Türkische Partnerstadt läutet Eiszeit ein

Bursa vor genau drei Jahren. Der türkische Premierminister Erdogan wird von seinen Anhängern bei einer Wahlkundgebung gefeiert. Kurz vorher war in der Türkei Twitter geblockt worden. Nun hat die Stadt Bursa ihre Partnerschaft mit Kulmbach auf Eis gelegt. Foto: dpa

Knapp 20 Jahre nach der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde hat die türkische Millionenstadt Bursa einseitig und ohne jede persönliche Information an ihre Partner aus Kulmbach die Städtepartnerschaft erstmal auf Eis gelegt.

Den Beschluss hat die Stadt auf ihrer Homepage verkündet und ganz offiziell die derzeit schwierigen diplomatischen Verhältnisse zwischen der Türkei und Deutschland als Grund genannt. Das hat in Bursa wie auch in Kulmbach gleichermaßen für Irritation gesorgt. OB Henry Schramm hat von der Entscheidung aus Bursa über Umwege erfahren. Zufällig.

Intensive Freundschaften und Beziehungen

Es gab weder einen Anruf noch einen Brief. Wie er dieses Verhalten bewertet, lässt Schramm höflich offen. Aber natürlich schweigt er nicht über diesen Abbruch von durchaus guten Beziehungen. Er finde es klug, erstmal abzuwarten, bis sich vielleicht Manches wieder beruhigt hat. Besonders für das Berufliche Schulzentrum tue ihm die einseitig ausgerufene Eiszeit sehr leid, sagt der OB. "Da sind schließlich sehr intensive Freundschaften und Beziehungen entstanden über die Jahre."

Begegnungen zwischen Bürgern

Viel Herzlichkeit sei in all der Zeit zu spüren gewesen bei den Begegnungen zwischen Bürgern aus Kulmbach und Bursa, meint Schramm nachdenklich und fährt fort: "Wenn das jetzt aufgrund der großen Politik nicht mehr gewollt ist, dann ist das sehr schade für die Menschen." Jetzt gehe es darum, nicht von deutscher Seite aus auch noch einen Schnellschuss abzufeuern. Am Donnerstag werde er den Stadtrat ganz offiziell informieren und dann müsse man sehen, ob sich die Lage nicht doch nach einer Weile wieder beruhige.

Störung in der Städtepartnerschaft

Schramm will die Störung in der Städtepartnerschaft auch nicht überbewerten. "Wenn man sieht, was sich momentan leider zwischen den beiden Ländern abspielt, dann wird diese Städtepartnerschaft plötzlich zu einem überschaubaren Problem." Was Schramm wichtig ist: "Ich habe in Kulmbach viele sehr gute türkische Bekannte. Wichtig ist es, sich vor Ort nicht auseinanderdividieren zu lassen." Das sieht auch Serkan Uzun so, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Kulmbach. "Wir sind überrascht", sagt er diplomatisch auf die Frage, was der denn von diesem Schritt der Stadt Bursa hält.

Rektor der Tophane-Schule

Serkan Uzun berichtet, er habe mit dem Rektor der Tophane-Schule in Bursa telerfoniert, die mit dem Beruflichen Schulzentrum in Kulmbach seit Jahrzehnten enge Verbindungen pflegt. Der Schulleiter habe von der Entscheidung selbst noch gar nichts gewusst. Serkan Uzun hat sich seine Meinung gebildet: "Wir bedauern das natürlich sehr. Aber das hindert nicht unsere Arbeit." Im Juli habe sich die Partnerschule zu einem Besuch angekündigt. "Hoffentlich passiert da jetzt nicht noch was."

Das Referendum abwarten

Das Oberhaupt der Türkischen Gemeinde ist überzeugt: "Was die große Politik macht, sollte nicht auf die Kleinen wirken. Das sind jetzt harte Zeiten für uns, aber da müssen wir durch. Wir werden nicht den Kopf in den Sand stecken und daran arbeiten, uns anders zu präsentieren." Er hätte sich, sagt Uzun, von Bursa gewünscht, erst einmal das Referendum abzuwarten. Jetzt gelte es, auf die Zeit zu setzen und lieber mal weniger zu sagen als zu viel." Landtagsvizepräsidentin Inge Aures war es, die am 28. Oktober 1998 als damalige Oberbürgermeisterin von Kulmbach gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister von Bursa, Erdem Saker, die Partnerschaftsurkunde zwischen den beiden Städten unterzeichnet hat.

Tiefer Riss in der Freundschaft?

Dass es jetzt einen so tiefen Riss in dieser Freundschaft geben soll, erschreckt Inge Aures: "Das ist wirklich bitter, dass sie die große Politik jetzt in die Kommunalpolitik runterholen. Was kann denn unsere Städtepartnerschaft dafür? Ich habe kein Verständnis für diesen Kleinkrieg", betonte Inge Aures und hofft, dass das türkische Referendum über eine neue Verfassung bald abgeschlossen wird, damit wieder Normalität einkehren kann. Aures hofft, dass unter all den Spannungen die örtlichen Beziehungen nicht leiden werden: "Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis zu unserer Türkischen Gemeinde und ein sehr gutes Miteinander in Kulmbach."

Freundschaft stärker als Hindernisse

Gutes Miteinander, das pflegt Hartmut Schubert als Vorsitzender des Kulmbacher Unesco-Clubs ebenso wie er es als Berufsschullehrer gepflegt hat. Noch fünf Wochen sind es, dann feiert der Club sein 20-jähriges Bestehen. Natürlich sind auch Vertreter des Partner-Clubs aus Bursa eingeladen. Bisher hat niemand die Zusage, nach Kulmbach zu kommen, zurückgezogen. Für Hartmut Schubert ist das Grund zu hoffen: "Auch wenn das traurig und bedrückend ist: Unsere Freundschaft ist stärker als die Hindernisse, die uns in den Weg gelegt werden sollen."

Zwölf Praktikanten werden erwartet

Schubert berichtet, dass sich die Verhältnisse in der Türkei, die er schon lange kennt, verändern. Die Beziehungen sind offensichtlich schwieriger geworden. Dabei nennt Schubert den Praktikantenaustausch, der nun schon seit vielen Jahren stattfindet und der Anfang Juli wieder stattfinden soll. Zwölf Praktikanten, Lehrer, Kindergärtnerinnen und auch Vertreter des Unesco-Clubs aus Bursa werden erwartet. Dieses Jahr wollten die Gäste erstmals ausdrücklich nicht in deutschen Gastfamilien untergebracht werden, sondern verlangten ein Hotel. Für Hartmut Schubert ist das alles kein gutes Zeichen.

"Keine Demokratie in unserem Sinn"

Die Türkei habe sich als Staat verändert. "Das ist keine Demokratie mehr in unserem Sinn", fasst Hartmut Schubert seine Erkenntnisse ernüchtert zusammen. Recep Altepe, der OB von Bursa, habe in Aachen studiert und sei einmal durchaus recht westlich eingestellt gewesen. Jetzt sei das offenbar anders. Auch wenn man die negativen Zeichen nicht leugnen kann, will Schubert optimistisch bleiben: "Wir lassen uns von politischen Einflüssen die Stimmung nicht trüben und werden uns auf der gesellschaftlichen Schiene nicht beeinflussen lassen." Kann so viel gute Laune und freundschaftliche Verbundenheit mit einem Federstrich zerstört erden? Die Kulmbacher glauben es nicht. Das Bild entstand anbei im Jahr 2015 anlässlich eines Treffens zur Feier des 30 Jahre währenden Praktikantenaustauschs zwischen Kulmbach-Bursa.

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