Warum Schlingensief Afrika liebte

Am Start für ein Projekt, das eigentlich nie fertig werden kann: Der Regisseur Christoph Schlingensief (rechts) fotografiert in Burkina Faso neben Francis Kere, dem Architekten des Operndorfes. Foto: Michael Bogar/dpa

Er brachte zusammen, was kaum jemand sonst zusammengebracht hätte, Afrika, Wagner und Bayreuth: Christoph Schlingensief, der vor fünf Jahren starb. Jetzt richtet das Iwalewahaus dem  "Parsifal"-Regisseur, Theatermacher, Filmregisseur und Aktionskünstler eine Tagung aus. Wir sprachen mit Organisator Fabian Lehmann über Richard Wagners koloniale Phantasien, über Parsifals unbekannten Bruder und Betrug auf Meilen.

Wagner und Afrika würde man kaum zusammenbringen, wäre da nicht Parsifal-Regisseur Schlingensief. Man kennt das Operndorf in Burkina Faso. Aber was hatte Schlingensief sonst noch mit Afrika zu schaffen?

Fabian Lehmann: Eine ganze Menge seines Schaffens hatte mit Afrika zu tun. Das begann mit der „Deutschlandsuche 1999“. Namibia, die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika, war ein Ort, an den er gelangt ist. Was er da unter anderem getan hat, war, mit einem Kassettenradio eine Robbenkolonie mit Siegfried zu beschallen. Schlingensief war 2005 noch mal in Namibia, für den Film „The African Twin Towers“. Der Film wurde zwar nie fertig, aber von der Reise hat er viele Einflüsse mitgenommen, im Bezug auf seine Parsifal-Inszenierung in Bayreuth. Die Afrika-Bezüge in dieser Inszenierung waren sehr offensichtlich, auch in den Kostümen und im Bühnenbild. Schlingensief war sehr interessiert an Bezügen zu Afrika und hat auch in Wagners Biografie danach gesucht. Das gibt aber nicht gar so viel her. Mehr findet man in der Rezeptionsgeschichte Wagners.

Wie denn das?

Lehmann: Bei Leo Frobenius zum Beispiel. Der war ein großer Afrikaforscher, von dessen Reisen in Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts wir seine Tagebuchaufzeichnungen besitzen. Und da lesen wir, dass er zum Abschied aus dem Kongo Wagner-Platten abgespielt hat, um den Anlass feierlich und angemessen zu begehen. Kira Thurman wiederum hat dazu geforscht, wie afroamerikanische Sänger und Sängerinnen bereits Ende des 19. Jahrhunderts den deutschesten aller deutschen Komponisten dazu verwandt haben, um ihre gesellschaftliche Stellung zu ändern, um sich sozusagen weißer zu machen. Und das sind nur zwei Beispiele. Da ergeben sich viele Bezüge.

Wagner scheint Afrika eher großräumig umgangen zu haben. Es gibt im „Parzial“ des Wolfram von Eschenbach einen Halbbruder des Titelhelden, den Parzivals Vater mit einer Afrikanerin gezeugt hat. Warum taucht dieser Feirefiz nicht im „Parsifal“ auf?

"Man sah sich im Besitz der Zivilisation"

Lehmann: Es ist müßig, dafür Gründe zu suchen, letztendlich wissen wir's nicht. Es scheint aussagekräftig genug, dass Feirefiz in Wagners Erzählung fehlt. Sagen wir's mal so: Das Fehlen passt in das Werk von Wagner.

Dieser dunkelhäutige Mann wird als der einzige Ritter geschildert, der dem Parzival gewachsen gewesen sei. Die beiden Halbbrüder kämpfen miteinander, erkennen einander und ziehen fortan Seite an Seite in Abenteuer. War das Mittelalter in puncto Vorurteilslosigkeit weiter?

Lehmann: Ob das Mittelalter wirklich weiter war, weiß ich nicht. Aber Afrika hatte im Mittelalter eine andere Stellung. Wenn man sich Illustrationen anschaut, waren die Könige aus Afrika denen aus Europa gleichgestellt. Das hat sich in der Sklaven- und Kolonialgeschichte drastisch geändert, über die Jahrhunderte hinweg. Die Kolonisatoren hatten Interesse daran, die Kultur Afrikas herunterzuspielen. Auch der Rassismus ist eng verbunden mit der Kolonialgeschichte. Man sah sich im Besitz der Zivilisation, und die galt es, anderen, geringer geachteten Völkern zu bringen – womit man wiederum Ausbeutung und Gewalt legitimieren konnte.

