Wackersdorf-Film Diesem Mann gebührt eine Medaille

PEGNITZ. Eine spannende Veranstaltung: Die Pegnitzer Grünen hatten im Regina-Filmtheater ein Gespräch mit Zeitzeugen der Proteste gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf organisiert. Hinterher lief an diesem Freitagabend der Film „Wackersdorf“ von Regisseur Oliver Haffner über die Leinwand. Doch die Hauptperson des Films und einer der Hauptprotagonisten des damaligen Widerstands war nicht da: Hans Schuierer, der ehemalige Schwandorfer Landrat, war erkrankt.

Landtagsvizepräsidentin Ulrike Gote forderte in Abwesenheit die Verfassungsmedaille für ihn. Uwe Raab hatte ursprünglich den Kontakt hergestellt zu Schuierer, der aus gesundheitlichen Gründen verhindert war an diesem Abend. Er sei damals der SPD-Ortsvorsitzende in Pegnitz gewesen. Sie hätten sich bei den Besuchen zu den Wackersdorfer Sonntagsspaziergängen und mit seiner Frau Helga „die Tränen aus den Augen gewischt. Weil wir betroffen waren, aber auch, weil wir mit Tränengas ‚behandelt‘ wurden.“ Aus Pegnitz seien damals viele nach Wackersdorf gepilgert.

Richter: „Gell Mama, die bringen uns jetzt alle um“

„Da waren ganz normale Menschen, nicht politisiert, die sind spazieren gegangen mit ihren Hunden“, sagt Carina Richter. Sie war mit ihrem damals vierjährigen Sohn in Wackersdorf, Pfingsten 1986 sei das gewesen. Da habe die Polizei angegriffen, sei mit Hubschraubern nur knapp über den Demonstranten gekreist, der Wind und Lärm sollte sie schon vertreiben, die Demonstranten. „Da sagt mein kleiner Sohn zu mir: ‚gell Mama, die bringen uns jetzt alle um‘.“ Zuvor war sie als Krankenschwester vor allem friedensbewegt, war kirchlich engagiert. Doch von den Behörden mit Krawallmachern in einen Topf geworfen zu werden, das habe sie geärgert. So hat sich Richter politisiert.

Gote: "habe erlebt, wie hier eine ganze Region politisiert war"

Ulrike Gote hatte keine Ahnung gehabt von Wackersdorf, wie sie offen zugibt: „Ich habe in der Zeit des WAA-Baus in Bayreuth Geoökologie studiert. Im Jahr 1986 bin ich gekommen. Ich war selbst nicht in Wackersdorf, aber ich habe erlebt, wie hier eine ganze Region politisiert war – und wie auch die Studierenden regelmäßig nach Wackersdorf gefahren sind.“ Sie sei stolz gewesen auf das, was die Menschen hier auf die Beine gestellt hätten, sagt Gote hinterher im Gespräch. Vor allem der Mut ganz normaler Menschen habe sie beeindruckt. Und mit wie viel Mut sie das tun.

Gote: Schuierer hat "Verfassungsmedaille verdient"

„Mir hat das gezeigt, dass die Politik den Respekt vor dem, was die Menschen vor Ort bewegt, braucht – vor allem, wenn sich Menschen engagieren zum Wohle ihrer Heimat, wie Hans Schuierer.“ Der sei immer noch nicht richtig anerkannt für seine Leistungen, mein Gote: „Schuierer hat bis heute keine bayerische Auszeichnung bekommen, als Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags habe ich die Verleihung der Verfassungsmedaille mitbekommen, die hatte er schon lange verdient gehabt.“

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Sandra Huber moderierte den Abend. Einen gelungenen Abend. Die Episoden der Zeitzeugen lassen den folgenden Film unmittelbarer wirken, machen diese Zeit greifbarer. Irgendwie kein Wunder also, dass im Kino kein Platz frei blieb.

Stimmen zum Abend

Carina Richter, Zeitzeugin: „Der wichtigste Tag war für mich an Pfingsten 1986, da war ich hautnah dabei. Ich wollte mit meinem kleinen Sohn zu einer Kundgebung, die vom Bund Naturschutz geplant war, und mir einige Dinge anhören. Das war kurz nach Tschernobyl. Die ganze Veranstaltung ist dann eskaliert: Gewalt und Übergriffe. Mit meinem vierjährigen Sohn bin ich da zwischen die Fronten geraten. Passiert ist uns Gott sei Dank nichts – aber in mir ist etwas passiert: Mir wurde klar, dass ich mich politisch engagieren muss. Vorher war ich nur in der Kirche und der Friedensbewegung aktiv. Beim Film hat mir etwas gefehlt: Der Landrat sagt im Film, man müsse die Massen mobilisieren, das wurde nicht gezeigt. Es waren ja Ströme von Menschen bei den Sonntagsspaziergängen. Das hat mich ja so fasziniert: Von überall kamen die Leute, um präsent zu sein. Das kam im Film zu kurz.“

