Südost-Link "Ohne Konflikte ist kein Korridor"

Lebhaftes Interesse, aber nicht so lebhaft wie in Kirchenlamitz: Der "Infomarkt" von Tennet in Weidenberg. Foto: Michael Weiser

WEIDENBERG. Das große Trassenmonster ist zum vergleichsweise schmalen Erdbewohner geworden. Streitpotenzial hat die Stromleitung Südost-Link aber immer noch. Momentaufnahmen von einer Tennet-Infoveranstaltung in Weidenberg, Eindrücke von leichtem Bangen und großer Erleichterung.

Die Hinreise könnte ein wenig abenteuerlich gewesen sein. Zumindest im Fichtelgebirge, als der Transporter im Schnee steckenblieb und die Tennet-Truppe zwanzig Minuten brauchte, um sich rauszuwühlen. Aber sonst? "Alles bestens", sagt Christoph Bischoff. Ziemlich locker also. Anders am Vortag in Kirchenlamitz. "Also, da war die Stimmung angespannter", sagt Bischoff.

"Infomärkte zu Suedost-Link", so nennt Netzbetreiber Tennet seine Tournee zum Thema Gleichstrom-Verbindung. In Kirchenlamitz hat diese Tournee begonnen, Weidenberg ist die zweite Station.

Das Städtchen Kirchenlamitz, 3300 Einwohner, liegt im Landkreis Wunsiedel, also ziemlich im Osten Oberfrankens. Weidenberg mit seinen 5900 Menschen liegt westlich davon. Beide tauchen in den Tennet-Planungen für die rund 580 Kilometer langen Erdkabel-Trassen zwischen Wolmirstedt in Sachsen und Isar nahe Landshut auf.

Ohne Konflikte geht es offenbar nicht

Der fundamentale Unterschied: Weidenberg liegt im Bereich des Korridors, der am wenigsten wahrscheinlich ist. Anders Kirchenlamitz, es liegt auf dem Korridor, den Tennet vor einigen Wochen der Bundesnetzagentur vorgeschlagen hat. Noch keine Entscheidung, aber ein deutlicher Fingerzeig. Manuel Riedl ist "Genehmiger", er gehört zu den Fachleuten, die an der Vorarbeit der Planung beteiligt waren. Man habe "immensen Aufwand" getrieben sagt er, Tennets Erkenntnisse seien in "49 Leitz-Ordnern" an die Bundesnetzagentur übergeben worden. Alles sieht danach aus, als würde die Behörde im Herbst der Empfehlung folgen.

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Klaus Bauer, Geschäftsführer der VG Weidenberg, hat sich beim "Infomarkt" in der Grund- und Mittelschule eingefunden. Er stammt aus Kirchenlamitz und hat Verständnis dafür, dass sich bei den Weidenbergern vorsichtig Erleichterung breitmacht. "Aber in Kirchenlamitz gibt es schon Ärger", sagt er. Drei flache Monitore hat das Team von Tennet auf Tischen platziert. Man geht hin, wischt über das Glas, kann in die Karte hineinzoomen, den Trassenverlauf genau verfolgen, die Kriterien anklicken, nach denen die Tennet-Experten die Gelände eingestuft haben. Ist ein Wasserschutzgebiet da, ist dort ein Industriegebiet geplant, wo ist ein Waldstück zu umgehen, wo müsste man eine Schneise anlegen, wo steht ein Naturdenkmal im Weg?

49 Ordner Unterlagen

Man kommt, man geht, meist stehen um die 20, 30 Menschen im Foyer der Schule. Das Interesse ist gut, aber in Kirchenlamitz sei die Beteiligung der Menschen noch stärker gewesen, sagt Regine Sailer, bei Tennet für die Projektkommunikation verantwortlich. Klar, wenn man direkt betroffen ist ist, interessiert man sich auch noch stärker.

Und hier in Weidenberg sieht es so aus, als komme man davon. Keine Erdkabel, die den Boden erwärmen, keine Schneisen, auf denen dann keine Bäume mehr stehen dürfen. Günter Dörfler, 2. Bürgermeister von Weidenberg, Fraktionschef der CSU im Kreistag, mahnt; "man darf in solchen Fragen nicht aufs Sankt-Florians-Prinzip setzen."

Es stößt dann aber ein Bekannter hinzu, der sichtlich erleichtert ist, dass die Wahl wohl schon getroffen ist. "Wie ein Sechser im Lotto" sei das, wenn es dabei bliebe. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung sehen.

Die Menschen plaudern in Grüppchen, studieren die Kartentafeln, tippen auf die Monitore, fragen die Tennet-Experten aus. So intensiv haben sich zuvor wohl nur wenige mit der Gestalt ihrer Heimat beschäftigt. Erni und Reinhold Ullmann aus Untersteinach sind froh, dass die Leitung aller Wahrscheinlichkeit nach woanders hinkommt. Sicherheitshalber aber führen sie auch das schwierige Gelände ins Feld. "Ein sehr starkes Gefälle" müsste in der Nähe des Hauses die Leitung überwinden.

Sicher ist noch niemand

Technische Schwierigkeiten seien ein Argument, bestätigt Manuel Riedl. "Ansonsten müssten wir überlegen, ob wir unser Haus jetzt gleich verkaufen", scherzen die beiden und lachen, es ist ein Lachen der Erleichterung. Hartmut Schindler aus Kemnath traut dem Ganzen noch nicht so recht. Kommt doch der westliche Korridor, verliefe die rund 15 Meter breite Trasse womöglich durch ein Grundstück, das ihm gehört. "Ich verstehe nicht, warum man den Korridor nicht durch die Au legt, das ist ein flacher Streifen, das wäre viel leichter."

In Weidenberg sind die Menschen relativ entspannt. Sicher ist noch niemand, "das ist ja auch noch keine endgültige Entscheidung", sagt Dörfler. Die Kommune Weidenberg wird ihre Einwände nochmals zusammenfassen und an die Bundesnetzagentur schicken. Sicherheitshalber. So wie vermutlich auch die anderen, drüben, weiter im Osten, entlang der Linie Hof - Pfreimd, in Mitterteich und Kirchenlamitz und was sich sonst noch im Korridor wiederfindet. Die Landräte von Hof, Oliver Bär (CSU), und Tirschenreuth, Wolfgang Lippert (FW), haben sich bereits unzufrieden mit den Plänen geäußert.

Diskussionen, so viel ist sicher, wird es noch länger geben. "Ganz ohne Konflikte ist kein Korridor", sagt auch Regine Sailer. Aber auch die Frage, ob diese Trasse überhaupt nötig ist: Sie wird weiterhin diskutiert werden. Sieht so aus, als ob Christoph Bischoff und seine Kollegen noch länger auf Tournee gehen müssten.

 

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