Supermarkt in Kulmbach Weg von der Plastikverpackung

KULMBACH. Michael Seidl möchte in seinem Edekamarkt in Kulmbach auf Plastik verzichten: Tüten weichen Mehrwegnetzen, und erste Produkte in plastikfreier Verpackung stehen in den Regalen.

Ein großes Holzregal steht seit einer Woche vor dem Eingang des Edekamarktes von Michael Seidl in Kulmbach. Darin reihen sich Süßigkeiten, Waschnüsse, Seifen, Gewürze sowie verschiedene Quinoa-, Mais- und Reissorten in plastikfreier Verpackung. Immer wieder bleiben Kunden vor dem Regal stehen, nehmen die kleinen Tüten und Gläser in die Hand.

„Guck mal, das ist doch das plastikfreie Essen, von dem ich dir erzählt habe“, sagt eine ältere Dame mit grauen Haaren in dunkler Winterjacke zu ihrem Begleiter. Dieser nickt. Michael Seidl zieht jede Tüte einzeln an die richtige Stelle, damit in dem Regal keine Lücken zu sehen sind. Seit er das Regal vor einer Woche aufgestellt hat, hat er bereits 82 Produkte verkauft. „Am besten geht das Kartoffelpüree“, sagt Seidl.

Oft mangelt es an Alternativen

Laut einer aktuellen Statistik produziert jeder Deutsche pro Jahr 37 Kilogramm Plastikmüll pro Jahr – und das allein aus Verpackungsmaterialien. Das Resultat: Inseln aus Plastikmüll, viermal so groß wie Deutschland, die im Nordpazifik treiben. Diese Bilder ließen Seidl nicht mehr los, er wollte etwas gegen die Müllberge tun. „Oft mangelt es an plastikfreien Alternativen“, sagt Seidl. Bis jetzt: Vor vier Wochen entdeckte Seidl die Firma Grünkunft aus Wasserburg am Inn in einer Fachzeitschrift. Diese bietet fair gehandelte Bioprodukte in plastikfreien Verpackungen an.

Nach einem kurzen Telefonat war klar: Seidl wird künftig als erster Supermarkt in Franken die Produkte in der Folienverpackung in sein Sortiment aufnehmen. Die bioveganen Verpackungen aus Cellulose, die wie Plastik aussehen, werden aus Schnittabfällen der Holzindustrie hergestellt. Sie sind recyclebar, können aber auch kompostiert oder verbrannt werden.

Das besondere an den Tüten: Da sie aus Cellulose bestehen, können sie nicht zugeschweißt werden, deshalb werden sie alle mit dicken grünem Garn vernäht. Für alles Flüssige, das nicht in den Tüten verpackt werden kann, setzt das Unternehmen auf Glasflaschen. Diese können nach dem Benutzen in Seidls Markt abgegeben werden. Von dort aus gelangen sie zurück zu dem Unternehmen, wo sie erneut befüllt werden können. „Grünkunft hat sich wirklich viele Gedanken gemacht, damit alles möglichst nachhaltig ist“, sagt Seidl.

Vom Wasser zersetzt

Bisher ist die Nachfrage nach den Produkten hoch, bereits 82 Tüten hat Seidl innerhalb der ersten Woche verkauft. „Das ist sehr viel – und ich hoffe, das bleibt auch so“, sagt der Marktinhaber. In den kommenden Wochen und Monaten werde sich zeigen, ob der Geschmack und die Qualität der Produkte die Kunden überzeugen konnten.

Solange wird auch das große Glas auf dem Regal stehen, in dem eine der Tüten in Wasser liegt. Es hat bereits begonnen sich zu zersetzen und erinnert von der Konsistenz her an eingeweichte Blattgelantine. „Innerhalb von vier bis sechs Wochen zersetzen sich die Tüten im Wasser“, sagt Seidl. Im Vergleich: Eine herkömmliche Plastiktüte braucht zehn bis 20 Jahre.

Thorsten Becker vom Handelsverband Bayern verfolgt den Einsatz von Biokunststoffen schon lange. „Das ist keine neue Geschichte“, sagt er. Bereits im Jahr 2011 habe das Unternehmen Danone ein Produkt in einer Bioplastikverpackung aus Milchsäure auf den Markt gebracht. „Damals gab es einen riesen Skandal deswegen“, sagt Becker.