"Wagner ist eng verbunden mit der deutschen Geschichte"

In der aktuellen Ausstellung des Iwalewahaus wird Richard Wagner mit einem ausgesprochen expansionsfreudigen Satz zitiert. Was hat es damit auf sich?

Lehmann: Mit ist nur dieser eine Vortrag bekannt, als er 1848 vor dem Vaterlandsverein in Dresden gesprochen hat. In seinem Vortrag ging es ihm eigentlich darum, wie sich republikanische Bestrebungen gegenüber dem König verhalten sollten. Aber es war ihm sehr wichtig, dass, wenn denn dereinst die Republik ausgerufen wird, man auch die deutsche Zivilisation, diese Blüte der Kultur, in die Welt trägt. Ich finde es auffällig an Wagners Biographie, dass auch sein Geburtsjahr eng verbunden mit der deutschen Geschichte ist. Er wurde bekanntlich 1813 in Leipzig geboren, im Jahr der Völkerschlacht von Leipzig, die maßgeblich völkische Bestrebungen fördern sollte. 1883 starb Richard Wagner. Es war wiederum das Jahr, in dem Heinrich Vogelsang im Auftrag des Kaufmanns Adolf Lüderitz die Grundlage für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika legte.

Warum das Operndorf nie fertig werden kann

Im Zuge eines betrügerischen Handels mit einem Nama-Häuptling, der als „Meilenschwindel“ in die Geschichte einging.

Lehmann: Ja, Vogelsangs Betrug schrieb Geschichte. Man muss Wagners Aussagen und die Bestrebungen vieler weiterer Anhänger der kolonialen Idee jedenfalls ernst nehmen. Sie haben dazu beigetragen, dass Bismarck, der ursprünglich überhaupt keine Kolonien hatte haben wollen, den Lüderitz'schen Handelsstützpunkt als so genanntes Schutzgebiet anerkannt hat.

Es ist gerade still geworden um das Operndorf von Christoph Schlingensief. Ist das Projekt abgeschlossen?

Lehmann: Das Operndorf ist nicht fertig, es ist die Frage, ob es das jemals sein kann. Es geht um den Prozess. Die Krankenstation, die Grundschule, das Tonstudio und noch ein paar weitere Gebäude sind fertig. Aber noch nicht das eigene Festspielhaus, das das Zentrum sein sollte. Das Festspielhaus war ihm sehr wichtig. Aino Laberenz, seine Witwe, leitet nun das Projekt. Und sie sagt: Dieses Gebäude ist nicht entscheidend, sondern das Dorf. Die Leute dort, sagt sie, finden auch so ihre Bühne. 2010, im Februar, war der Spatenstich für das Dorf. Seitdem entwickelt es sich. Es ist darauf angelegt, dass es nicht von heute auf morgen entsteht, sondern dass es den Kindern dort Perspektiven bietet, dass sie in Musik und Malerei und in der Filmklasse ausgebildet werden. In dem, was es den Kindern bietet: Auch darin lässt sich der Fortschritt des Projekts ablesen.

 

Zur Person und zur Tagung: Der Regisseur, Filmemacher, Theatermann und Aktionskünstler Christoph Schlingensief, inszenierte 2004 in Bayreuth den "Parsifal". "Er war unheimlich stolz, mir diese Inszenierung zeigen zu können", erinnert sich sein Wegbegleiter und Freund, der Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal. "Die Einladung nach Bayreuth bedeutete für ihn das Akzeptiertsein im extrem bürgerlichen Theaterbetrieb." Sein letztes großes Projekt und Vermächtnis ist das Operndorf. Christoph Schlingensief starb im August 2010 an Krebs.

Die Tagung "Art of Wagnis. Christoph Schlingensief's crossing of Wagner and Africa" im Iwalewahaus führt von Freitag, 4. Dezember, bis Sonntag, 6. November, 20 Wissenschaftler und Künstler zusammen. Das Tagungsprogramm lesen Sie hier.

 

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