Schloss: Ein Denkmal mit Überraschungen

Ein Aufzug-Anbau im Unteren Hof, ein Fluchttreppenhaus zwischen Kemenate und Nordflügel und ein Durchbruch zum Markt: Das historische Thurnauer Schloss verändert sich weiter. Im April des Vorjahres gingen die ersten Bauarbeiter im Nordflügel ans Werk. Bis März 2019 sollen sie fertig sein, damit das Institut für Fränkische Landesgeschichte einziehen kann.

In einem dritten, großen Bauabschnitt wird der Teil des Schlosses saniert, der neben der hochaufragenden Kemenate zu den ältesten der Anlage gehört. Die 4,5 Millionen Euro für den ersten Finanzierungsabschnitt stammen aus dem Topf für Nationale Projekte des Städtebaus. Weitere 2,5 Millionen Euro kommen aus der Städtebauförderung, von der Förderoffensive Nordbayern und dem Entschädigungsfonds Bayern für Denkmalpflege. Im Nordflügel sollen später zwölf bis 15 Mitarbeiter des Instituts arbeiten. Auch entstehen Bibliotheksräume, ein Vortragssaal und im Untergeschoss neue WC-Anlagen.

Rampenkonstrukt als Vorbau

Derzeit ist ein Teil der Außenwand der Nordflügels noch eingerüstet. Der Dachstuhl des Längsbaus, der an den Künßbergflügel grenzt, wird gerade erneuert. Im Unteren Hof sorgt künftig ein rund acht Meter hoher, gläserner Vorbau mit Rampen und Aufzug dafür, dass gehbehinderte Menschen Zugang zum Gebäude haben. Die Stahlkonstruktion und der Gitterrost sind aber nicht waagrecht angebracht: Vielmehr verlaufen sie im ersten Obergeschoss eher wellenförmig, im zweiten leicht ansteigend. „Das liegt an den Höhenunterschieden zwischen den Stockwerken und Decken vom einen zum anderen Gebäudeteil“, erläutert Klaus Bodenschlägel, stellvertretender Geschäftsleiter im Kulmbacher Landratsamt. Als Projektmanager kümmert er sich im Auftrag der Gräflich Giech’schen Spitalstiftung um die Sanierung und die Umnutzung des Nordflügels. Die Stiftung ist die Eigentümerin des Thurnauer Schlosses und zusammen mit dem Markt Thurnau Bauherr der laufenden Maßnahme.

Historische Bausubstanz schonen

Dabei soll der Anbau möglichst substanzschonend erfolgen, so Bodenschlägel. Bei der Statik sei Wert darauf gelegt worden, eine kostengünstige Lösung zu finden. Das Schloss sei über acht Jahrhunderte hinweg immer weiter gewachsen. „Jede Generation hat etwas Neues dazu gefügt.“ 9000 Quadratmeter Fläche umfasst die komplette Schloss-Anlage, die sich von der mittelalterlichen Ritterburg zur barocken Residenz entwickelte; 1500 Quadratmeter davon werden aktuell saniert.

Der barrierefreie Zugang ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Wiederbelebung des seit Jahrzehnten leer stehenden Gebäudeteils. Zuletzt waren die Innenräume jedoch als Filmkulisse gefragt, ob für den Kinofilm „The Happy Prince“ oder den Fernsehfilm über „Katharina Luther“.

Boden aus felsigem Gestein

Hinter dem Nordflügel erstreckt sich ein schmaler Graben, an den ein Wehrgang mit einem Turm angrenzt. Eine Steintreppe führt hinab in einen Gewölbekeller, der auf dicken Pfeilern ruht. Sie gehörten wohl einst zu einer kleinen Kapelle. „Hier ist noch der alte Steinboden des Gebäudes sehen“, sagt Bodenschlägel und zeigt auf den roh behauenen Boden. Um diesen überhaupt sichtbar zu machen, mussten zunächst Berge von Schuttablagerungen herausgeholt werden.

Für den Untergrund interessierten sich die Archäologen, die das Landesamt für Denkmalpflege auf Schloss Seehof bei Bamberg entsandte. Beratend wird Kreisheimatpfleger und Restaurator Uwe Franke regelmäßig hinzugezogen. Durch die Grabungen hätten sie neue Erkenntnisse über die Gründung des Gebäudes gewonnen.

Fluchtwege vorgesehen

Die Kemenate, der älteste Schlosstrakt aus dem 13. Jahrhundert, wurde auf einem Sandsteinfelsen errichtet. Die Mauer des Wehrgangs am Zwingers ist mittlerweile durchbrochen worden, um einen Fluchtweg in Richtung Markt zu schaffen. Der Durchgang ist zwar nur zirka zwei Meter hoch und einen Meter zwanzig breit. „Das reicht für einen Löschangriff aus“, sagt Bodenschlägel, der mit dem bisherigen Verlauf der Bauarbeiten „sehr zufrieden“ ist. Denn zwischen Nordflügel und Kemenate wird in einem Vorbau ein neues Fluchttreppenhaus entstehen. Weil dort einst wohl Kräuter und Gewürze lagerten, erhielt der Bau den (nichthistorischen) Namen „Apothekerbau“.

"Bauen nach Gefühl"

Geleitet wird die Sanierung vom Architekturbüro Spindler aus Kronach, das bereits den Carl-Maximilians-Bau erneuerte und auf Denkmäler spezialisiert ist. „Eine der größten Herausforderungen ist die alte Bausubstanz“, sagt André Völk, geschäftsführender Gesellschafter. In der Mitte befinde sich eine Spindeltreppe, eine Art Turm und wohl das älteste Bauwerk in dem Komplex. Mit den schrägen Rampen an der Außenwand wird versucht, die unterschiedlichen Bodenniveaus und Stufen im Inneren auszugleichen. Die Decken sind entweder alte Gewölbe oder aus Holzbalken konstruiert. „Damals wurde mehr nach Gefühl gebaut“, sagt Völk.

Neue Fenster für Kemenate

Parallel zum Nordflügel wird die Kemenate gesichert. Mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Oberfrankenstiftung werden in den nächsten Monaten die Fenster erneuert und die Stufen des Treppenhauses ausgebessert, wie Bodenschlägel schildert. 160 000 Euro soll das Ganze kosten. Bisher wurden die Fenster nur mit Folien provisorisch abgedichtet – um Feuchtigkeit und unliebsame Bewohner wie zum Beispiel Tauben abwehren.

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