Täglicher Kampf im Kopf Jenny Frontzek kämpft gegen Depressionen

Seit drei Jahren verlässt die Kulmbacherin Jenny Frontzek kaum noch ihre Wohnung. Der Grund: Depressionen. Foto: Christina Holzinger

KULMBACH. Wie viele Deutsche leidet Jenny Frontzek an einer Depressionen. Die 24-jährige Kulmbacherin will eine Selbsthilfegruppe gründen, um anderen Betroffenen zu helfen.

Jeder Tag in Jenny Frontzeks Leben sieht gleich aus: Morgens steht sie auf, läuft vom Schlafzimmer in das kleine Wohnzimmer mit der grauen Couch. Dort sitzt sie bis zum Abend zusammen mit ihren beiden Katzen Leyla und Kimba. Der Fernseher läuft den ganzen Tag, Cartoons und Serien. Fernbedienung, Getränke, Decken und Kissen liegen in greifbarer Reichweite bereit. Doch meist starrt Jenny Frontzek nur vor sich hin und grübelt. Sie fragt sich, ob sie bald wieder arbeiten gehen kann und ob ihre Depressionen verschwinden werden. Ob es in ihrem Leben jemals einen Punkt geben wird, an dem sie die Krankheit überwinden wird. Bis vor einem halben Jahr hatte die 24-Jährige noch einen Partner, der etwas Abwechslung in den tristen Alltag gebracht hat. Doch wegen ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung ging die Beziehung in die Brüche.

Das Leben davor

Wenn die gebürtige Kulmbacherin über ihre Krankheit spricht, redet sie langsam und leise, immer wieder stockt sie. Sie erzählt von dem Missbrauch und den Misshandlungen, die ihre Jugend prägten. Von den langen, einsamen Tagen in ihrer kleinen Wohnung, in denen nur das Klackern der Krallen ihrer Katzen von dem monotonen Fernsehprogramm ablenken. Vor ihrer Depression war die 24-Jährige lebensfroh und unternehmungslustig. Sie ging reiten, war in einem Tanzverein aktiv. Doch mit einem Mal ging es nicht mehr. Vor neun Jahren begann sie damit, die Trainingsstunden ausfallen zu lassen, traf sich immer seltener mit ihren Freunden. Viele brachen den Kontakt ab.

Der Umzug

Richtig schlimm wurde es aus ihrer Sicht jedoch erst vor drei Jahren. Sie war für ein Jahr lang in die Oberpfalz gezogen. Durch die Entfernung brach auch der Kontakt zu ihren verbliebenen Freunden ab. Sie fühlte sich isoliert, neue Leute kennenzulernen fiel ihr schwer. Jenny Frontzek war ständig abgelenkt, fühlte sich krank. Sie musste sogar aufhören, als Altenpflegerin zu arbeiten, weil sie die Belastung nicht mehr aushielt. Sie verstand sich zu diesem Zeitpunkt selbst nicht. Erst als ihre Hausärztin diagnostizierte, dass sie depressiv sei und sie sich Hilfe suchen sollte, begriff sie. Seither ist sie in einer Verhaltenstherapie. Durch ihre Depression verlässt sie kaum noch ihre Wohnung, verbringt ihre Tage mit Nachdenken. "Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich depressiv bin", sagt Frontzek.

Vielfältige Symptome

Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven - Depression kann viele Symptome haben. Die Betroffenen sind häufig nicht in der Lage, selbst Entscheidungen zu treffen und haben die Fähigkeit verloren, Freude zu empfinden. Ursachen und Auslöser für diese Krankheit gibt es laut der deutschen Depressionshilfe viele. Zum einen kann die Neigung, an einer Depression zu erkranken, vererbt werden. So ist es im Fall der 24-Jährigen: Ihr Vater, den sie nicht kennt, war wohl ebenfalls depressiv. Steht die 24-Jährige unter Stress - beispielsweise durch einen Verlust oder Überlastung - steigen die Stresshormone in ihrem Körper an und die Depression kann ausgelöst werden. Gegen diese neurobiologischen Aspekte helfen Medikamente, gegen Ängste eine Verhaltenstherapie. Dort lernt sie, wie sie mit früheren traumatischen Erlebnissen umgehen und ihren Alltag besser meisten kann.

