Seelentrost: Ein Geschenk für Lucas

„Die Auszeit hat uns allen gut getan“, sagt Melanie H. „Die Kinder konnten mal für ein paar Tage Kind sein.“ Kind sein, einfach nur Kind sein, das ist schwierig für den zwölfjährigen Lucas, der an einer Krebserkrankung leidet. Mit zu vielen Einschränkungen muss er inzwischen leben. Seine ältere Schwester Kim hatte sich deshalb in den Sommerferien eine Fahrt in den Heidepark gewünscht. Und die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“ hat den Wunsch erfüllt.

Familie H. hatte in den letzten Jahren viele Schicksalsschläge einstecken müssen. Vor 14 Jahren starb der Sohn, das älteste Kind der Familie. An Krebs. Lucas war damals noch gar nicht geboren. Vor allem Kim brauchte sehr sehr lange, bis sie das verarbeiten konnte. In der Schule ließen ihre Leistungen immer weiter nach. Sie sah keinen Sinn mehr im Weiterleben. Nachdem sie das Gymnasium verlassen hatte, begann sie eine Lehre, die sie aber nach einiger Zeit abbrach. Ihr Lebenswille war zurückgekehrt, und sie war sich sicher, Abitur machen zu wollen. Sie kehrte auf ihre alte Schule zurück. Mit Erfolg.

Normaler Alltag

Mutter Melanie versucht den Alltag so normal wie möglich zu leben für sich und mit ihren Kindern. „Man versucht, alles so schön wie möglich zu machen,“ sagt sie, andererseits muss sie dem zwölfjährigen aber auch seine Grenzen in der Pubertät aufzeigen und auch auf sich selbst achten. „Man merkt es schon manchmal, dass der eigene Körper anfängt zu streiken, wenn die Belastung zu groß wird.“ Denn das normale Leben mit Lucas, der inzwischen die meiste Zeit außerhalb des Hauses im Rollstuhl verbringt, ist nicht leicht. Zuhause kommt Lucas ohne Hilfe zurecht. Meistens. „Da kennt er sich aus, weiß, wo er sich festhalten und stützen kann. Und wenn er die Kraft nicht hat, dann rutscht er halt auf dem Popo durch die Wohnung.“

Tiere als Seelentröster

Im Haushalt leben noch zwei Katzen und zwei kleine Hunde. „Seelentröster“, sagt Melanie H. „Kim hat zwei Katzen, Lucas die zwei Hunde.“ Die beiden brauchen ihre Tiere. Sie sind immer da, egal wie es um Lucas gerade steht. Und jeder Tag ist anders. Das weiß auch Kim. „Bevor sie in die Schule geht, gibt sie ihm jeden Morgen ein Kuss,“ erzählt Melanie H.

Vier Stunden am Tag besucht Lucas die Schule. Im elektrischen Rollstuhl, der auch eine spezielle Liegeposition hat, denn Lucas hat auch immer wieder epileptische Anfälle. Mehr als vier Stunden schafft er nicht. Und den kurzen Schulweg nach Hause, auch das ist oft genug ein Problem. Er versucht es immer wieder. Da kann es dann schon passieren, dass er gemeinsam mit seiner Mutter eine Stunde für die nicht mal 200 Meter braucht. „Aber Laufen geht einfach manchmal nicht.“

Fünf Minuten Fußball

Einmal hat Lucas versucht, ein bisschen Fußball zu spielen. Fünf Minuten, dann fiel er mit einem Muskelfaserriss zu Boden. Von Tag zu Tag hangelt sich die Familie durch. Melanie H. zuckt mit den Schultern. „Seine Prognose war am Anfang maximal ein Jahr, jetzt sind wir schon im dritten Jahr,“ sagt sie. Was Lucas momentan sehr zu schaffen macht, ist die Ankündigung der Ärzte, dass ihm vermutlich bald ein künstlicher Darmausgang gelegt werden muss. „Das zieht ihn runter,“ sagt Melanie H.

„Die Vorstellung, nicht mehr allein auf Toilette gehen zu können. Seitdem beschäftigt er sich mit dem Sterben.“ Seiner Mutter hat er eine liegende acht geschenkt, das Symbol für Unendlichkeit, erzählt Melanie H. und kämpft gegen die Tränen an.

"Das ist meine Erbse"

Inzwischen gibt es wohl keine Stelle mehr im Körper des Zwölfjährigen, die ohne Tumor ist. Lucas nimmt es oft mit der ihm eigenen Art von Humor. Er spürt ihn im Daumen und sagt: „Das ist meine Erbse.“

"Das Strahlen bleibt im Herzen"

Die Erinnerung an schöne Tage im August hält Melanie H. wach und trägt sie immer mit sich herum. Auch für Kim seien die Tage wunderbar gewesen. „Sie musste damals schon so zurückstecken, als ihr älterer Bruder starb.“ Den Heidepark hatte Kim ausgewählt, weil sie den schon einmal besucht hatten. Früher. „Und das Piratenhotel hat Lucas noch in positiver Erinnerung,“ sagt Melanie H. Den Heidepark mit seinen vielen Fahrgeschäften und Vergnügungen, die er zwar in den meisten Fällen nur von außen betrachten konnte, die ihm aber viel Spaß machten. Und den großen gelben Pokémon, den er bekam.

Fotos auf dem Handy vom Besuch im Heidepark erinnern an vier Tage Auszeit für die leidgeplagte Familie. „Das sind doch nur Fotos, hat Lucas gesagt. Aber das Strahlen im Gesicht, das bleibt einem im Herzen,“ sagt Melanie H.

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