Strafe für Lüge Dealer spielt im Knast Katz und Maus

Der Mann spielte Katz und Maus mit einem Richter und einem Oberstaatsanwalt - und machte sich einer Falschaussage schuldig. Foto: Arne Dedert, dpa-Archiv

BAYREUTH/WEIDEN. Räuber und Gendarm, Katz und Maus – der Poker eines Drogenhändlers geht in die Hose. Zu seiner elfjährigen Haftstrafe bekommt er eine Extrastrafe für eine Falschaussage. Zehn Monate kostet ihn der Spaß, einen Oberstaatsanwalt und einen Richter an der Nase herumzuführen.

Der Fall, der am Donnerstag bei Strafrichter Holger Gebhard verhandelt wurde: Ein heute 52-jähriger Mann, geboren in Serbien, aber eigentlich Montenegriner, bekommt durch Heirat die tschechische Staatsbürgerschaft.

Früher, da dealte er in der Schweiz mit Cannabis. Aus dieser Zeit kennt er einen Mann, der ihn anspricht: Nicht wegen Haschisch. Crystal Speed ist, das weiß mittlerweile jeder, en vogue in Tschechien. Weil es billig aus Ephedrin zusammengekocht für teures Geld an die Süchtigen in Deutschland abgesetzt werden kann. Der Mann, der ihm das Angebot macht, hat den Spitznamen „Legionär“.

Was der 52-Jährige nicht weiß: Der „Legionär“ hat die Seiten gewechselt und ist mittlerweile V-Mann für den Zoll.

Im Sommer 2015 meldet sich „Legionär“ bei seinen Vorgesetzten: Die Connection seines alten Kumpels biete Speed bis zu 20 Kilo zum Verkauf. Die Behörden machen viel Bargeld locker, ein verdeckter Ermittler wird als Scheinkäufer an die Front geschickt, im Café Hemingway in Weiden kommt es zu zwei Deals über jeweils ein Kilo Crystal.

Beim zweiten Deal bringt das Rauschgift ein Mann, den die Fahnder bis dahin nie gesehen haben: Er raucht Marlboro, fährt einen Ford Focus und hat einen Unterarm im Gips. Bis heute steht er als „Gipsarm“ in den Akten.

Beim ersten Deal legt der verdeckte Ermittler 18.000 Euro auf den Tisch, das Geld für die zweite Lieferung soll bei einem dritten Deal gezahlt werden. Beim dritten Treffen bringen die Dealer keine Drogen mit. Die Zollfahnder verhaften sie. Bloß Gipsarm ist diesmal nicht da.

Der Ehefrau wird das Warten zu lang

Im Prozess gegen den heute 52-jährigen Serben beim Landgericht in Weiden gibt es im April 2016 für ihn elf Jahre Haft für bandenmäßigen Rauschgiftschmuggel in großen Mengen. In dem Prozess bleibt die Identität des Mannes mit Gipsarm offen. Der 52-Jährige kommt in Strafhaft ins Gefängnis nach Bayreuth. Seine Ehefrau lässt sich scheiden – elf Jahre Warten seien ihr zu lang gewesen, sagt er.

Im Herbst 2017 wendet sich der Gefangene an die Zollermittler. Er wolle nun doch eine Aussage machen über den Unbekannten mit dem Gipsarm. Zollfahnder kommen nach Bayreuth, der Gefangene macht ihnen den Mund wässrig: Den Namen, den wolle er nur dem Oberstaatsanwalt verraten, der ihn hinter Gitter brachte.

Der Jurist machte sich auf den Weg nach Bayreuth. Klärt den Häftling auf, dass er keinen Strafrabatt mehr bekommen könne, denn seine elfjährige Haftstrafe sei mittlerweile rechtskräftig. Da sagt der Gefangene: „Der Name lautet … jetzt habe ich’s vergessen.“ Und grinste dabei, wie der Oberstaatsanwalt als Zeuge bei Amtsrichter Gebhard zu Protokoll gab: „Da zog ich meinen letzten Joker. Ich dachte, er nennt uns den Namen, wenn er beim Ermittlungsrichter unter Wahrheitspflicht steht.“

Die richterliche Vernehmung in Bayreuth endet wie das Hornberger Schießen: Er kenne die Identität von Gipsarm nicht. Eine Lüge, meinte die Staatsanwaltschaft und klagte den 52-Jährigen nun wegen Falschaussage und Strafvereitelung an. Im Prozess gab der Mann den Falschaussagevorwurf zu. Er habe aus Angst vor der tschechischen Amphetamin-Mafia den Namen doch nicht genannt und bekräftigt: „Ja ich weiß den Namen.“

Im Gegensatz zu Staatsanwalt Stefan Hoffmann meinte sein Verteidiger Rouven Colbatz, sein Mandant habe nur eine Falschaussage, jedoch keine Strafvereitelung begangen. Hoffmann beantragte eineinhalb Jahre, Colbatz sechs Monate weitere Haft.

Richter Gebhard sah ebenfalls eine Strafvereitelung: Für letzteres genüge das Wissen darum, dass der Angeklagte durch Verschweigen des Namens den Mann mit dem „Gipsarm“ davor bewahrte, überhaupt identifiziert zu werden.

 

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