Thomas Bauer über sein Blaibach-Projekt Steht ein Konzerthaus im Wald

Blick ins Konzerthaus von Blaibach (Animation). Bild: Architekturbüro Peter Haimerl

Avantgarde in der Provinz: In Blaibach, einem Ort mit 2000 Einwohnern, eröffnete im September der modernste Konzertsaal Deutschlands. Initiiert hat den Bau der Sänger und Kulturmanager Thomas Bauer. Ein Interview über ein unmögliches Vorhaben

Er habe schon gehört, dass in Bayreuth bald die Stadthalle hergerichtet werden soll, sagt Thomas Bauer, bevor er anfängt, von Blaibach zu erzählen. „In Bayreuth überlegt man ja gerade auch noch, was man am besten macht, oder?“ In Blaibach überlegte man auch, in zehn Tagen ist der Konzertsaal endgültig fertig. „Wir haben das Haus für die Eröffnung im September erst einmal bespielbar gemacht“, sagt Bauer. „Dann haben wir’s wieder geschlossen, um in Ruhe fertig zu bauen.“ Im Frühjahr kommen die Außenanlagen dran.

Herr Bauer, was hat Blaibach davon, dass jetzt mitten im Ort ein Konzerthaus steht?
Thomas Bauer: Blaibach ist ein Ort, der stark auf Tourismus setzt; zuletzt sind die Besucher aber ausgeblieben. Jetzt kommen Gäste aus ganz Deutschland – wir sind in aller Munde. Wir haben zurzeit jedes Wochenende zweihundert Touristen da, die das sehen wollen. Alles, was es noch an Gastronomie gibt, ist voll. Allein für die Chöre und Orchester haben wir fast tausend Übernachtungen gebucht. Außerdem wertet das Konzerthaus die Ortsmitte architektonisch auf – vorher sah das katastrophal aus, jetzt werden auf einmal die Häuser mehr wert. Wir haben auf kleinstem Raum einen Mini-Boom.

Welche Ensembles treten in Blaibach auf?
Bauer: Der Schwerpunkt liegt auf Internationalität, das ist wichtig. Der neue Wunderpianist Kit Armstrong spielt bei uns ein Recital, die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova kommt, oder auch die Capella Augustina aus Köln. Natürlich kriege ich jeden Tag Angebote von Künstlern aus der Region, ich könnte sofort hundert Veranstaltungen anbieten mit Kabarett, Kleinkunst und Jazz. Aber das interessiert mich nicht, das macht inzwischen fast jede Gastwirtschaft, die einen größeren Saal hat.

Wie setzt sich das Publikum zusammen?
Bauer: Wir sprechen die klassikinteressierten Leute aus den umliegenden Städten an – Cham, Deggendorf, Straubing, bis nach Passau. Es gibt auch eine gar nicht so kleine Zahl an Leuten, die von weiter her zu uns kommen, weil sie sagen: Die Eintrittspreise sind moderat, eine Übernachtung im Schlosshotel kostet vielleicht 40 Euro – da kann man ein komplettes Wochenende machen, einschließlich Anfahrt, zu einem Preis, für den man in München noch nicht einmal die Eintrittskarten kriegt. Und zurzeit ist auch die Neugier der Einheimischen sehr groß – zur Eröffnung haben wir die „Schöpfung“ von Haydn aufgeführt, wir haben sehr viele Leute gewinnen können, die noch nie in einem klassischen Konzert waren.

Die Idee, ein Konzerthaus zu bauen, kam ja nicht aus dem Gemeinderat, sondern von außen – wie ist es gelungen, das Projekt durchzusetzen?
Bauer: Wir hätten es am Anfang leichter haben können – mit einem konventionellen Bau. Das Problem am Bayerwald ist manchmal, dass die Region zum Beispiel in Forschung und Bildung durchaus avantgardistisch ist – aber in der Kunst spricht man immer über Waldlermesse und Herrgottsschnitzerei. Als die ersten Entwürfe des Konzerthauses kursierten, war die Aufregung groß – moderne Architektur im Bayerischen Wald, das passt nicht zusammen, hieß es. Es war extrem wichtig, dass wir das ausgehalten haben. Dieses Gebäude macht nur in extremer Avantgarde Sinn – weil man das hier genau nicht erwartet. Als Veranstalter wollen wir die Region weiterbringen, wir wollen auch manche Ansichten verändern. Das geht nur mit einem Gebäude, das selbst ein Statement ist. Das heißt: allerbeste Akustik, moderne Baustoffe, moderne Bauweisen. Wir haben mit den besten Firmen gearbeitet – und wenn man in die aktuellen Architekturzeitschriften schaut, gelten wir europaweit als gelungenes Beispiel für moderne Konzerthausarchitektur.

