Raunächte - eine unheimliche Zeit

Dunkel und unheimlich, so wirken die zwölf Raunächte auf viele Menschen. Foto: Otto Pilz

Am kommenden Samstag, dem „Öbersten“ gehen die zwölf Raunächte zwischen dem Heiligen Abend und dem Dreikönigstag zu Ende. Heutzutage sind die elf Tage zwischen Weihnachten und Epiphanias für viele eine Zeit zum Ausruhen und Atemholen. Für viele, die nicht an altes Brauchtum glauben, ist es nur „die Zeit zwischen den Jahren“. In der Vergangenheit waren die Raunächte aber eine Zeit, in der die Toten unter den Lebenden wandelten, und es wurde allerhand Aberglaube gepflegt.

Eine recht magische Zwischenzeit

Der Begriff „Zwischen den Jahren“ ist früher eine recht magische Zwischenzeit, die zurück auf zwei unterschiedliche Kalender geht, nach denen sich die Menschen richten mussten, wobei der Mondkalender hohe Bedeutung genoss. So hatte nach diesem Jahresweiser ein Jahr zwölf Vollmondzyklen mit 354 Tagen, das Sonnenjahr jedoch 365. In der fehlenden Zeitspanne zwischen zwei Lunarkalenderjahren lagen also elf Tage und zwölf Nächte. Das bot viel Platz für Geister und Dämonen, zumal es die dunkelste Zeit nach der Wintersonnenwende war, wo die Tage fast so finster wie die Nächte sind.

Die „zwölf heiligen Nächte“, wie sie auch genannt werden, sind auch als Rau- oder Rauchnächte bekannt, in der früher vor allem bei den Bauern die Arbeit ruhte. Man verabschiedete sich vom alten und hoffte auf ein gutes neues Jahr. Durch Stall und Wohnhaus wurden Räucherschalen getragen, um böse Geister und Dämonen zu vertreiben. Der Brauch sollte zudem für Gesundheit bei Mensch und Tier sorgen.

In den Raunächten wandeln die Seelen der Toten

Aberglauben war weit verbreitet, viele Arbeiten waren verboten, kein Unheil sollte heraufbeschworen werden. Das Böllern in der Neujahrsnacht geht letztlich auf das Brauchtum aus dieser Zeit zurück, sollten doch Hexen und böse Geister durch Lärm, Rauch und vielerlei Schutzzauber vertrieben werden. Denn, so glaubte man, zur Mitte der Raunächte stehe das Geisterreich offen und die Seelen der Verstorbenen wandern umher.

Auch ging man davon aus, dass im neuen Jahr Träume aus den Raunächten in Erfüllung gehen werden. Der Glaube an allerlei Geister und Unholde konnte fröhliche Urständ feiern – ein Treiben, dem selbst die Kirche kaum etwas entgegensetzen konnte und es daher weitgehend tolerieren musste.

In Stechendorf lebt das "Fitzeln" wieder auf

Angesichts bunter Lichterketten und greller Leuchtreklame ist das mystische Geheimnis dieser Winternächte heutzutage in den Hintergrund getreten. Allenfalls Heimatpfleger und Chronisten beschäftigen sich noch mit diesem Thema, das einst das Brauchtum ganzer Generationen bestimmte, aber auch bereicherte.

So unterschiedlich die Regionen, so mannigfach waren auch die Bräuche. In Stechendorf bei Hollfeld beispielsweise lassen die Kerwaburschen und -madla seit 2015 das alte Volkstum mit dem „Fitzeln“ wieder aufleben, das vor allem den Kindern viel Freude bereitet, werden die Bewohner eines Hauses doch mit Zweigen und Ruten gegen die Füße und Hände geschlagen, was die bösen Geister vom Hause fernhalten soll.

Einst galten viele Verbote

Nicht zu allen Zeiten haben die Menschen am ersten Januar das neue Jahr begonnen. Bis vor gut 300 Jahren feierte man den Jahreswechsel nach Glauben und Nationalität entweder zu Weihnachten, zu Silvester oder gar erst am 6. Januar, sicher ein Grund mehr für die Bezeichnung „Zwischen den Jahren“. Erst Papst Innozenz XII. setzte dem Durcheinander im Jahre 1691 ein Ende, in dem er den von Papst Gregor XIII. bereits 1592 eingeführten gregorianischen Kalender für bindend erklärte.

Geblieben sind mancherorts aber die Schauergeschichten und zuweilen heidnischen Rituale in einer Zeit, wo die Tage kurz und die Nächte lang sind. Für die „besinnliche Zeit“ um den Jahreswechsel galten einst viele Verbote. Nur die notwendigsten Arbeiten durften während der „Wendenächte“ verrichtet werden und nicht selten hatte das Gesinde auf den Bauernhöfen sogar frei, denn weder Spinnrad noch Mühlrad durften sich drehen. Wichtig war, die Götter friedvoll zu stimmen, damit es kein Unglück im kommenden Jahr gab.

Bloß keine Wäsche aufhängen in den Raunächten

Wäschewaschen war während der zwölf Raunächte strikt verboten. So hängen auch heute noch einige Bäuerinnen in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig keine Wäsche an die Leine, denn es besteht dem Volksglauben nach die Gefahr, dass im neuen Jahr eine Kuh oder ein anderes Stück Großvieh das zeitliche segnen könnte. Ausnahme: Es landet beim Metzger. Andere glaubten, dass böse Geister das Tuch von der Leine stehlen und später für ein Leichentuch verwenden könnten.

Und auch verquere Träume, die in diesen dunklen Nächten so manchen Zeitgenossen aus dem Schlaf hochschrecken lassen, gehen nach Überzeugung der Altvorderen meist in Erfüllung.

Hoffnungsvolles für Heiratswillige

Es gibt in den „heiligen zwölf Nächten“ aber auch viel Hoffnungsvolles. So soll dem Volksglauben nach schon so manchem Mädchen im Traum der Liebste erschienen sein. Wer sich dem alten Brauchtum verschreiben will, der sollte bei der Bräutigamsuche auf jeden Fall einen Stein werfen, denn aus welcher Richtung Hundegebell zu vernehmen ist, aus dieser wird dann (hoffentlich) auch der künftige Ehepartner kommen.

Andernorts wurde ein Pantoffel gegen die Türe geworfen – die Schuhspitze sollte zeigen, aus welcher Richtung der Auserwählte kommen werde. Wer es als Mädchen noch genauer wissen möchte, der sollte während der zwölf Raunächte einfach mit ausgebreiteten Händen einen Gartenzaun abmessen. Anhand der übrig gebliebenen Latten kann es dann jene Jahre abzählen, die es noch warten muss, bis es den begehrten Hafen der Ehe ansteuern kann.

Gebratene Zwiebelschale an die Fußsohle binden

Nicht zuletzt eigneten sich die Spuknächte ehedem auch zur Bekämpfung verschiedener Krankheiten, glaubte man doch, dass Himmel und Erde in besagter Zeit von Heil- und Segenskräften durchdrungen sind. Wer also nach Weihnachten Husten bekommen sollte, kann den alten Brauch, eine gebratene Zwiebelschale an die Fußsohle zu binden, vor dem Anruf beim Hausarzt ja mal ausprobieren.

Für aufgeklärte Zeitgenossen lautet die Quintessenz aus diesem heute skurril anmutenden Brauchtum: Wer sich auch im neuen Jahr auf seine eigenen, Gott gegebenen Kräfte besinnt, wird auch in Zukunft nicht schlecht damit fahren.

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