek

Den Bericht, mit dem sich das Klinikum von dem Vorwurf reinwaschen will, Patienten zu lange künstlich beatmet zu haben, stellen am frühen Donnerstagnachmittag zwei Chefärzte vor. Harald Rupprecht, ein Nierenspezialist. Und Claus Steppert, ein Lungen-Experte. Beide Mitglieder der Beatmungskommission. Beide in Diensten des Klinikums. Aber beide keine Intensivmediziner. Der Vorsitzende, der eigentlich berichten müsste, fehlt. Prof. Joachim Schmidt, Oberarzt am Universitätsklinikum Erlangen, hat sich entschuldigen lassen. Aus persönlichen Gründen, wie es heißt. Niemand außer ihm selbst weiß, welche das sind. Und das ist nicht die einzige Frage, die offen bleibt.

Das Klinikum hatte Schmidt als Vorsitzenden der Kommission berufen. Unter Zeitdruck, wie der Ärztliche Direktor, Prof. Klaus Henneking, sagt. Erst danach habe sich Schmidt um einen Chefarztposten am Bayreuther Krankenhaus beworben. Einen Interessenkonflikt sieht Henneking darin nicht. In dieser Woche hat Schmidt einen Rückzieher gemacht. Erst vom Kommissionsvorsitz. Dann von seiner Bewerbung.

Also berichten Rupprecht und Steppert aus der Kommission. Viele Zahlen habe die Expertengruppe, besetzt mit vier Medizinern des Klinikums und drei Ärzten anderer Krankenhäuser, analysiert. Und auch fünf Einzelfälle begutachten lassen. Darunter den Fall „Ramses“ – einen Patienten, dem wegen langer Beatmung Arme und Beine abstarben. Den Pfleger mit Verbänden bandagierten, weil sie es nicht mehr mit ansehen konnten.

Zwei Gutachter hat die Kommission berufen. Beide sind Ärzte am Universitätsklinikum Erlangen – dort, wo auch der Kommissionsvorsitzende tätig ist. Rupprecht und Steppert sagen: Die Gutachter haben in keinem Fall Hinweise darauf gefunden, dass Patienten im Klinikum mit Vorsatz, System und der Absicht abzukassieren zu lange beatmet wurden. Was sie nicht sagen: Im Klinikum fragt man sich, wie belastbar diese Gutachten tatsächlich sind. Sie mussten unter großem Zeitdruck erstellt werden. Wofür Ärzte üblicherweise Wochen brauchen, das hatten diese beiden Erlanger Mediziner in wenigen Stunden zu erledigen: Fünf Patientenakten durchsehen und bewerten.

Pfleger, die auf der Intensivstation 28 Dienst taten, brauchen nicht nachzulesen. Sie haben es eigenen Worten nach erlebt. Und in eidesstattlichen Erklärungen, die bei einem Bayreuther Anwalt hinterlegt sind, niedergeschrieben. Auch Patienten, die keine Überlebenschance hatten, seien weiter beatmet worden.

Die Kommission, sagen Rupprecht und Steppert, habe diese eidesstattlichen Aussagen in ihrem Bericht nicht berücksichtigt. Weil die Pfleger sie der Kommission nicht zur Verfügung stellten. Ob man externen Gutachter mehr Glauben schenkt als den eigenen Beschäftigten? „Wir haben Mitarbeiter befragt und ihre Aussagen sehr ernst genommen“, sagt Rupprecht. Vor der Kommission haben manche ihre Vorwürfe wiederholt. Rupprecht schränkt ein: In Einzelfällen sei nach Meinung der Pfleger zu lange beatmet worden. Und dann schränkt er noch mal ein: „Diese Mitarbeiter sind tagtäglich acht Stunden lang an den Patienten dran. Für sie ist die Belastung groß, größer als für Ärzte. So kann es zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.“ Unterschiedliche Einschätzungen. Die gab es auch in der Kommission selbst.

Prof. Dieter Hausmann, Chef der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, gehörte der Expertengruppe an. Er hat ein Zusatzprotokoll zu dem Kommissionsergebnis erarbeitet. Sein Votum findet sich im Kommissionsbericht nicht. Weil er es nach Abschluss der Kommissionsarbeit im Februar vorgelegt habe. Für den Aufsichtsratsvorsitzenden der Klinikum Bayreuth GmbH, Landrat Hermann Hübner, steht gleichwohl fest: An der Grundaussage, das Klinikum habe nicht wirtschaftliche Interessen über das Wohl der Patienten gestellt, ändere das nichts. Das sähen alle Kommissionsmitglieder so. Auch Hausmann.

