Tiefe und Sinnlichkeit Wagner? Vier Experten erklären, was an ihm fasziniert

Richard Wagner.

BAYREUTH. Diesen Wagner verstehe mal jemand. Während gerade so mancher Festspiel-Neuling staunend und mitunter verständnislos vor dem gewaltigen Werk des Bayreuther Hausheiligen steht, haben sich einige Experten so in den schwierigen Stoff hineingearbeitet, dass sie von ihrer Kenntnis sogar abgeben. Auch heuer haben sie das wieder in auf die Vorstellung des Tages abgestimmten Einführungsvorträgen getan, die über das Spezialistentum in Sachen Wagner einiges gemeinsam haben: Sie zeugen von der Liebe zu Wagner und seinem Werk. Und: davon leben kann man nicht, damit leben sehr gut.

Das Geschäftsmodell

Was „Mein Ziel ist, dass die Leute hinterher sagen: jetzt freue ich mich auf die Oper“, sagt Volker Jürgen Ern. Er hält normalerweise Einführungsvorträge in Zürich, nutzt die Theaterferien für die Wagner-Festspiele. „Ich opfere den kompletten Sommer“, sagt er. Den intellektuellen Gehalt der Werke versucht er zu verdeutlichen, zusammenzufassen, zu vereinfachen – damit die Leute die Angst vor Wagner verlieren.

„Wir machen das nicht aus Sendungsbewusstsein“, sagt Sven Friedrich, Leiter des Richard-Wagner-Museums. „Aber die Nachfrage gibt es einfach.“ Er nähert sich von verschiedenen Seiten aus Wagner. Biographie, Inhalt der Werke, Wirkungsgeschichte oder die jeweilige Inszenierung: Sven Frieddrich schildert, was die Menschen für den betreffenden Tag an Wissen brauchen könnten. Auch Stefan Jöris, freischaffender Regisseur und früher Assistent von Wolfgang Wagner, nützt „Szenenbilder, Text und Musikbeispiele und Strukturdiagramme zur Wagners Dramaturgie, sowie persönliche Geschichten und Bezüge aus seinem Leben“. Hans Martin Gräbner erzählt nicht nur von Musik, er spielt sie auch. „Mein Hauptarbeitszeug ist der Klavierauszug“, sagt er. „Übrigens singe ich auch.“

Warum muss man Wagner überhaupt erklären?

„Wagner ist ästhetischer Hochalpinismus“, sagt Sven Friedrich. „Man tut also gut daran, sich eines versierten Bergführers zu versichern.“ Jöris verweist auf die Vielschichtigkeit des „Gesamt- und Totalkünstlers“ Wagner, die man nur mit Vorkenntnissen wie ein Feinschmecker genießen könne: „Das ist wie eine Lasagne; eine eher einfache Handlungsgeschichte.

Der Gehalt der darunter liegenden Schichten wie Musik, Bild, Worte, Handlungsräume und so weiter sind in seinen Partituren wie in einem Rezept festgehalten.“ Gräbner überlässt die Antwort anderen. „Muss man ja nicht, aber mein Publikum behauptet, danach mehr davon zu haben.“

Wie aktuell ist Wagner eigentlich noch?

Kaum zu schlagen, das ist die einhellige Meinung. „Der ,Ring' als Parabel über Vergewaltigung der Natur, Machtmissbrauch und Kapitalismus, und der ,Parsifal' als Gleichnis von Selbstüberwindung und Selbstlosigkeit werden uns wohl noch lange als Spiegel der menschlichen Unzulänglichkeiten begleiten“, meint Stefan Jöris. Er verweist auch auf Wagners inneren Existenzkampf als Künstler und als Mensch, in dem sich viele Menschen wiedererkennen könnten: In Wagners Figuren lasse sich dieser Kampf ablesen.

Sven Friedrich sieht in der Bühnenhandlung nur die Folie, hinter der sich Fragen stellen, „die nach wie vor aktuell sind. Zum Beispiel, wie gehen wir mit Liebe und Glauben um?“ Es gehe bei Wagner immer um die „allgemeinen menschlichen Themen wie Liebe und Freiheit und so fort“. Muss man immer aktuell sein, als Künstler zumal? „Die machen schließlich nicht die Tagesschau“, sagt hinigegen Hans Martin Gräbner.

Was fasziniert an Wagner?

Für Hans Martin Gräbner ist das überhaupt keine Frage. Er findet, „dass Wagner einer der größten Dramatiker und Komponisten ist, die wir haben. Geistige Tiefe gepaart mit unglaublicher Sinnlichkeit.“ „Den doppelten Boden“ findet Jürgen Ern bei Richard Wagner faszinierend. „Das Orchester kommentiert, was oben auf der Bühne vielleicht anders gesungen wird.“ Das Rauschhafte, die Psychologie Wagner ziehe die Menschen außerdem an. Mit Wagner werde man schlicht nie fertig, sagt Stefan Jöris. „Er konnte, wie er noch im hohen Alter bemerkte, zeitlebens, Realität und Idealität nicht zusammenbringen. Deswegen wird es mit seinen Werken auch kein seeliges Ende einer endlich gültigen Interpretation geben.“

Eine vertrackte Mischung von Gründen für Wagners ungebrochene Faszination hat Sven Friedrich ausgemacht. Seine Psychoanalyse, der philosophische Ansatz ziehen die Menschen an, aber auch die "Faszination des Großen, des Mythischen, das Fragwürdige, das Prekäre, die Prise Hitler. Wagner ist Ersatzreligion in Zeiten der Säkularisierung." Was ihm besonders auffällt: „Dass dieser angeblich so deutsche Komponist eine sehr große internationale Wirkung entfaltet.“

 

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