Verwirrt und barfuß Der Fall einer Fast-Räuberin

Der erhobene Arm einer verwirrten Ladendiebin reicht nicht für einen Verbrechenstatbestand, urteilte jetzt das Bayreuther Schöffengericht. Foto: Arne Dedert, dpa-Archiv

BAYREUTH. Eingedampft ist wohl die richtige Beschreibung für das, was am Dienstag im Schöffengericht von eine Raub-Anklage gegen eine 38-jährige Bayreutherin übrig blieb. „Das war zu hoch gehängt“, sagte der Schöffengerichtsvorsitzende Torsten Meyer im Urteil: Anstatt einer Mindeststrafe von einem Jahr für einen Raub gab es eine Geldstrafe für den Diebstahl geringwertiger Sachen.

Das war der Vorwurf: Die Frau tauchte am 7. Juni morgens kurz nach 7 Uhr in einem Einkaufsmarkt im Stadtteil Kreuz auf, griff sich eine Packung Billig-Tabak für 4,95 Euro, verduftet und wurde vom hinterherhastenden Marktleiter gestellt. Bei Versuch des Mannes, der Frau den Tabak wieder abzunehmen gingen der Angestellte und die Diebin zu Boden, der Mann schürfte sich dabei den Arm auf.

Das wertete die Staatsanwaltschaft als räuberischen Diebstahl und als Körperverletzung und erhob gleichzeitig eine zweite Anklage gegen die Frau: Im April war sie demnach ohne Fahrschein in einem Nahverkehrszug zwischen Weiden und Weidenberg und soll zu der Kontrolleurin, die sie zum Nachlösen eines Tickets aufforderte, den Satz gesagt haben: „Wenn du nicht die Augen zudrückst, hast du kein Herz. Dann bist du ein A...“ Das letzte Wort des Satzes ist eine Beleidigung.

Die Angeklagte muss erst aus der Drogentherapie geholt werden

Der Prozess gegen die 38-Jährige begann mit Verspätung. Die Frau musste erst von Polizisten von der Suchtstation des Bezirkskrankenhauses geholt und ins Gericht gebracht werden. Dort hatte sie laut ihrer Anwältin Dorrit Franze die vergangenen Monate zum Drogenentzug verbracht. Bei der Süchtigen sei sogar eine durch Drogen verursachte Psychose diagnostiziert worden.

Die Sucht ihrer Mandantin, so erklärte die Anwältin, sei auch der Grund für die angeklagten Straftaten. Vor dem angeblichen Raub in dem Einkaufsmarkt habe ihre Mandantin Crystal Speed konsumiert und sei die halbe Nacht „durch Bayreuth geirrt“. Ohne Geld in der Tasche habe sie morgens rauchen wollen und tatsächlich das Tabakpäckchen gestohlen. Eine Gewaltanwendung oder eine Drohung gegen den sie festhaltenden Angestellten bestritt die Angeklagte.

Ein Marktangestellter hat schlechte Erfahrungen

Der Angestellte, der den Tabak zu retten versuchte, bestätigte indirekt, dass die Angeklagte einen seltsamen Eindruck gemacht habe: Die Frau sei barfuß gewesen und habe einen Schlafanzug getragen. Er habe seine Kassiererin sagen hören „den Tabak müssen sie aber zahlen“ und habe die Verfolgung aufgenommen.

Als er der Frau den Tabak aus der Hand winden wollte, habe diese mit der anderen Hand „aufgezogen“. Der Mann fürchtete einen Angriff, nahm die Frau, die kleiner ist als er, in den Schwitzkasten und ließ sich fallen. Die „Aufziehbewegung“ der Diebin wollte Richter Meyer genauer erklärt haben. „Die Hand schwang nach hinten“, sagte der Zeuge. Der Mann berichtete, er sei seit 2011 sehr misstrauisch; damals sei er von Wodkadieben mit einem Messer bedroht worden.

Die Kontrolleurin aus dem Nahverkehrszug berichtete ebenfalls von einem seltsamen Verhalten der Angeklagten: Die Frau sei in Kirchenlaibach eingestiegen, habe ein gültiges Ticket bis Seybothenreuth gehabt und als sie ihr fünf Minuten später in Seybothenreuth sagte: „Sie wollten doch aussteigen“, hörte sie die unlogische Antwort: „Das ist doch Weidenberg.“

Weil die Zeugin von einem „gültigen Ticket“ sprach und die Angeklagte damals offenbar nicht erkannt habe, wo sie genau sei, wurde sie vom Vorwurf des Schwarzfahrens freigesprochen. Auch den Raub konnte das Schöffengericht nicht auf die Aussage des Hauptzeugen stützen: Gewalt sei nicht angewendet worden allenfalls komme ein Versuch in Betracht – jedoch reiche das Schwingen des Arms nach hinten nicht für eine Drohung im Sinn des Tatbestands aus.

Neben der Geldstrafe für den Tabakdiebstahl gab es auch eine Geldstrafe für das Schimpfwort im Zug.

 

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