Warum Volkstrauertag Erinnern in den Zeiten des Friedens

BAYREUTH/WEIDENBERG. Vor wenigen Tagen feierte man in Europa 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs. Auch daran wird am Volkstrauertag am Sonntag, 18. November, erinnert werden. Zu Recht? Ist Gedenken sinnvoll? Wir sprachen darüber mit Martin Götz, Leiter des Museums für Militärtradition in Weidenberg.

Man gedenkt am Volkstrauertag der Toten der Kriege, in diesen Tagen aber besonders der Toten des Ersten Weltkriegs. Warum an einen Krieg erinnern, der hundert Jahre her ist?

Martin Götz: Gerade weil wir in Europa seit vielen hundert Jahren keine so lange Friedensperiode erlebt haben wie zur Zeit, muss man das tun. Meine Kameraden von der Bundeswehr und ich, wir haben in den 70er Jahren noch voll die Zeiten des Kalten Krieges miterlebt. Heute befinden wir uns hier in Oberfranken in der Mitte von Europa, und wir sind umgeben von Freunden. Damals aber gab es den Eisernen Vorhang, und der war nur 50 Kilometer entfernt. Da hat es Grenzen gegeben, an denen wirklich Menschen gestorben sind. Unsere Eltern und Großeltern wiederum konnten noch vom Zweiten und Ersten Weltkrieg erzählen. Jetzt ändern sich die Zeiten wieder, die politischen Verwerfungen der vergangenen vier Jahre lassen uns wieder in Richtung Kalter Krieg treiben.

"Wie viel Leiden Krieg über die Menschen bringt"

Sie organisieren auch Reisen an Kriegsschauplätze zum Beispiel in Frankreich. Ist das Schlachtfeldtourismus? Oder warum macht man das?

Götz: Oberfranken war zum Glück nur selten Kriegsschauplatz. Anders Frankreich, wo immer wieder die großen Mächte gerungen haben. Dort kann man sich auf den Schauplätzen etwa der Kämpfe von 1870/71, vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg ansehen, wie verheerend Krieg ist und wie viel Leid er über die Menschen bringt.

Sie betreiben als Verein das Museum für Militärtradition in Weidenberg. Was sind das für Menschen, die Waffen und Uniformen und andere Hinterlassenschaften sammeln?

Götz: Jedenfalls keine Militaristen. Es ist nicht so, dass jeder Soldat ein Mörder sei...

"Erfahrungen dürfen nicht in Vergessenheit geraten"

Wie es in einer Glosse von Kurt Tucholsky hieß...

Götz: Genau. Es war vielmehr bis nach 2007, als mein Sohn seinen Wehrdienst ableistete, so, dass man wehrpflichtig war. Auch ganz normale Menschen mussten zur Waffe greifen, nicht, weil sie töten wollen, sondern weil sie wehrpflichtig waren, weil sie ihre Heimat verteidigen wollten. Krieg ist schrecklich, und diesem Schrecken wollen wir einen Erinnerungspunkt, ein Denkmal setzen. Wir bekommen für unser Museum in Weidenberg viel Zuspruch, viele Menschen vertrauen uns auch die Nachlässe von ihren Vätern oder Großvätern an, weil sie nicht wollen, dass deren Erfahrungen in Vergessenheit geraten. Wir archivieren, stellen aus, mahnen.

Der Volkstrauertag wiederum scheint mittlerweile zum Ritual geworden zu sein. Brauchen wir neue Formen des Gedenkens?

Götz: Es stimmt schon, und der Kreis derer, die da gedenken, wird kleiner. Weil die Menschen, die noch Kriege erlebt oder von Betroffenen davon erzählt bekommen haben, älter werden. Also müsste man so etwas wie den Volkstrauertag mehr öffnen, gerade für junge Leute. Man müsste das Interesse an Geschichte schärfen, auch an der Schule schon mehr für das Geschichtsbewusstsein tun. Aber das Fach Geschichte steht in harter Konkurrenz zu anderen Fächern. Es fällt jedenfalls auf, dass sich die jungen Menschen in Frankreich für die Erinnerungsarbeit viel stärker engagieren. Wir überlegen im Moment, wie man junge Leute wieder stärker interessieren kann. Vielleicht durch Schulpatenschaften oder durch Forschungsprojekte zusammen mit Schülern.


Info: Militärmuseum in Weidenberg: Führungen außerhalb der Hauptsaison unter unter Telefon: 0921/3448674 oder 09209/829 zu erfragen.

 

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