Serie 50 Jahre Auf verschlungenen Wegen zu Wagner

BAYREUTH. Nicht jeder ist von Wagner sofort entflammt. Zwei Bayreuthern war das Festspielhaus zunächst Mittel zum Zweck. Die Liebe zu Wagner ergriff die beiden vor 50 Jahren mit Verzögerung, aber um so gewaltiger. Sie war damals Blaues Mädchen, er ist heute - Präsident des Richard-Wagner-Verbandes International. Dies ist die Geschichte von Inge und Horst Eggers.

Musik trifft ins Herz, und man kann nicht viel dagegen machen. Tatsächlich erzählt Inge Eggers von der Begeisterung für Wagners wonnevolles Wirken, die sich jedesmal erneuere, „sobald die ersten Töne erklingen“. Tatsächlich aber ist sie auf Umwegen zur Liebe zu Wagner gelangt. Und auf diesen Umwegen zur Liebe ihres Mannes Horst Eggers. Und der wiederum gelangte auf den Umwegen zu seiner Angebeteten zur Liebe zu Wagner.

Das klingt einigermaßen vertrackt, ist aber einfach zu erklären. Die beiden kamen so richtig am Festspielhaus zusammen. Und dass dem so war, lag an Inge Eggers. Sie war Blaues Mädchen, gehörte also zu jenem geheimnisvollen Orden des Festspiel-Personal, der bis zum heutigen Tage seine Netzwerke weiterspinnt. Die meisten, die sich dorthin bewerben, wollen zu Wagner. Oder netzwerken. Inge Eggers aber wollte eigentlich etwas anderes: „Ich wollte die große Welt sehen.“

Glanz und Glamour auf dem Grünen Hügel

Was ja tatsächlich funktionieren kann, zu jener Zeit zumal, da "die Begum" noch richtig Glamour verbreitete. Jedenfalls, zum Grünen Hügel in der Mitte der Großen Welt wollte auch Inge Eggers, damals, in den 60er Jahren. Und man kann nicht sagen, dass sie unvorbereitet gewesen sei. Kapellmeister sei ihr Vater gewesen, erzählt sie, einer, den der Krieg womöglich seine Vollendung kostete: Ähnlich wie beim späteren Festspielpatron Wolfgang Wagner verhinderte eine Verwundung die Laufbahn als Dirigent. Musik gab es trotzdem reichlich. Inge und ihre Geschwister lernten Musikinstrumente so wie andere Kinder radfahren lernen. „Ich war die dritte, und ich war die Faulste“, sagt Inge Eggers.

Das heute zu beurteilen, ist unmöglich. Klar scheint aber, was dann passierte: Die Musikbegeisterte bewarb sich auf den Grünen Hügel – und gelangte tatsächlich zu ihrem Traumjob auf Zeit. Und wurde zur Türöffnerin.

Die großen Stars leisteten Überzeugungsarbeit

Ein junger Fußballbegeisterter wollte rein ins Festspielhaus. „Eigentlich, um sie zu sehen“, sagt Horst Eggers heute. Er spielte seinerzeit beim 1. FC Bayreuth, war Mittelstürmer. Auch hier ging es um ein Tor, nämlich das, durch das man ins Festspielhaus gelangt. Ein Blaues Mädchen, so hört man mitunter, hatte damals mehr Möglichkeiten als heute, gut möglich, dass die beiden im Halbdunkel tatsächlich Wagners Opern anschauten, ohne jahrelang auf eine Karte gewartet zu haben. Ob das tatsächlich so lief – da lächeln beide fein. Sicher ist: Die beiden heirateten bald danach. Und sie waren Wagner-Fans fürs Leben geworden. "Das lag an der Atmosphäre, an der Musik, an den großen Stars wie Windgassen und Nilsson", sagt Horst Eggers.

"Es war schön", bestätigt Inge Eggers. Ihre erste Saison als Blaues Mädchen blieb gleichwohl die einzige: "Im Jahr drauf war ich schwanger." Eine Erfahrung, von der viele Blaue Mädchen noch Jahrzehnte später reden, blieb ihr daher verborgen. „Als verschworene Clique habe ich die Blauen Mädchen nie kennengelernt“, sagt sie, „vielleicht hätte ich länger dabei bleiben müssen.“

Inge Eggers zeigt ein Bild aus jener Zeit, keck sieht sie aus mit ihrer Kurzhaarfrisur. So lernte Horst Eggers sie auch kennen. Ihre Haare sind heute länger, die Augen blitzen immer noch. Sie ist eine Frau, die einfach bemerkenswert jung wirkt. Etwa, wenn sie von Wagner erzählt, davon, wie sie eine Begegnung mit dem Maler und „Lohengrin“-Ausstatter Neo Rauch fasziniert, wenn sie von der „Sinnlichkeit der Oper“ schwärmt.

Seit 50 Jahren Stammgäste im Festspielhaus

Horst Eggers wiederum ist ein Mann, der noch immer Sport treibt. Viel Sport. Zum Gespräch stößt er in Sportklamotten. Fitnessstudio, danach eine Runde laufen, das war sein Pensum bis zum frühen Vormittag. Das ist bei ihm so drin. In Form fühlt sich auch Inge Eggers. Sie singt im Chor und findet, dass Singen eigentlich Leistungssport sei.

Das Ehepaar Eggers sieht sich jährlich mindestens drei, vier Vorstellungen an, und das seit 50 Jahren. Die beiden planen ihr Jahr ohnehin um Wagner herum. Horst Eggers ist seit einigen Jahren sogar Mannschaftskapitän - er ist Präsident des Richard-Wagner-Verbandes international. Eine der vornehmsten Aufgaben ist es, Geld für die Richard-Wagner-Stipendienstiftung aufzutreiben. Seit es diese von Richard Wagner selbst ins Leben gerufene Stiftung gibt, haben Tausende von jungen Menschen Bayreuth und die Festspiele besuchen dürfen. Für viele von ihnen, man denke an Namen wie Christian Thielemann, Axel Kober, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld, war das der Einstieg in eine große Wagner-Karriere.

So gesehen ist, ein halbes Jahrhundert, nachdem ihm seine Frau die Türen zu Wagner geöffnet hatte, der Torwächter nun - Horst Eggers.

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