Staatsanwalt wirft dem Paar Freiheitsberaubung und Körperverletzung durch Unterlassung vor Eltern des Dorf-Phantoms angeklagt

Als Kletterer weiß Matthias Stöcker seinen Mut zusammenzunehmen. Er fasste im Herbst 2016 den Entschluss die mysteriöse Geschichte vom "Dorf-Phantom" der Polizei mitzuteilen. Foto: Andreas Harbach/Archiv

Sein Schicksal sorgte im Herbst 2016 international für Schlagzeilen. Als „Dorf-Phantom“ lebte ein heute 44-jähriger Mann jahrzehntelang isoliert bei seinen Eltern in einem kleinen Ort im westlichen Landkreis. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die betagten Eltern des Mannes erhoben. Der Vorwurf: Freiheitsberaubung und Körperverletzung durch Unterlassung. Die beschuldigte Mutter sagt: „Ich bin unschuldig.“

Dass die Eltern des Mannes angeklagt worden sind, bestätigte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel auf Anfrage. Der Vorsitzende des zuständigen Schöffengerichts hat die Anklage vorliegen, hat aber noch nicht über die Zulassung zum Hauptverfahren entschieden, sagte Justizsprecher Clemens Haseloff. Dementsprechend steht ein Prozesstermin nicht fest.

Das im Jahr 1973 geborene „Phantom“ war am 21. September 2016 durch Polizeibeamte, einen Notarzt und durch Sanitäter aus seinem Elternhaus in dem Ort im Landkreis herausgeholt worden. Augenzeugen berichteten damals, dass der Mann nicht mitkommen wollte.

Auf den Fall war die Polizei durch einen Ortsfremden aufmerksam gemacht worden: Der Scheßlitzer Kletterer Matthias Stöcker hatte in monatelanger Arbeit in dem Ort eine neu erschlossene Kletterwand eingerichtet. Von mehreren Dorfbewohnern hörte er Gerüchte und Legenden über einen mysteriösen Mann, der mitten im Dorf lebe, der aber seit Jahren nicht mehr gesehen worden sei. Anwohner äußerten die Vermutung, dass der Mann von seinen Eltern festgehalten werde.

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Nach der Abholaktion am 21. September bestätigte die Polizei, dass der damals 43-Jährige gut ernährt, jedoch stark verwahrlost gewesen sei. Hinweise, dass der Mann in dem Anwesen mitten im Ort angekettet oder eingesperrt gewesen sein könnte, fand die Polizei damals nicht. Bei vielen Dorfbewohnern rief die Abholung damals Erleichterung hervor, viele gestanden ein, dass sich diese Erleichterung auch mit einem Anflug schlechten Gewissens mischte. Mancher und manche stellten sich die Frage: „Hätten schon eher und selbst etwas unternehmen müssen?“

Die Mutter des „Phantoms“ erklärte damals in einem Telefongespräch mit dem Kurier-Reporter, sie und ihr Ehemann hätten ihr Kind nie eingesperrt. Der Sohn habe das Haus nicht verlassen wollen. Auch jetzt, nach Erhebung der Anklage, wehrt sie sich: „Wir sind unschuldig. Wir haben unseren Sohn nicht eingesperrt.“ Dieser Ansicht ist auch Rechtsanwältin Doris-Benker-Roth, die Verteidigerin der Mutter: „Ich habe die Akten studiert. In diesem Fall kommt meiner Meinung nach nur ein Freispruch infrage.“

Der jahrelang isoliert lebende Mann soll lernbehindert sein und befindet sich seit seiner „Befreiung“ im Bezirkskrankenhaus, wo er therapiert wird. Welche Therapie er bekommt und wie es dem „Phantom“ heute geht, das beantwortet das Bezirkskrankenhaus nicht. Krankenhaussprecherin Ulrike Sommerer begründete das auf die Anfrage dieser Zeitung hin mit ärztlicher Schweigepflicht.

Die Eltern haben, wie Anwältin der Benker-Roth sagte, ein Besuchsrecht. Die Mutter sagte auf neuerliche Anfrage: „Bei uns ist es ihm besser gegangen.“

Sollte es überhaupt zum Prozess kommen, dürften dabei rechtlich und auch moralisch interessante Fragen aufgeworfen werden: Einziger direkter Tatzeuge wäre der Sohn, also das mutmaßliche Opfer selbst. Abgesehen von der Frage, ob der Mann überhaupt prozessfähig ist, hätte er das Recht, eine Aussage im Prozess gegen seine Eltern rundweg zu verweigern. Auch die Frage, ob es strafrechtlich relevant ist, wenn betagte Menschen mit einer schweren Aufgabe wie im vorliegenden Fall möglicherweise überfordert sein könnten, könnte diskutiert werden.

Laut Oberstaatsanwalt Herbert Potzel hat seine Behörde mehrere Gutachter eingeschaltet.

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