Angststörungen

Seit drei Jahren findet ihr Leben innerhalb ihrer 55-Quadratmeter großen Wohnung statt. Sie traut sich wegen ihrer Angststörungen nicht mehr allein vor die Türe, selbst beim Einkaufen braucht sie Freunde und Familienmitglieder, die sie begleiten. Nur sehr selten geht sie feiern oder ins Kino. "Selbst wenn jemand dabei ist, muss ich immer mit der Angst kämpfen", sagt sie. Sie hat Angst davor, dass sie wieder Opfer von Gewalt wird. Davor, dass ihr erneut weh getan wird. Sie fängt an zu zittern, bekommt kaum Luft. Die Angst ist ihr ständiger Begleiter. Ist sie draußen alleine unterwegs, dann dreht sie sich ständig um, um sich zu vergewissern, dass ihr keiner folgt. Wenn es plötzlich laut wird, steigt die Panik in ihr auf. Um sich zu beruhigen, hört sie Schlager oder Housemusik oder riecht an einem Kissen mit einem vertrauten Duft. Nur in ihrer Wohnung, zwischen den Bildern von ihren Freunden und ihren beiden Katzen, fühlt sie sich sicher.

Katzen geben Halt

mmer wieder verfällt sie in destruktive Phasen und verletzt sich selbst. "Es ist wirklich sehr schwierig", sagt sie. Was ihr fehle, sei eine Perspektive. Deshalb hat sich die 24-Jährige dazu entschlossen, sich stationär behandeln zu lassen, um in einigen Monaten wieder arbeiten zu können. Derzeit ist der einzige Grund, dass sie morgens aufsteht, dass ihre Katzen Futter brauchen. Sie muss aufstehen, die beiden füttern, sich um sie kümmern. "Ohne die zwei würde ich vermutlich jeden Tag von früh bis abends im Bett verbringen", sagt sie.

Offenheit

Eines hat die 24-Jährige gelernt: Sie muss offen mit ihrer Krankheit umgehen. Denn: "Das Thema Depression wird totgeschwiegen", sagt Frontzek. Nur wenige Menschen trauten sich, darüber zu sprechen. Es gebe zu viele Vorurteile. Vor zwei Jahren begann sie, im Internet über ihre Erkrankung zu schreiben. Sie wollte anderen helfen, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind. "Mir tut das auch gut", sagt die 24-Jährige. Sie steht in engem Kontakt mit ihren Lesern und redet mit ihnen über die Krankheit. Ein Kontakt, von dem beide Seiten profitieren: "Sie geben mir auch manchmal einen Arschtritt, wenn ich etwas hinschmeißen will", sagt sie.
Krankheit belastet: Hinsichtlich des Umgangs mit depressiven Menschen rät die Deutsche Depressionshilfe, einen Arzttermin für den Betroffenen zu vereinbaren. Denn häufig suche der Erkrankte die Schuld für das Befinden bei sich und denke nicht an eine Erkrankung, wie die Stiftung mitteilt. Zudem sei es wichtig, sich nicht von dem Erkrankten abzuwenden, auch wenn er abweisend erscheint und sich durch die Krankheit verändert hat. Depressionen betreffen jedoch nicht nur den Erkrankten selbst. Auch die Familie und das Umfeld belastet diese Krankheit. Angehörige sollten deshalb ihre eigenen Interessen nicht aus den Augen verlieren und sich selbst etwas Gutes tun. Die Bundesärztekammer rät dazu, sich gemeinsame Interessen mit dem Betroffenen zu suchen. Etwa gemeinsame Spaziergänge, Musik hören oder Gespräche.

Isolation

Im Umgang mit Depressionen wünscht sich Frontzek mehr Offenheit und Einfühlungsvermögen. "Es traut sich keiner darüber zu sprechen", sagt sie. Auf Facebook suchte die 24-Jährige nun nach Kulmbachern, die mit ihr eine Selbsthilfegruppe gründen wollen. "Durch diese Gruppen kommt man aus der Isolation raus", sagt die Kulmbacherin. Bisher wollten nur wenige Mitglied der Gruppe werden. Doch fünf Menschen müssten es mindestens sein, wie Frontzek sagt. "Wir wollen gemeinsam etwas bewirken und anderen Betroffenen Mut machen."


Info: Was sind eigentlich Depressionen?

Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist eine Depression eine Krankheit, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst. Die Erkrankung kann mit Störungen von Körperfunktionen einhergehen und erhebliches Leiden verursachen. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Informationen und Hilfe für Betroffene und Angehörige gibt es über das deutschlandweite Infotelefon Depression (0800 33 44 5 33), den sozialpsychiatrischen Diensten bei den Gesundheitsämtern sowie beim Hausarzt. Selbsttests, Informationen und Adressen rund um das Thema Depression sind auf www.deutsche-depressionshilfe.de zu finden. Zudem gibt es unter der Internetadresse www.diskussionsforum-depression.de ein Onlineforum für Betroffene und Angehörige. Angehörige können sich www.bapk.de beraten lassen und sich über Selbsthilfegruppen informieren.

 

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