Man kann Hausmanns Papier allerdings auch ganz anders verstehen. Beatmungszeiten ließen sich auch verlängern, wenn man die Notwendigkeiten und Kriterien laxer auslegt. Die Beatmungszeiten zweier Intensivstationen im Klinikum seien weit auseinander gelegen. Der damalige Geschäftsführer Roland Ranftl habe vor allem den Leiter der Station mit weniger Beatmung aufgefordert, die Belegung hoch zu halten. Das geht mit künstlicher Beatmung. Und Hausmann sagt: Bayreuther Intensivmediziner sind bei der Prüfung der Einzelfälle zu ganz anderen Ergebnissen gekommen als ihre Erlanger Kollegen. Sie sehen zumindest bei vier Patienten verlängerte Beatmungszeiten als nachgewiesen an.

Bevor der Kommissionsbericht gestern im Klinikum bei einer Pressekonferenz vorgestellt wurde, tagte der Aufsichtsrat. Vier Stunden lang. Hausmann hätte dort Rede und Antwort gestanden. Das aber wollte der Aufsichtsrat nicht. Zu lesen, was er schreibt, genüge. Dasselbe gilt auch für Prof. Martin Höher. Auch er hätte Stellung genommen. Auch ihn lud das Kontrollgremium nicht.

Für Höher ist die Sache gut ausgegangen. Er war als Leiter der umstrittenen Intensivstation suspendiert worden. Gestern gab ihm der Aufsichtsrat dieses Aufgabe wieder. Am Klinikum spekuliert man nun, ob das schon eine Vorentscheidung war. Denn Höher steht auch im Zentrum eines weiteren Vorwurfs, an dessen Aufarbeitung eine Expertengruppe gerade noch arbeitet. An der Frage, ob Patienten künstliche Herzklappen per Schlüssellochoperation eingesetzt wurden. Obwohl das medizinisch nicht notwendig gewesen wäre. Sollte diese Kommission Fehler aufdecken, wäre das Klinikum blamiert.

Der Bericht der Beatmungskommission soll veröffentlicht werden, sagt Aufsichtsratschef Hermann Hübner. Das war bei der ersten Kommission, die Vorgänge in der Geburtshilfe bewertet hatte, noch anders. Obwohl Hübner maximale Transparenz versprochen hatte. Doch allzu viel wird die Öffentlichkeit auch diesmal nicht zu lesen bekommen. Eineinhalb Seiten Kommissionsbericht. Zwei Seiten Empfehlungen , was zu verbessern ist. Punkt 1 dieser Liste: „Die Versorgung der Station mit einem Oberarzt/Facharzt sollte im Früh- und Spätdienst sichergestellt werden.“ Das heißt konkret: In der Vergangenheit war das anders. In der Vergangenheit waren Pflegekräfte auf der Intensivstation 28 mitunter auf sich allein gestellt. Experten sprechen von einem Organisationsverschulden. Auf anderen Intensivstationen im Klinikum gibt es dieses Defizit nach Kurier-Informationen nicht.

Kommentar

Vertrauen wäre gut

Von Frank Schmälzle

Das Klinikum ist ein tolles Krankenhaus. Wenn ich müsste, ich würde mich sofort dort in Behandlung begeben. Weil die allermeisten Pflegekräfte und Ärzte einen großartigen Job machen. Das vorneweg. Das Problem sind nicht die Mitarbeiter in Pflege oder Verwaltung und auch nicht die überwiegende Mehrzahl der Ärzte. Das Problem ist der Aufsichtsrat, genauer: sein Vorsitzender. Mit der Art, wie Landrat Herman Hübner in dem Kontrollgremium die Aufarbeitung der Vorwürfe gegen das Krankenhaus betreibt, tut er dem schwer angeschlagenen Klinikum keinen Gefallen. Im Gegenteil. Er versprach schnelle Aufklärung und musste gestern erklären: „Wir haben das unterschätzt.“ Er versprach Transparenz – und veröffentlichte die Kommissionsberichte entweder gar nicht oder nur in Minimalversion. Er ließ Begleiterscheinungen zu, die Zweifel aufkommen lassen. Wie bei der Besetzung des Vorsitzes der Beatmungskommission. Er redet Meinungsverschiedenheiten klein, lässt kritische Aussagen außen vor. Er scheint froh, wenn bei den Prüfungen möglichst wenig herauskommt. Das Wichtigste, was das Klinikum braucht, ist Vertrauen. Vertrauen, das Mitarbeiter und Ärzte verdient haben. Der Aufsichtsrat-Chef trägt nicht dazu bei.

 

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