Revolution in Bayern Historiker Christoph Rabenstein über den 8. November 1918

BAYREUTH/MÜNCHEN. Kriegsende und Beginn der Revolution: An der Westfront sieht das geschlagene deutsche Heer am 8. November 1918 der Niederlage ins Gesicht. In Bayern ruft Kurt Eisner den Freistaat aus. Und in Bayreuth? Bleibt es ruhig.

Ein Philosoph mit Rauschebart, gebürtiger Berliner, Jude und – als Journalist – „Quereinsteiger“ in die Politik: Wie kam ausgerechnet Kurt Eisner dazu, in der Nacht vom 7. auf den 8. November den König für abgesetzt und Bayern zum Freistaat zu erklären?

Christoph Rabenstein: Ich bin der Meinung, dass er in München eigentlich die anderen überrumpelt hat. Die Situation am Ende des Ersten Weltkriegs war sehr turbulent, es ging alles drunter und drüber, und da hat er die Gunst der Stunde genutzt. Ich glaube, dass er auch seinen Gegenspieler in der SPD, Erhard Auer, überrumpelt hat. Auer wollte, dass die Ereignisse nicht auf revolutionäre Bahnen gelangten, doch Eisner hat dann diesen Marsch zur Theresienwiese genutzt, um die Revolution und die Absetzung des Königs auszurufen. Am nächsten Tag, es war der 8. November, waren viele davon überrascht. München hat gestaunt. Eisner aber hat sich durchgesetzt, er wurde als erster Ministerpräsident gewählt, und hat es dann auch geschafft, dass er die Sozialisten des bürgerlichen Flügels in seine Regierung bekommt. Auer ist als Innenminister in diesen Vollzugsrat berufen worden.

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Ein radikaler Revolutionär aber war Eisner nicht. Rabenstein: Jedenfalls keiner, der eine Revolution nach russischem Muster wollte, er war auch kein Spartakist. Dann hätte er niemals Auer um seine Mitwirkung angefragt, einen Mehrheitssozialisten.

Rabenstein: Wie reagierte man in Bayreuth auf die Revolution in München? Rabenstein: In Bayreuth hatten die Sozialisten der Mehrheits-SPD eine sehr starke Stellung. Die waren mehr die Auer-Richtung. Man konnte nicht anders, als Umsturz und Revolution mitzumachen, aber wo es ging, hat man versucht zu bremsen. Man hat auch versucht, die bestehende Stadtverwaltung mit ins Boot zu nehmen, Oberbürgermeister Casselmann zum Beispiel, um alles in geordnete Bahnen zu lenken. Auf keinen Fall wollte man Blutvergießen oder Chaos.

So kennt man Bayreuth heute noch…

Rabenstein: Ja, das setzt sich fort bis zum heutigen Tag (lacht). Im Ernst: Hier gab es schon auch einen Arbeiter- und Bauern-Rat, aber das war eher ein Gremium zur Lösung von Problemen mit der Lebensmittelversorgung. In Hof war die USPD stärker, da hat man anders reagiert.

Inwiefern?

Rabenstein: Da war man eher auf Linie von Eisner und äußerte sich entschlossener gegen die Monarchie. Wenn in Bayreuth jemand gesagt hätte, kommt, lasst uns eine parlamentarische Monarchie errichten, hätte er sicherlich breite Zustimmung erhalten. In Bayreuth war das Stichwort in jedem Aufruf: „Ruhe und Ordnung!“

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Welche Chancen hatte der „Volksstaat“ Eisners, wenn man sich die Reaktion in Bayreuth und vergleichbaren Städten anschaut?

Rabenstein: Auf lange Sicht überhaupt keine. Weil Bayern auf das, was Eisner wollte, überhaupt nicht vorbereitet war. Man hat das bei den Wahlen im Januar 1919 gemerkt, da ist die USPD total abgestraft worden. Nur drei von 180 Sitzen im Landtag hat sie erhalten, heute würde sie nicht mal die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Die USPD nutzte in den chaotischen Tagen am Ende des Ersten Weltkriegs die Gunst der Stunde. Als das Geschehen dann in normale Bahnen gelangte, änderte sich das rasch, die Mehrheits-SPD und die Bayerische Volkspartei gingen als stärkste Kräfte aus der Wahl hervor. Die Eisner-Linie war nicht so radikal revolutionär wie der Umsturz in Russland oder die Spartakisten, aber selbst das wollte man eigentlich nicht. Mit dem Freistaat war man einverstanden, nicht aber mit dem Umsturz.

Doch nach seiner Ermordung im Februar 1919 trauerten in München Zehntausende.

Rabenstein: In Bayreuth waren ebenfalls Tausende auf den Beinen. Das war diese Ambivalenz. Man hatte ihn nicht gewählt. Seinen gewaltsamen Tod aber fand man beunruhigend. Da war die Meinung, was er auch für eine Haltung gehabt haben mag - dass er ermordet wird, das geht überhaupt nicht. Es herrschte eine große Solidarität mit Eisner.

