Wagners "Parsifal" Der Gral am "Ende des Thales"

BAYREUTH/MÜNCHEN. Kind der Berge: Der „Parsifal“ wurde 1882 in Bayreuth uraufgeführt. Die ersten Entwürfe aber schrieb Richard Wagner in einer von König Ludwigs Berghütten. Der Monarch hatte die Gralsburg ohnehin in Bayerns Gebirge geortet – aus gutem Grund.

Die Uraufführung von „Tristan und Isolde“ in München liegt elf Tage zurück, und noch immer ist Richard Wagners größter Fan aufgewühlt. „Erhabener! Mein Einziger!“, schwärmt Ludwig II. den Komponisten an, „Sie allein sind die Quelle meiner Seligkeit, immer ist es der Gedanke an meinen hehren Freund, der mich neu belebt, mich mit nie verlöschender Begeisterung erfüllt.“

Der menschenscheue Ludwig hat sich mal wieder aus der widerborstigen Hauptstadt in die Berge geflüchtet. Wagners Musik und Worte aber hallen in ihm nach und entfalten noch immer die Wirkung einer Droge: „Nun hoffe ich den über Alles Geliebten bald wieder zu sehen; ich brenne nach Ihm! Du nur führst mir Seelenruh, selige Erquickung zu!“

Der Brief, er datiert vom 21. Juni 1865, geschrieben in den Ammergauer Bergen, markiert den Höhepunkt der Freundschaft zwischen dem König und seinem Komponisten. Noch hat sich nicht zu Ludwig herumgesprochen, dass Wagner nicht nur der Kunst gefrönt, sondern auch der Gattin seines „Tristan“-Dirigenten Hans von Bülow beigewohnt hat.

Noch einiges andere Unerfreuliche hat Wagner unternommen, längst schon mokiert man sich in München über die königlich gedeckte Verschwendungssucht Wagners und seine Einmischung in die Politik – allein, der König schwebt auf Wolke sieben beziehungsweise über den Wolken in seiner wagnerseligen Bergwelt.

„Tannhäuser“ und „Tristan“, Abendstern und Hirtenlied – alles gerinnt in den Zeilen des bayerischen Königs zum großen Dank an den kleinwüchsigen Sachsen. Noch die harmloseste Äußerung der Natur bringt des Königs Kopfkino auf Touren: „Jeder Vogelsang im Walde mahnt mich an unsren furchtlosen Helden, den selig frohen Siegfried!“ Auch das schreibt Ludwig an Wagner – Träume eines Friedfertigen von einem unbekümmerten Totschläger.

Ludwig treibt seinen Traumfabrikanten an

Seinen Traumfabrikanten versichert Ludwig nicht nur seiner Liebe und Verehrung, gewürzt mit Anklängen an dessen Opern – er treibt ihn auch an, fast wie ein Junkie seinen Dealer. Nicht einfach mit groben Aufforderungen tut dies der König, nein, er befeuert Wagners Einbildungskraft. Träume mit mir, fleht der König, verleihe meinen Träumen Wirklichkeit in der Traumwelt des Theaters.

Ludwig lenkt dazu den Blick des Visionärs auf Naheliegendes. Denn inmitten von Ludwigs Bergeinsamkeit liegt Kloster Ettal. Und da wächst, über die Zeitspanne von Jahrhunderten, zusammen, was in den Augen des Königs zusammengehört, Gralssehnsucht und Kloster in den Bergen.

Sein weit entfernter Vorfahr Ludwig IV., genannt Ludwig der Bayer, der erste Kaiser aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, hat das Kloster Ettal 1330 gegründet. Als fromme Stiftung, um ein Gelübde einzulösen. Das wäre nichts Besonderes; eigenartig sind aber die Begleitumstände der Gründung. Nicht nur Mönche sollen in der Bergeinsamkeit ihr Leben Gott weihen, sondern auch Bewaffnete. So schreibt es die Gründungsregel vor: Zwölf verheiratete Ritter unter einem Meister sollen mit den Mönchen unter einem Dach wohnen.

So etwas gibt es nirgendwo sonst. Vermischt sich da Literatur mit Politik und mit Religion? Man kann nur mutmaßen, das aber auf dem Grunde gesicherter Tatsachen. Ludwig der Bayer, im Streit mit dem Papst exkommuniziert, hatte Querdenkern Asyl gewährt und München damit zur Hochburg einer Politik gemacht, die den Alleinherrschaftsanspruch des Papstes bekämpfte.

Bekannt ist auch, dass an Ludwigs Hof die Artus-Literatur gepflegt wurde. Ausgeschlossen, dass der mittelalterliche Ludwig die Erzählungen vom Gralskönig Parcival und seinem Sohn Lohengrin nicht gekannt hat. In Ettal baute er seine Gralsburg als Heimstatt einer neuen heiligen Gemeinschaft, unberührt von den Machenschaften einer weltlich gewordenen Kirche: Mönche und reine Ritter, würdig, den glückselig machenden Gral zu schauen, in Gestalt des weithin berühmten Ettaler Gnadenbildes der Muttergottes mit ihrem Kind.