Denn die deutsche Umwelthilfe habe das Unternehmen verklagt und vom Gericht recht bekommen. Die Deutsche Umwelthilfe sah in dem Produkt eine Verbrauchertäuschung, da die Verpackung nicht über die braune Tonne entsorgt werden kann. Daraufhin nahmen auch viele Supermärkte ihre Tragetaschen aus Bioplastik vom Markt, „damit ist das Thema in Deutschland erst einmal gestorben“.

Bis jetzt: Aktuelle Studien belegen, dass Weichmacher im Plastik bei Frauen zu Brustkrebs und bei Männern zu Zeugungsunfähigkeit führen können. Deshalb suchen mehr Kunden nach Alternativen zur herkömmlichen Plastikverpackung. Und auf diese Nachfrage reagieren Supermarktinhaber wie Michael Seidl.

Obst und Gemüse in Netzen

Nicht nur bei Süßigkeiten, Gewürzen und Seife setzt Seidl auf plastikfreie Verpackung. Seit Montag gibt es in der Obst- und Gemüseabteilung keine Plastiktüten mehr. Kunden können die Äpfel, Tomaten oder Weintrauben in Mehrwegnetzen verpacken. „Wir konnten das aus technischen Gründen leider nicht früher umsetzen“, sagt Seidl.

Der Grund: Das Gewicht der Netze wird an der Kasse vom Gesamtgewicht abgezogen, damit die Kunden nur für das Obst und Gemüse zahlen. Bisher konnte die Kasse aber nur das Gewicht der Plastiktüten abziehen und nicht das der schwereren Mehrwegnetze. „Damit hören wir aber nicht auf, wir wollen den Plastiktütenkonsum noch weiter reduzieren“, sagt Seidl.

Seit einigen Monaten können die Kunden zudem eigene Schüsseln und Boxen für den Wurst- und Käseeinkauf mit in den Laden bringen. Für die Verkäufer in Seidls Markt bedeutet das eine logistische Herausforderung: Zwar befüllen sie gerne die mitgebrachten Schüsseln, dürfen aber aus hygienischen Gründen die Schüssel nicht berühren.

„Wir dürfen die Schüssel nicht in die Hand nehmen, weil wir ja nicht wissen, wo sie vorher war“, sagt Seidl. Um keine Bakterien und Keime auf Fleisch, Wurst und Käse zu bringen, muss der Kunde seine mitgebrachte Schüssel in eine Schale stellen, die der Mitarbeiter dann anfassen kann.

Wenn der Kunde fertig mit dem Einkauf ist, reicht ihm der Mitarbeiter die Schüssel in der Schale zurück über die Theke, der Kunde schließt den Deckel und klebt das Etikett darauf. „Die Kunden müssen sich erst einmal daran gewöhnen, eigene Schüsseln mitzubringen, aber immer mehr Menschen nutzen den Service“, sagt Seidl.

Doch von dem Versuch anderer Supermärkte, die Plastiktüte einfach ganz aus den Läden zu verbannen, hält Seidl nichts. „Die Papiertüte ist umwelttechnisch genau so schlecht wie die Plastiktüte, weil beides ein Einwegprodukt ist“, sagt Seidl. Er möchte deshalb langfristig auf Mehrwegprodukte setzen. „Anstatt dem Kunden Sachen zu verbieten, will ich ihm lieber Anreize schaffen, damit er sich bewusst mit dem Thema Umwelt beschäftigt“, sagt der Ladeninhaber.

Seidl ist sich bewusst, dass er nur einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass weltweit weniger Plastikmüll produziert wird, „aber wenn andere unserem Beispiel folgen und die Kunden mitmachen, haben wir einen großen Schritt in die richtige Richtung geschafft“.


Info: 25 Minuten lang ist eine Plastiktüte in Deutschland durchschnittlich im Gebrauch. So lange dauert es die Einkäufe einzupacken, nach Hause zu transportieren und dann in Regale und den Kühlschrank zu verstauen. So landen laut einer Statistik jährlich sechs Milliarden Plastiktüten im Müll. Zehn bis 20 Jahre lang braucht eine Plastiktüte, bis sie sich im Meer zersetzt hat. Eine PET-Flasche braucht sogar bis zu 450 Jahre, bis sie im Wasser zerfällt und in Form von Mikroplastik auf den Boden sinkt. Schätzungen zufolge könnte im Jahr 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische. Laut der Plastikmüllstatistik aus dem Jahr 2016 gibt es in weiten Teilen des Meeres bereits jetzt sechs Mal mehr Plastik als Plankton.

 

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