Trotz MS: Ein Traum wird wahr

Genießt ihr Zuhause im Grünen: Andrea Berauer-Knörrer, Foto: Andreas Harbach

Wenn ihre Beine kribbeln, droht Gefahr. „Meine Beine sind mein Frühwarnsystem“, sagt Andrea Berauer-Knörrer. Die 36-Jährige aus Döhlau vor den Toren von Bayreuth leidet seit zwölf Jahren an Multipler Sklerose. Sie ließ sich davon nie unterkriegen. Ein neues Leben beginnt sie aber erst jetzt, nachdem sie ihren Job bei BAT verloren hat.

Die Krankengeschichte von Andrea Berauer-Knörrer beginnt im Herbst 2006. Ihre Beine fühlen sich plötzlich taub an, kribbeln. Untersuchungen lassen den Verdacht auf Multiple Sklerose  aufkommen. „Da war mir sofort klar, was ich habe“, sagt sie dem Kurier.

Die Mutter ist ein Vorbild

Denn auch ihre Mutter war mit 25 Jahren an MS erkrankt. „Ich habe aber selber nie damit gerechnet, daran zu erkranken, denn meine Mutter sagte mir, MS ist nicht vererbbar.“ Heute wisse sie, dass das Erkrankungsrisiko durch MS-kranke Eltern etwas erhöht sei. Ein Schock sei die Diagnose für sie  nicht gewesen. „Ich wusste ja von meiner Mutter, dass man mit MS gut leben kann.“ Die Mutter sei immer eine Kämpferin mit positiver Lebenseinstellung gewesen. Sie war zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen, schaffte es aber wieder heraus. Ein Vorbild für die Tochter. Die sagt heute: „Vielleicht habe ich die Krankheit anfangs deshalb sogar zu leicht genommen.“

Krankheit mit den 1000 Gesichtern

Multiple Sklerose gilt als die Krankheit mit den tausend Gesichtern. Es handelt sich um eine chronische entzündliche Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und nicht heilbar ist. Entzündungen können an verschiedenen Stellen des Nervensystems auftreten, haben deshalb sehr unterschiedliche Ausprägungen zur Folge, sind unvorhersehbar. Bei vielen Patienten treten sie in Schüben auf.  

Durchstarten trotz Krankheit

Die Taubheit in den Beinen der jungen Andrea Berauer ist nach einer Cortison-Behandlung schnell wieder weg. Nach ihrem ersten Schub startet sie durch - als wollte sie es allen zeigen. Die gebürtige Tirolerin, die wegen ihrer ersten Liebe und des Studiums der Betriebswirtschaft in Kombination mit Sprache nach Bayreuth gekommen war, beginnt ein berufsbegleitendes Fernstudium zum „Master of Organizational Managment“. „Auch, weil ich nicht wusste, ob ich das Fernstudium mit Bahnfahrten nach Bochum ein paar Jahres später noch geschafft hätte.“

Aufstieg bei BAT

2008 tritt sie eine neue Stelle als Personalreferentin bei British American Tobacco (BAT) in Bayreuth an. „Das machte mir Mega-Spaß.“  Schon ein Jahr später rückt sie mit 27 Jahren als Verantwortliche für die Personalentwicklung am Standort Bayreuth in das BAT-Management auf. 2010 heiratet sie, ein Jahr darauf kommt Sohn Leopold zur Welt. Nach einem Jahr Babypause kehrt sie in den Job zurück, teilt sich die Stelle zunächst. „Ich wollte perfekt sein, in Teilzeit die gleiche Leistung bringen wie vor der Babypause, die gleiche Anerkennung haben, dabei auch noch Supermama sein. So geriet ich immer tiefer ins Hamsterrad.“

Der Super-GAU

Berauer-Knörrers Kollegen wissen um ihre Krankheit, die sie im Alltag nicht beeinträchtigt.  MS-Schübe gibt es selten, manchmal sind mehrere Jahre dazwischen. Sie hindern sie nicht daran,  Sport zu treiben und für Mini-Triathlon zu trainieren. Ende 2013 treten erste Burnout-Symptome auf: Schlaflosigkeit, Probleme, abzuschalten,  hoher Blutdruck. Sie ignoriert die Warnungen des Körpers. Bis zum dem Zeitpunkt, den sie heute den Super-GAU nennt.