Ludwig II. träumt also nicht nur, als er Richard Wagner anspornt. „In der Ferne, am Ende des Thales ragt die Kirche zu Ettal empor aus dunklem Tannengrün. Nach dem Plane des Graltempels zu Mont Salvat soll Kaiser Ludwig der Bayer diese Kirche erbaut haben; – und da belebt sich die Gestalt Lohengrin’s meinem Blicke auf’s Neue, und Parcival, den Helden der Zukunft, sehe ich im Geiste, nach dem Heile forschend, nach dem einzig Wahren.“

Wahrheit – das ist für Ludwig II. letztlich die Bühne. Parsifal, „den Helden der Zukunft“, will er dort in die Wirklichkeit treten sehen, ins Leben gerufen von seinem Propheten Wagner. Der trägt sich seit 1845 mit einem Parcival-Drama, nun macht der König Wagners Vorstellungskraft also Beine: „Wie verlangt, wie dürstet meine Seele nach jenen Werken, die Ihr Geist Uns noch erschaffe!“

Nach dem „Tristan“ ist Wagner erst mal platt

So einfach ist das alles aber nicht. Wagner ist eine Diva, nach dem „Tristan“ auch erst mal platt. Der König lädt ihn auf eine seiner Berghütten ein, dort soll der Genius entspannen. Und natürlich am „Parcival“ arbeiten. Am Ende wird das Drama „Parsifal“ heißen, weil Wagner wüst herumdeutet und entdeckt, dass „Fal Parsi“ auf Persisch angeblich „reiner Tor“ bedeutet. Ein „Bühnenweihfestspiel“ wird es; trotz viel liturgischen Gepränges kein besonders christliches Werk, eher ist es buddhistisch gefärbt: Mitleid als wahre Religion.

Bis dahin aber, erst recht bis zur Premiere des Wagner’schen Weltabschiedswerks, steht Mühsal. Vor allem am Anfang, nach Ludwigs freundlicher Einladung: Nur von einem Diener und einem Hund begleitet, macht sich Wagner im August 1865 auf den Aufstieg zum Hochkopf oberhalb vom Walchensee.

Eigentlich ist Wagner berggewohnt, in den Schweizer Alpen hat er um 1850 gewagte und anstrengende Wanderungen ins Hochgebirge und seine Gletscher unternommen, für die man ihm heute noch Respekt zollen kann. Wagner liebt die Berge, vor ihrer monumentalen Kulisse fallen ihm Motive zum „Ring“ ein. Und auch im „Tristan“ schlagen sich seine Alpenerfahrungen nieder. „Das Englischhorn soll hier die Wirkung eines sehr kräftigen Naturinstrumentes, wie das Alpenhorn, hervorbringen“, schreibt er in den Anmerkungen dazu. Er denkt sogar an die Entwicklung besonderer Instrumente, mit dem Schweizer Alphorn als Vorbild.

Doch seitdem sind über zehn Jahre vergangen. Vielleicht nervt den Komponisten auch das ständige Drängen des Königs. Wagner jedenfalls plagt sich am Walchensee, er kommt an bei „völliger Nacht“, sucht in „vollständiger Wildnis“ vergeblich nach Wasser. Der Sommer 1865 ist aber auch nicht günstig für die Gründung der idealen Gesellschaft im „Parsifal“. Nach drei schönen Tagen schlägt das Wetter um, es wird kühl und regnerisch. Wagner erkältet sich und bricht nach zehn Tagen seine Bergeinsamkeit ab. Wenigstens hat er nun erste Skizzen zu seinem Erlöserdrama im Gepäck.

Bergeinsamkeit auf dem Grünen Hügel

Die Freundschaft zwischen Ludwig II. und Richard Wagner wird in den kommenden Jahren ziemlich viele Höhen und Tiefen hinter sich lassen, die Geschichte mit Cosima während der Proben zum „Tristan“ verzeiht Ludwig Richard nie so ganz.

Immerhin unterstützt der König den Künstler auch nach dessen erzwungenem Abschied aus München, im zeitweiligen Asyl in Tribschen am Vierwaldstätter See, bei seinem Umzug nach Bayreuth. Wagner weiß schon, warum er sich dort niederlässt, fern von München, aber noch im Wirkungskreis seines Mäzens. In diesem kleinen Städtchen, einem Kaff, abgelegen, nur Pilgern zugänglich – dort schlägt Wagner eine Lichtung in den Wald und baut sein Festspielhaus. Eine Bergeinsamkeit auf dem Grünen Hügel, sozusagen.

Ludwig unterstützt Wagner diskret, zahlt 25.000 Mark für Wagners Wohnhaus Wahnfried, auch nach dem finanziellen Debakel der ersten Bayreuther Festspiele 1876 öffnet er seine Börse für einen Kredit.

Ludwig fährt sogar mal hin, kurz vor der Premiere der weltweit ersten Festspiele. Seinen Zug hat er kurz vor Bayreuth anhalten lassen, im Schutz der Dunkelheit steigt er in eine unauffällige Kutsche um. Er will, am besten inkognito, die Generalproben für den „Ring des Nibelungen“ ansehen.

Die Bayreuther bekommen’s später mit, wer in ihrem Städtchen Logis bezogen hat, sie bejubeln den König. So weit geht die Feindschaft der Franken gegenüber den Bayern eben doch nicht. Der schöne Ludwig ist aber auch unglaublich beliebt.

Der „Parsifal“ feiert im August 1882 Premiere, bei den zweiten Bayreuther Festspielen. Ein unerhörter Erfolg, auch was die Finanzen betrifft. Endlich hat Wagner, das „Pumpgenie“ (Thomas Mann), keine Geldsorgen mehr.

Ganz glücklich ist er nicht: Sein alter Freund Ludwig ist seiner Einladung nicht mehr gefolgt. Ach, all die Menschen und die eitlen Gecken von Fürsten, die in ihren Prunkkutschen zum Mega-Event hinrollen. Da mag der dick und noch menschenscheuer gewordene Ludwig nicht hin.

Den „Parsifal“ wird er schon noch sehen, kurz vor seinem Tode im Jahr 1886. Richard Wagner ist da allerdings längst tot, am 13. Februar 1883 ist er in Venedig gestorben, ohne übrigens die Bergwelt Ludwigs noch einmal erkundet zu haben.

Der König und sein Komponist: So richtig kamen sie nur im Theater zusammen.

 

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