Nach Eisners Ermordung dauerte es nicht lange, und schon versuchten Kommunisten in München, den Freistaat in ein sozialistisches Rätesystem umzuwandeln. Wie reagierte man in Bayreuth auf diese zweite Revolution?

Rabenstein: Davon war man erst recht nicht begeistert, genau das das hatte man vermeiden wollen. Die Nachrichten aus München waren nicht eindeutig, es war ein großes Durcheinander. Die zweite Räterepublik, als dann die harten Kommunisten das Heft in die Hand nahmen…

…wie etwa Leviné und Levien

Rabenstein: genau, die hat man rundum abgelehnt. Man hat nicht groß demonstriert, aber in Bayreuth war man auf der Linie der Regierung Hoffmann, die sich vor den Unruhen nach Bamberg geflüchtet hatte. Die Sozialdemokraten in Bayreuth waren eher dafür, dass man gegen die Räte vorgehen soll. Es ist allerdings nicht klar, inwiefern sie den Einsatz der Freikorps befürworteten, der von der Regierung Hoffmann gewünscht wurde.

Freikorps, in denen auch der Bayreuther Hans Schemm mitmarschierte, der spätere Chef des NS-Gaus Bayerische Ostmark.

Rabenstein: Ja, und offenbar auch der SPD-Politiker Oswald Merz. Dazu möchte ich mich aber noch nicht äußern, da muss ich erst mal jede Menge Quellenstudium betreiben.

In München gab‘s Chaos, einen blutigen Bürgerkrieg mit vielen hundert Toten. Und in Bayreuth?

Rabenstein: So weit ich weiß, blieb es hier friedlich.

In Ihrem Vortrag geht es auch über die Folgen dieser Revolution von 1918, über den Hitler-Putsch 1923 und die November-Pogrome 1938: Abgesehen davon, dass es sich da jeweils um den 9. November handelt: Wie hängen die Ereignisse zusammen?

Rabenstein: Auch der Mauerfall ereignete sich an einem 9. November, es ist der Schicksalstag der Deutschen. Es gibt auf jeden Fall einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Hitler-Putsch und der Reichspogromnacht. In München hat man die so genannten Helden des gescheiterten Staatsstreichs von 1923 an der Feldherrenhalle gefeiert, aber auch in Bayreuth. Anlässlich dieser Nazi-Feier kam dann aus München der Anstoß, gegen Juden und Synagogen vorzugehen. Als Vorwand dafür gebrachten die Nazis das Attentat, das Herschel Grynszpan in Paris auf einen deutschen Diplomaten verübt hatte, doch der tiefere Zusammenhang liegt in den Nazi-Feiern für den 9. November. Der Zusammenhang zwischen 1918 und 1923 ist eher Zufall. Man hatte in Franken schon im Herbst 1923 Hitler und seine NSDAP unheimlich nach vorne gebracht, in Hof, Bayreuth, Nürnberg. Da hat es die so genannten Deutschen Tage gegeben, Propagandaveranstaltungen für Hitler, massiv unterstützt von der Bezirksregierung. Und ich glaube, dass Hitler hier derart Rückenwind gespürt hat, dass er den Marsch nach Berlin für möglich hielt.

Nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom.

Rabenstein: Das war auch ein Schlagwort in den Zeitungen. Auf nach Berlin, hieß es da. Wir marschieren über Nordbayern in die Hauptstadt. Hitler hat 1923 in Bayreuth übrigens Houston Stewart Chamberlain und das Haus Wagner besucht, und dieser Kontakt ist nie mehr abgerissen. Auch nach dem kläglich gescheiterten Putsch hat die Familie Wagner ihm die Treue gehalten. Es ist ja auch bekannt, dass das Papier für die Niederschrift von „Mein Kampf“ während der Festungshaft in Landsberg aus Bayreuth kam. Winifred und Siegfried waren an jenem Abend übrigens in München, und nachher hat Winifred im Parteilokal davon berichtet, und dass sie an Hitler festhalten werde. Ansonsten hat sich 1923 hier nicht viel ereignet. Hier hat man abgewartet.

Was bedeutet für Sie der 8. November?

Rabenstein: Man sollte diese Tage feiern, den 7., 8. Und 9. November 1918. Man kann stolz darauf sein. Demokratie, Frauenwahlreicht, überhaupt das allgemeine Wahlrecht – das gab es damals erstmals. Viele gute Dinge der Weimarer Republik haben überlebt. Es war ein Aufbruch in die richtige Richtung, die erste Demokratie auf deutschem Boden, die – bei all ihren Schwächen – funktioniert hat. Eisner wurde man lange Zeit nicht gerecht, man hat ihn als Spinner abqualifiziert. Aber das ändert sich seit einigen Jahren.

 

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