Schwurgericht verhandelt Totschlagsversuch in Kulmbach: Angeklagter macht Notwehr geltend Bauchspeck schwächt Messerstich ab

Die Tatwaffe auf dem Richtertisch: Mit diesem Messer wurde am 30. Oktober 2017 ein 33-Jähriger in der Oberen Stadt schwer verletzt. ⋌Foto: sche

Einen Meter einundneunzig groß, 140 Kilo, ein Brocken von Mann. Der, der diesen Riesen damals beinahe zu Fall gebracht hat, ist zwei Köpfe kleiner und höchstens halb so schwer. Den Kleinen hat der massive Bauch des Großen am 30. Oktober 2017 bei einer Messerstecherei in der Oberen Stadt in Kulmbach vermutlich vor einer noch schwerer wiegenden Anklage bewahrt: So steht der 38-Jährige „nur“ wegen versuchten Totschlags vor dem Bayreuther Schwurgericht – und macht Notwehr geltend.

Der Angeklagte, ein in Kulmbach geborener türkischer Staatsbürger, erklärte zum Prozessauftakt am Freitag, er und das 33-jährige Opfer seien schon länger bekannt, man habe auch schon das ein oder andere Mal miteinander getrunken. Doch dann habe es immer öfter Streit gegeben, zuletzt im Juli. Der Streit habe damit geendet, dass er dem 33-Jährigen eine seiner Krücken – der Angeklagte lief wegen einer Operation auf Gehhilfen – hinterher geworfen habe. Als Retourkutsche habe er damals einen Faustschlag bekommen.

Am 30. Oktober, sagt der 38-Jährige, sei es in der Oberen Stadt erneut zu einem Streit gekommen. Der 33-Jährige habe ihn zweimal angegriffen, da habe er sein Messer herausgeholt, es aufgeklappt und „ihn gewarnt, er soll bitte jetzt von mir weggehen. Es tut mir leid, dass es soweit kommen musste. es war Notwehr. Er saß auf mir drauf und hat mich gewürgt“ Die Aussage des Angeklagten, das machte der Gerichtsvorsitzende Michael Eckstein unmissverständlich klar, klingt für das Gericht unglaubwürdig: „Ich glaube nicht, dass sie ’bitte’ gesagt haben. Es musste eben nicht soweit kommen. Wozu tragen sie eigentlich ein solch großes Messer mit sich herum?“

Video soll Angeklagten als Aggressor zeigen

Ein Grund, warum das Gericht die Aussage des Angeklagten bezweifelt, ist ein Video, aufgenommen von der Überwachungskamera der Moschee in der Oberen Stadt: Auf dem Film soll zu sehen sein, dass eben der Angeklagte der Aggressor in dem Streit ist und hinter dem Opfer herrennt.

Das Opfer selbst bestätigt, dass es mit dem Angeklagten schon öfter Streit gegeben habe. Man habe sich gegenseitig beleidigt. „Ich hab oft mal gesagt: Machen wir Mal Mann gegen Mann, aber ohne Messer.“ Am Tattag hatte der Mann gut getrunken und: „Viel weiß ich nicht mehr.“ Ja, er sei mit dem Angeklagten zusammengetroffen, ja, es habe „bummbumm gemacht“. Ich hab’ gar nicht gemerkt, dass ich gestochen wurde.“ Erst Minuten später, als der 33-Jährige einem Rettungssanitäter, der privat unterwegs war, in die Arme lief, machte dieser ihn darauf aufmerksam: „Dein Hemd ist blutig.“ Der Sanitätswagen bog gerade um die Ecke, da brach der Riese zusammen: „Ich bin im Krankenhaus aufgewacht.“

Opfer soll Angeklagten gewürgt haben

Die folgenden Tatzeugen, darunter die Ehefrau des Opfers, berichten von einem zweigeteilten Ereignis: Der erste Teil des Streits zwischen dem Angeklagtem und dem 33-Jährigen war vor der Gaststätte Pina, der zweite Teil vor der Gaststätte Casablanca. Die Ehefrau des 33-Jährigen nahm weder vor dem Pina noch vor dem Casablanca wahr, dass ein Messer im Spiel war. Ein Imbissbudenbesitzer hörte eine weibliche Stimme „Hurensohn“ schreien. Eine 27-jährige, unbeteiligte Zeugin, sah wie das betrunkene Opfer am Angeklagten „vorbei torkelte“ und dann umkehrte. Dann sah sie die erste Prügelei und den „Großen“ weggehen: „Der Kleine ist hinterher gerannt. Vor dem Casablanca sind wieder die Fäuste geflogen.“ Und sie hörte, wie eine Frauenstimme rief: „Lass ihn los, lass ihn los, du bringst ihn ja um.“ Die Zeugin weiter: „Der Große hatte Blut am Hemd und der Kleine hatte so verdrehte Augen, er sah aus, als ob ihn jemand gewürgt hätte.“

Tatsächlich fand eine Gerichtsmedizinerin in den Augenbindehäuten des 38-Jährigen kurz nach dessen Festnahme Einblutungen und Male am Hals. Beides sei mit einem Würgen in Einklang zu bringen. Die Rechtsmedizinerin sagte auch, dass das Tatmesser in die Bauchhöhle eingedrungen sei, dort jedoch keine lebenswichtigen Organe oder Adern verletzt habe - wohl auch deshalb, weil die dicke Speckschwarte auf dem Bauch des Opfers ein tieferes Eindringen verhindert habe.

Nun stellt sich für das Schwurgericht folgende Frage: Waren die Messerstiche eine Reaktion auf das Würgen? Dann wäre die Notwehrbehauptung des Angeklagten zumindest diskutabel. Oder war das Würgen eine Reaktion auf die Messerstiche des Angeklagten?

Der Prozess soll am Montag fortgesetzt werden – dann dürfte auch das Video aus der Moscheekamera als Beweismittel eine Rolle spielen.

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