Wie kann sich eine Gemeinde wie Blaibach das leisten?
Bauer: Die Gemeinde ist Bauherr, Betreiber ist die Kulturwald GmbH, unentgeltlich, für 25 Jahre. Damit fallen für die Gemeinde keine Betriebskosten an, ums Marketing muss sie sich auch nicht kümmern.

60 Prozent der Baukosten sind über das Städtebauprogramm „Ort schafft Mitte“ des bayerischen Innenministeriums abgedeckt. Die übrigen 40 Prozent wären für die Gemeinde immer noch zu viel – es gibt eine Menge privater Sponsoren, einen Zuschuss des Kunstministeriums und Geld aus weiteren Fördertöpfen. Am Ende wird das Gebäude 2,2 Millionen kosten – die Gemeinde bezahlt 400 000 Euro. Damit das möglich war, musste die Gemeinde am Anfang natürlich sagen: Wir vertrauen euch, wir schaffen das zusammen.

So reibungslos, wie Sie es schildern, kann das alles nicht verlaufen sein.
Bauer: Als unser erstes Konzept vorlag, war der Gemeinderat mit 14:1 Stimmen dafür. Als dann der Bau beschlossen war, brach aus dem Nichts ein Sturm der Entrüstung los – gefühlt 90 Prozent der Bürger waren auf einmal dagegen. Es wurde behauptet, das Ding kostet Millionen, Blaibach muss sich verschulden, warum investieren wir nicht ins Schwimmbad – all die Gründe, an denen Kulturprojekte normalerweise scheitern. Das war kurz vor der Kommunalwahl, es ist ein Glück, dass die Gemeinderäte nicht einknickten, aus Sorge um ihr Wahlergebnis. Aber sie sind dabei geblieben. Unsere Aufgabe bestand dann darin, die Gegner zu überzeugen – und die wenigen, die nicht überzeugbar waren, auch ein bisschen zu demoralisieren. Heute sind gefühlt 95 Prozent der Blaibacher für das Projekt.

Wie lange dauerte das alles?
Bauer: Knapp drei Jahre, einschließlich eines abgewendeten Bürgerbegehrens. Der tatsächliche Bau ist innerhalb eines Jahres passiert. Auch das war wichtig: Der Zeitplan war eigentlich zu sportlich, aber wenn Künstler über den Nutzen von Kunst reden, hören sie oft: Das ist nicht verlässlich, da werden Millionen verpulvert, und dann funktioniert es nicht, siehe Elbphilharmonie. Wir haben ein extremes Avantgarde-Projekt umgesetzt, mit modernstem Know-How, für relativ wenig Geld, im hintersten Bayerwald-Dorf, und zwar innerhalb eines Jahres – und jetzt kann man sehen, wie es sich mit Leben füllt. Das ist ein schönes Gegenbeispiel zur Elbphilharmonie. Und gut für das Ansehen der Kunst insgesamt.

Die Lehre, die man daraus ziehen kann, lautet aber: Wenn’s um Kultur geht, muss man eine Kommune manchmal zu ihrem Glück zwingen – oder?
Bauer: Ja, aber das ist bei allen Projekten so. Man kann nicht erwarten, dass jeder eine neue Idee von Anfang an mitträgt – das ist zu viel verlangt. Man kann auch von der Mehrheit der Leute nicht erwarten, dass sie sich in ihrem Alltag mit einem Konzept für so ein Kunstprojekt auseinandersetzen. Die Leute müssen das sehen können, anfassen können, hingehen können, dann klären sich die meisten Vorbehalte von selbst.

Wichtig ist erst einmal, dass sich die Fachleute klar darüber sind: Was bringt das für den Ort? Das muss man dann aufgreifen und lancieren – und den Leuten verständlich machen. Dass die meisten am Anfang nicht dafür sind, ist der Normalfall.

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