Die Beine wollen nicht mehr

Wieder sind es die Beine. „Von einem Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr laufen.“ Sie denkt: Etwas Cortison und eine Woche Krankschreibung, dann ist es wieder gut. Aus der einen Woche werden drei Monate. „Wenn ich gehen wollte, sah es so aus, als wäre ich betrunken, weil ich meine Beine nicht mehr gespürt habe. Die Beine schliefen mir jeden Tag ohne Vorwarnung plötzlich ein, so dass ich mich setzen musste. Ich traute mich auch lange nicht Autofahren. Da realisierte ich zum ersten Mal: Du hast ja Multiple Sklerose.“ 

Ein Einschnitt im Leben

Den starken Schub damals führt sie heute auf den Stress zurück, den sie sich mit ihren eigenen Leistungsansprüchen gemacht habe. Es ist ein Einschnitt in ihrem Leben. Die damals 32-Jährige fragt sich: Was tut mir eigentlich gut? Sie erinnert sich, wie sie fünf Jahre vorher mit einer Freundin ein Yoga-Wochenende in ihrer alten Tiroler Heimat verbracht hat, das sie heute als Schlüsselerlebnis bezeichnet. Berufsbegleitend beginnt sie eine Ausbildung als Yogalehrerin, will das Prinzip Yoga kennenlernen – auch um besser mit Stress umzugehen. Sie beginnt wieder zu arbeiten, merkt aber: Ich schaff das nicht mehr. So tritt sie auf der Karriereleiter einen Schritt zurück von der Managerin zur Personalreferentin.

Der Job ist weg

2016 kribbeln wieder die Beine. BAT verkündet die teilweise Schließung des Standorts Bayreuth, auch ihr Job soll wegfallen. Diesmal nimmt Berauer-Knörrer die Warnung ernst und wagt den Sprung in die Selbstständigkeit – mit Hilfe der Transfergesellschaft, in die sie nach vorzeitigem freiwilligem Ausscheiden aus dem Job wechselt.  Sie hat gerade ihre Ausbildung als Yoga-Lehrerin abgeschlossen, beginnt eine Zusatzausbildung als Business-Yoga-Lehrerin. MS-Kranke und Menschen, die im Beruf an ihre Grenzen kommen, liegen ihr besonders am Herzen. Sie sagt: „Ich bin BAT dankbar, dass man mir ermöglicht, meinen Traum zu verwirklichen.“

Im hier und jetzt

Sorgen um die Zukunft macht sich Berauer-Knörrer nicht, Gedanken schon. "Ich lebe im hier und jetzt", sagt sie. Um ihren Sohn sorge sie sich nicht mehr als andere Mütter auch. Dass er ein erhöhtes MS-Erkrankungsrisiko hat, davon geht sie nicht aus. "Warum soll ich mir Sorgen um etwas machen, was höchstwahrscheinlich gar nicht eintritt?"

Ohne Cortison

Dunkle Momente, in denen auch Tränen fließen,  hat sie gleichwohl. Vor wenigen Tagen, beim Frühstück mit einer Freundin aus der Bayreuther MS-Selbsthilfegruppe Albatros, fehlen ihr plötzlich die Worte. Die Untersuchungen im MS-Zentrum in der Hohen Warte bestätigen den Verdacht: ein neuer, leichter Schub. Diesmal aber schafft sie es ohne Cortison, die Folgen zu überwinden, nur mit ihren erlernten Yoga-Techniken. Berauer-Knörrer sagt das mit ein bisschen Stolz. Und so zitierte sie auch, auf die Frage nach ihrem derzeitigen Lebensmotto, die US-Schriftstellerin Virginia Wolff: „Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach‘ Limonade draus.“


Das ist Albatros

Der Bayreuther MS-Selbsthilfegruppe Albatros gehören nach Auskunft von Leiterin Steffi Heinig 20 bis 30 Betroffene an. Darunter Betroffene, die trotz der Krankheit ein normales Leben wie Andrea Berauer-Knörrer, und auch solche, die wegen der Krankheit im Rollstuhl sitzen oder im Pflegeheim leben müssen. Die Gruppe trifft sich jeden letzten Freitag im Monat, meistens in der Lutherkirche. Am 30. Mai, dem Welt-MS-Tag, ist die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft vor dem Krankenhaus Hohe Warte mit einem Info-Stand vertreten. 

www.ms-albatros.com

Blogbeiträge von Andrea Berauer-Knörrer sind zu finden unter www.trotz-ms.de

 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading