Studiobühne: Die Couch als Kampfzone

Marietta Weller. Foto: Thomas Eberlein

Mein Zuhause, meine Burg, heißt es in einem Sinnspruch. Ob der Satz seine Haltbarkeit mit dem Ende der Burg als bevorzugtem Wohnsitz überschritten hat, prüft die Dramatikerin Ingrid Lausund im Szenenmarathon „Bin nebenan“. Ergebnis: Tatsächlich taugt nur ein gutes Gewissen als Ruhekissen. Ansonsten wird die Couch zum Ort, an dem man sich Verdrängtem, Lebenslügen und anderen Dämonen stellen muss. Die Studiobühne funktioniert dafür einen Aufenthaltsraum einer Kulmbacher Firma für ein Gastspiel um.

Mit vier der insgesamt zwölf Monologe gastierte die Studiobühne Bayreuth jetzt in Kulmbach, bei der Firma Dynamic Commerce. Vier Regisseure – Marcus Leclaire, Anja Dechant-Sundby, Birgit Franz und Marieluise Müller – vier Texte, vier Schauspieler. Und das in einem Auswärtsspiel bei einem kulturbegeisterten Software-Entwickler, der seinen hippen Aufenthaltsraum zum Theater umfunktioniert.

Spielfreudig durch Textmassen

Der Kühlschrank an der Theke brummt beharrlich, ansonsten aber klappt das gut bei diesem Auswärtsspiel. Auch, weil die vier Schauspieler – Marietta Weller, Markus Schmitt, Heike Hartmann und Hans Striedl – sich erstaunlich routiniert und vor allem spielfreudig durch ihre Textmassen arbeiten.

Kein leichter Stoff, doch in den stärkeren Texten dramaturgisch gut verarbeitet. Etwa in der Geschichte der Tochter (Marietta Weller), die den Ansprüchen ihrer Mutter nicht gerecht wird, nicht in der Auswahl ihres Partners, nicht im Job, nicht in ihrer Kreativität. Ein Bild hat ihr die Mutter vererbt, es zeigt das Jüngste Gericht, dem die Tochter schon lange vor Tod und Wiederauferstehung anheimzufallen droht. Erst ein Akt der Zerstörung und Neuschöpfung bringt Frieden.

Kampf mit Klischees

Berührend ist Markus Schmitt in der Rolle eines geistig Zurückgebliebenen, der Tapferkeit im Umgang mit den Widrigkeiten seines Alltags an den Tag legt. Nur eines bleibt ihm zu wünschen übrig: dass er doch noch einmal die Pflegeeltern trifft, die ihn als aussichtslosen Fall ins Heim zurückgeschickt haben. Auch um ihnen zu zeigen, dass er’s geschafft hat.

Heike Hartmann hat in ihrem Kultur-Clash mit ihrer Putzfrau Aische die schwierigste Aufgabe. Da es um den Kampf mit Klischees geht, arbeitet sich der Text an Klischees ab. Das kann sich auch bei einer pointensicheren Autorin wie Lausund ziehen.

Eine Überraschung erlebt Hans Striedl in seiner finalen Wohnstatt, als ein Unsteter, der sich zwischen Autobahn und Tiermehlfabrik zur Ruhe gelegt sieht.


Info: Das Wohnzimmertheater mit „Bin nebenan“ kann man anheuern, Infos unter 09 21/76 43 60.

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