Klaus Rettig, evangelischer Pfarrer und Anti-WAA-Aktivist: „Ich hab den Film schon dreimal gesehen und finde ihn super. Ich hab auch kritische Stimmen gehört, wonach er zu sehr auf die Person von Landrat Schuierer fokussiert sei. Aber der hat es auch verdient. Die Rolle des katholischen Pfarrers ist mir aber zu schwach. Der ist in der Rolle gar nicht erkennbar. Von der evangelischen Seite kommt nur einmal der Posaunenchor von Regensburg vor – der spielt noch dazu völlig ohne Fehler. Was es, noch dazu im Freien, bei einem Posaunenchor kaum gibt. Aber das sind Details. Sehr nachvollziehbar ist aber dargestellt, wie an dem Thema Freundschaften zerbrochen sind und der Riss teilweise durch die Familien ging. Ich war damals Pfarrer in Erbendorf: Bis zum heutigen Tag ist das oft ein Tabuthema. Da leistet der Film viel, die längst überfällige Aufarbeitung anzustoßen.“

Helga Raab, Zeitzeugin: „Es ist sehr bewegend, wie der Landrat sich innerlich mit dem Thema auseinandergesetzt hat und was das für ein Prozess war. Das hat man als Demonstrant ja nur am Rande mitbekommen und der Film zeigt das noch mal sehr nahe. Das erste Mal war ich selbst in Wackersdorf, da wurde gerade erst bekanntgegeben, dass dort so etwas auf der grünen Wiese entstehen soll. Später waren wir immer mal wieder dort: An Ostern gab es zum Beispiel einmal eine Demonstration, da sind alle in Weiß hingegangen. Wir waren auch bei Gottesdiensten am Marterl mit Klaus Rettig. Der Film ist sehr realitätsnah. Ich hätte erwartet, dass mehr Originalbilder eingebaut werden. Aber was vom Machtmissbrauch der Ära Strauß transportiert wird, das haben wir auch so erlebt, mit Autodurchsuchungen. Man ist als Demonstrant wie ein Verbrecher behandelt worden.“

Susanne Bauer, Grünen-Sprecherin für den Bezirk Oberfranken: „Ich bin 1977 in der Oberpfalz geboren – war aber nicht in Wackersdorf dabei, auch nicht als Kind. Aber wir hatten Nachbarn, die waren ,zugereiste Grüne. Wir waren gern bei denen als Kinder, weil wir da das ganze Wohnzimmer umräumen durften. Die sind zu den Demonstrationen nach Wackersdorf gefahren und haben uns Kinder auch geprägt – so stark, dass mein Bruder und ich unseren kleinen Leiterwagen beschriftet haben mit ‚WAA Nein!‘. Damit sind wir dann in Trabitz durchs Dorf gefahren. Unsere Eltern fanden das sogar in Ordnung. Das Grundgefühl im Ort war skeptisch gegenüber der WAA. Bei Tschernobyl haben unsere Nachbarn dann einen Geigerzähler besorgt und uns informiert. Als Doktor des Ortes hatte sein Wort auch Gewicht. Die haben mich sicher politisch geprägt.“

Oliver Winkelmaier, Vorsitzender des SPD-Ortsverbandes Pegnitz: „Damals war ich noch zu klein. Ich habe mitbekommen, wenn etwas im Fernseher kam, aber konnte das nicht erfassen. Es hat mich dennoch politisch geprägt, weil sich meine Großeltern intensiv darüber unterhalten haben. So hat mir das früh gezeigt im Leben, dass Politik offenbar eine wichtige Rolle spielt, weshalb ich dann auch politisch aktiv geworden bin. In Pegnitz habe ich damals mitbekommen, dass die Älteren am Bolzplatz am Wochenende in Wackersdorf unterwegs waren. Man braucht nicht glauben, das seien wenige Linksextreme gewesen: Das waren Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die da hingefahren sind, um zu zeigen: ‚Nein, mit uns nicht.‘ Beim Film finde ich vor allem den Hauptdarsteller super. Auch wenn ich mit Leuten spreche, die dabei waren, höre ich oft: ‚genau so war’s.“

 

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