Unmut über die Arbeitgeber wächst

Aufbruchstimmung der etwas anderen Art gestern Morgen vor den Werkstoren des Pumpen- und Armaturenherstellers KSB in Pegnitz: Die IG Metall hat zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Und alle machen mit. Fast alle. Doch die „Handvoll Streikbrecher“ bereiten dem Betriebsratsvorsitzenden Wolfgang Kormann keine Sorgen. Er ist stolz auf die Solidarität in der Belegschaft – mehr als 1000 Beschäftigte waren über die drei Schichten hinweg dabei.

Die zeichnete sich schon beim Mitgliedervotum im Unternehmen ab – „das hat mich fast an sozialistische Verhältnisse erinnert, so eindeutig war das Ergebnis“, sagt Kormann. Und so waren es denn auch „höchstens, fünf, sechs Mann“, die sich zum Beginn der Frühschicht um 6 Uhr einen Weg durch die Streikposten auf das Betriebsgelände suchten. „Wohl, weil sie sich für unverzichtbar halten oder denken, sie verdienen schon zu viel“, wie Volker Seidel, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Ostoberfranken, sarkastisch anmerkte. Die Streikenden bat er gleichwohl darum, am nächsten Tag wieder auf Augenhöhe mit den „Abweichlern“ zusammenzuarbeiten.

Hardrock, Popcorn und gute Stimmung

Reger Andrang am Kaffeestand, Musik von Hardrock- bis Liedermacherklängen aus dem Lautsprecher, später dann Würstchen aus der Feldküche des THW, dazu Popcorn: Partystimmung wäre übertrieben, aber unter den laut Schätzung der Polizei 300 bis 350 KSBlern, die sich da am Waidmannsbach – die Straße war bis 10 Uhr gesperrt – versammelten, herrschte alles andere als Gedrücktheit. Zu notieren war vielmehr ein hohes Maß an Kampfbereitschaft. Was auch an der Haltung der Arbeitgeber in der laufenden und bisher ergebnislosen Tarifverhandlungsrunde liegen dürfte, wie Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern vermutet.

"Angebot ist ein Witz"

Auch wenn die andere Seite jetzt ein Lohnplus von 3,5 Prozent angeboten habe – das seien angesichts der gewünschten Laufzeit von 27 Monaten „nur Almosen, das ist ein Witz“. Auch er würdigte die flächendeckende Solidarität in allen bestreikten Betrieben, die sich auch schon tags zuvor gezeigt habe. Daher müsse sich die IG Metall gewiss nicht auf „faule Kompromisse“ einlassen. Zumal es um weit mehr gehe als nur um mehr Geld.

Es geht uims Ganze

Es gehe vielmehr um eine fast schon gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, „darum, wer über was bestimmt“. Klar, die Unternehmen bestimmten über ihre Unternehmen. Aber die Beschäftigten müssten eben auch das Recht haben, ab und an über ihre Arbeitszeit bestimmen zu können. Das habe mit Flexibilität zu tun. Bei der Betreuung von Kindern, bei der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen. Und es gehe damit auch darum, „bestimmte Werte wieder zurechtzurücken“.

Schichtarbeit wertschätzen

Von der Forderung, die Wochenarbeitszeit für zwei Jahre reduzieren zu können, werde die Gewerkschaft nicht abrücken. Auch nicht davon, dass es für besonders belastete Mitarbeiter dafür einen Zuschuss geben muss, damit sie das leisten können. Wechsler meint vor allem die Schichtarbeiter. Und damit Menschen, „die aufgrund ihrer Arbeitszeiten oft vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt sind, weil sie zum Beispiel die abendliche Theateraufführung ihrer Kinder an der Schule nicht besuchen können“.

Klage der Arbeitgeber abgelehnt

Die Aussagen der IG-Metall-Führung wurden immer wieder mit einem lauten Trillerpfeifenkonzert als Applaus bedacht. Verstärkt dann, als das Verhalten der Arbeitgeber zur Sprache kam. Diese hatten geklagt gegen die ganztägigen Warnstreiks, gegen die Forderungen der IG Metall. Weil diese rechtswidrig seien. Und vor allem unverhältnismäßig. Das empfinden Wechsler und Seidel als Affront. Erfreulich sei, dass das Arbeitsgericht Düsseldorf die Klage der Arbeitgeber abgewiesen hat, „das bestätigt unsere Einschätzung, dass die Verhältnismäßigkeit sehr wohl gewahrt ist“, so Volker Seidel im Gespräch mit dieser Zeitung.

Viele kamen von auswärts

Auch rund 40 Vertreter anderer Unternehmen kamen gestern nach Pegnitz, halfen auch als Streikposten aus: Aus Hof, aus Kulmbach, aus Röslau, von Klubert & Schmidt aus Pottenstein, von ZF aus Wolfsbach. Diese Posten standen auch am nördlichen Zugang zum KSB-Areal mit der Lkw-Schleuse. Auch da ging „nichts rein und nichts raus“, so Wolfgang Kormann. Natürlich gab es Ausnahmen: Azubis etwa, die an diesem Tag Prüfungen ablegen mussten, durften ebenso aufs Gelände wie Mitarbeiter von Firmen, die mit Reparaturen zu tun hatten.

Die Sperre und die Ausnahmen

Und, so Kormann: „Es gibt Einzelfälle wie etwa in der Gießerei.“ Wo ein Werkstück halt manchmal 24 Stunden durchglühen müsse. Aber eben nicht länger. Dann muss es aus dem Ofen, damit es keinen Schaden nimmt. „Wir wollen nicht, dass an Produkten oder Werkzeugen etwas kaputtgeht, dazu gibt es Absprachen mit der Geschäftsleitung“, so der Betriebsratsvorsitzende.

Jetzt auch beim BMW und Audi

Was nichts an einer ausgeprägten Streikbereitschaft ändert. Heute geht es dann noch einmal richtig rund: Auch bei BMW und Audi ruht dann die Produktion völlig, in Baden-Württemberg sind Mercedes und Porsche betroffen. Für Jürgen Wechsler ein Zeichen, wie dramatisch die Lage ist: „Bei den großen Automobilfirmen gab es Streiks in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Das sollte den Arbeitgebern zu denken geben, meint er.

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