Übernahme Ein Deal unter Nachbarn

Sascha Sturm (links) übernimmt mit seiner Firma DWS den Print- und Mail-Service von Fritz Höhn. Foto: Andreas Harbach

NEUDROSSENFELD. Firmenübernahme - da handelt es sich oft um viele Millionen Euro und Tausende Mitarbeiter. Doch es geht auch in ganz klein, wie jetzt in Neudrossenfeld und Altenplos.

25 Jahre hat Fritz Höhn dann doch nicht mehr vollgemacht. Zum Jahreswechsel hat der 69-jährige Altenploser seinen 1995 gegründeten Print- und Mailservice an DWS Sturm im benachbarten Neudrossenfeld abgegeben. Drei Maschinen sowie den Kundenstamm hat Geschäftsführer Sascha Sturm übernommen, sein Unternehmen damit um eine Dienstleistung erweitert. Bei den Modalitäten wollen sie nicht ins Detail gehen, sprechen von einer guten einvernehmlichen Lösung. Schließlich haben sich die Unternehmen schon früher mal ausgeholfen.

Bis zu 100.000 Briefe am Tag

Acht Mitarbeiter plus Aushilfen hatte Höhn zu Spitzenzeiten, zum Schluss waren es deutlich weniger. Sie druckten Serienbriefe, falzten und kuvertierten sie maschinell und verschickten sie dann - bis zu 100.000 am Tag. Vor allem für Unternehmen, aber auch schon mal für einen Verein. Höhn ist froh, dass durch das Aus in Altenplos niemand arbeitslos wurde, weil die übrigen festen Mitarbeiter auch in Ruhestand gehen. Fritz Höhns Bruder Konrad hilft noch mit seinem Knowhow in Sachen Datenverarbeitung. Und mit den Aushilfen will Sturm bei Bedarf auch weiter zusammenarbeiten.

Kein Platz mehr für die Maschinen

Wehmut kommt bei Fritz Höhn, der sich als Spätberufener selbstständig machte, nicht auf. "Höchstens ein bisschen", sagt er und ergänzt lächelnd: "Schließlich bin ich in einem Alter, wo man zumindest an den Unruhestand denken darf. Zu tun habe ich auch so genug." Denn in der ehemaligen Alten Mühle wohnt auch die Familie seiner Tochter mit fünf Kindern. "Die wollen alle eigene Zimmer, da ist gar kein Platz mehr für die Maschinen", sagt Höhn.

Eine Million Euro investiert

Sascha Sturm ist froh, für sich und seine 18 Mitarbeiter einen neuen Kundenkreis erschlossen zu haben. Bislang arbeitete er als Weiterverarbeitungsspezialist ausschließlich für Druckereien. Die liefern die bedruckten Bögen in Neudrossenfeld an, wo sie gefalzt und gebunden werden - quasi vollautomatisch von einer Maschine, in die Sturm vor drei Jahren rund eine Million Euro investiert hat und die in einer 2000 Quadratmeter großen Halle steht, die DWS gehört. Heraus kommt ein sogenanntes Softcover, also ein Taschenbuch. "Das ist unsere Spezialität", sagt Sturm. Aber auch um den Versand kümmert sich sein Unternehmen immer öfter: "Viele Kunden wollen alles aus einer Hand."

Marktbereinigung

Und das schnell und flexibel. Rund 40 feste Kunden hat DWS, 80 Prozent kommen aus einem Umkreis von 100 Kilometern. Aber auch Druckereien vom Bodensee, aus dem Erzgebirge, aus Darmstadt oder Weimar lassen in Neudrossenfeld binden. Das eigene Marktgebiet auszuweiten ist schwer, sagt Sturm. Grund: Durch das Druckereiensterben hat auch die Buchbinderbranche eine Bereinigung durchlaufen: "Wer jetzt noch übrig ist, der hat sich durchgesetzt, weil er auf seinem Gebiet gut ist."

Acht Bücher, oder mehr als 100.000

DWS sei vor allem für Flexibilität und Termintreue bekannt, nennt Sturm die eigenen Stärken. Aufträge umfassen meist zwischen 500 und 5000 Exemplare - Kataloge, Fahrpläne, Schulungshefte. Es können aber auch schon mal weit über 100.000 sein - oder deutlich weniger. "Erst kürzlich kam jemand zu mir und wollte, dass wir ihm acht Bücher binden - haben wir gemacht", sagt Sturm, der die Programmhefte für die Wagner-Festspiele in Bayreuth als ganz besonderen Auftrag bezeichnet, an dem man die Stärken des Unternehmens exemplarisch zeigen könne. Weil die Festspiele so aktuell wie möglich sein wollen, kämen die Daten oft erst eine Woche vor der Premiere.

Schnelle Reaktion auf Hakenkreuz-Skandal

Richtig eng aber wurde es 2012. Damals erschütterte der Hakenkreuz-Skandal den Grünen Hügel. Der als Holländer vorgesehene Russe Evgeny Nikitin verließ Bayreuth wegen eines umstrittenen Tattoos fluchtartig - vier Tage vor der Premiere. "Da waren die Programmhefte natürlich schon längst fertig. Also haben wir in Sonderschichten von Hand die Seiten herausgetrennt, auf denen der Sänger genannt oder im Bild zu sehen war und die Hefte neu gebunden", sagt Sturm nicht ohne Stolz.

Auch wegen solcher Leistungen ist der Umsatz in den zurückliegenden zehn Jahren stetig auf jetzt 1,4 Millionen Euro gestiegen. Ein Niveau, mit dem Sturm zufrieden ist. Das aber auch stets aufs Neue erkämpft werden muss, "weil unsere Branche extrem volatil ist. Man kann sich auf nichts verlassen und hat am besten immer eine Reserve."

 

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