Rokoko- und Kammermusiksaal Steingraeber erweitert sein Museum

Udo Schmidt-Steingraeber. Foto: Michael Weiser

BAYREUTH. Es ist nicht immer klar, wo das Geschäftliche aufhört und die Wohnung anfängt, man kann auch nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob da etwas vergangen ist oder seine Zukunft noch vor sich hat. Das Steingraeber-Palais an der Friedrichstraße ist ebenso Verkaufsraum wie Konzertort wie Museum wie Wohnhaus; einerseits ist es ziemlich alt (erbaut 1754), andererseits Kind jeder Zeit danach. Gerade ist das Haus auf dem Weg in ein neues Kapitel. Steingraeber baut um, das Anwesen wandelt sich und bleibt eben dadurch dasselbe.

Das Gartenhaus zum Beispiel, zuletzt für die Öffentlichkeit vor über fünf Jahren bei der Kunstaktion Seidenpudelspitz als Spielort zu erleben: Zurzeit wird es zu einer Künstlerwohnung umgebaut, zur dritten im Hause Steingraeber. Noch mehr tut sich im Hauptgebäude, genauer: im ersten Stock. „Noch vor Weihnachten bauen wir eine Brücke vom Rokokosaal zum Kammermusiksaal“, erklärt Udo Schmidt-Steingraeber bei einer improvisierten Führung durch das von Joseph St. Pierre erbaute Stadtpalais. Die beiden Konzertstätten in Haupt- und Nebenhaus sind dann durch einen geschlossenen schwarzblau gehaltenen Übergang über den Innenhof verbunden. Im Zickzack verlegte LED-Leisten spenden Licht und sollen einen Akzent in der Rokoko-Umgebung setzen.

Zwei Zimmer so gut wie fertig

Verkauft wird im Erdgeschoss. Im ersten Stock, mit historischen Instrumenten wie dem Liszt-Flügel ausgestattet, war das Steingraeber-Palais immer auch Museum. Dort ist mit dem Wagner-Zimmer – Udo Schmidt-Steingraebers Jugendzimmer – bereits ein neuer Raum entstanden. Zwei weitere sind so gut wie fertig: das ehemalige Schlafzimmer der Eltern und das Zimmer der Schwester.

Ausgestellt werden Zeugen der Familienfirmengeschichte und des Instrumentenbaus. Das Steingraeber-Klavier Nr. 105 aus dem Jahre 1855 beispielsweise, ein Pape-Tafelklavier, das Schmidt-Steingraeber vor zwei Jahren im Lager der Klaviermanufaktur entdeckte. Mittlerweile ist das Pape restauriert, Schmidt-Steingraeber lässt die Finger über die Tasten gleiten und entlockt dem Instrument farbenreiche Töne aus längst vergangener Zeit.

Nahezu unspielbare Mechanik

Heinrich Pape, das war der deutsche Klavierbauer, der in die Musik-Welthauptstadt Paris zog, um sich dort mit dem kongenialen Klavierbauer Sébastien Érard ein Fernduell zu liefern, um die Gunst solcher Stars wie Chopin. Die Musikwelt verdankt ihm zum Beispiel die Erfindung des Filzhammers. „Pape war ein mindestens genauso großer Erfinder wie Érard“, findet Steingraeber. Das Pape-Klavier in seiner Ausstellung verfügt zum Beispiel über Sordino, jenen Klangeffekt, den der Pianist über Pedal auslöst: ein Druck mit dem Fuß, und ein dünner Filz schiebt sich zwischen Hämmer und Saiten. In seine modernen Flügel baut Steingraeber diesen vergessenen Effekt wieder ein. Das Anwesen wandelt sich und bleibt eben dadurch dasselbe

Aber auch Sünden stellt Steingraeber aus, etwa das Klavier im unechten Chippendale-Stil, firmenintern „Buckel“ genannt; den „Rippenflügel“, als nach dem Krieg „ein Gottvertrauen in neue Materialien“ herrschte, oder ein Art-déco-Instrument mit „nahezu unspielbarer Mechanik“, wie Steingraeber sagt. Ferne Ahnen heutiger Technik sind zu sehen. Ein Cembalet der Firma Hohner etwa, 1959 eines der frühesten elektronischen Tasteninstrumente. Die Töne wurden noch mechanisch erzeugt, indem Metallzungen über Zungen an Plättchen strichen, mit einem cembaloartigen Klang als Ergebnis, der dann elektronisch verstärkt wurde. Als „mechanischen Computervorläufer“ sieht Steingraeber den „Vorsetzer“ mit Lochkarten als Speichermedium: ein seltsamer Automat, der die Tasten eines Klaviers bediente.

Historische große Küche

Auch das Handwerk ist vertreten, mit einem sogenannten Biegebock, um den herum die dünnen Holzschichten in die Form eines Flügel-Corpus gezwungen wurden. Der Biegebock dient heute als Vitrine. Das Museum ist so weit fertig und in einer Führung schon zu besichtigen. Nebenan aber sind noch die Handwerker zugange: Die historische große Küche soll irgendwann Künstlern und Kunstbegeisterten zum Kochen, Diskutieren und Nachtrunk zur Verfügung stehen. So, als wäre das Haus eine große WG.

So soll es sich auch in ein paar Wochen anfühlen. Dann spielt Yaara Tal auf dem Liszt-Flügel Rossini und Satie, der Schriftsteller Alain C. Sulzer liest. Vorher ist Apéro mit Frankenwein und Häppchen. „Dann wird der Biegebock zum Stehtisch“, sagt Steingraeber und lacht. Ganz abgeschlossen, inklusive der großen Küche, wird das Projekt im März sein, rechtzeitig zur "Zeit für Neue Musik". "Dann können wir die Küche auch gleich richtig mit einer ganzen Menge Künstler einweihen", sagt der Hausherr und Kunstwirt. Ein historisches Klavier im Konzert

Das Konzert mit Yaara Tal und Alain C. Sulzer findet am 10. Januar statt. Es beginnt um 19.30 Uhr, Apéro in den Museumsräumen um 19 Uhr. Das Pape-Klavier ist bereits am 15. Dezember bei einem Konzert mit Alain Roudier und Norberto Broggini zu erleben.

 

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